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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-03-01 · 5 (1.3.1933) · p. Seite 67

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
5 (1.3.1933)
Date
1933-03-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeituüg 67 erotisches Glück gefunden hat. Doch „lernte sie von ihm gelieb.t zu sein" und ruhte in der vergötternden Liebe, mit der sie Varnhagen umgab, geborgen bis an ihr Ende. Die Erscheinungsform jener Erlebnisse, die an den innersten Kern der „Existenz" rühren, machen die Eigentümlichkeit einer Persönlichkeit meist deutlicher sichtbar als alle Zeugnisse und Selbstzeugnisse, die von ihr überliefert sind. Die Soanung zwischen „Leben" und „Geist", in Raheis Fall zwischen ihrer Weiblichkeit und ihrem männlich starken Intellekt ist das innerste Formprinzip ihres Wesens, der Grund ihrer Originalität und ihres vielfach differenzierten menschlichen Reichtums. Wenn sie zu. Goethe in verehrender Liebe aufschaute und ihm verstand wie kaum einer ihrer Zeitgenossen, so war dies im Grunde jene sehnsüchtige Liebe, mit der der ..sentimentalische" Mensch, für den der „Geist" in schmerzlich gefüllter Trennung von dem „Leben" (oder der „Natur") erlebt wind, zu dem „naiven" kommt, bei dem diese beiden Wesensteile des Menschen sich in harmonischer Einheit verbinden. Das Bewußtsein dieser Spannung zeigt sich sehr deutlich in solchen Worten Raheis: „Die Gaben, (die ich habe, bat man niohi umsonst. Mein scharfes Wissen, Sondern und Scheiden... mein preziser großer Zusammenhang mit der Natur, das bischen Bewußtsein darüber, das (dieser Gegensatz) kostet mich was". Sie wußte, daß sie zu einfachem Glück nicht berufen war: „Solche Geschöpfe wie ich wenden nicht aufgeiniommen. loh weiß zu viel und halte mich selbst..." Aber auf der anderen Seite war sie sich der Macht ihres Geistes und „inneren Reichtums" als eines hohen und auszeichnenden Glückes bewußt. Ünd immer bemüht über die Grenzen -ihrer eigenen Natur hinaus zu dem Menschlichen als solchem vorzudringen, erkannte isie, daß gerade in „dem Wechsel von Bewußtsein und Nicht-Bewußtsein", von „Geist" und „Leben" das eigentliche Menschentum des Menschen beschlossen ist. „Das ist kein Mensch, der sich nicht ganz fühlt." Aus -der äußeren Erscheinungsform des menschlichen Wesem zu seinen ewigen Bedingunigen vordringend, repräsentierte Rahel Varnhagen die „Humanität" des Zeitalters in diesem theoretisch-metaphysischen Sinne. Aber -auch in. ihrem ethischpraktischen im Sinne der Menschenliebe. Die Güte und Weite ihres Herzens -ist viel gerühmt, ihre Anteilnahme an den Schicksalen ihrer Mitmenschen nimmt einen breiten Raum in ihren Briefen ein, wie sie denn auch eine umfangreiche Lazaretttätigkeit in Prag im Kriegsjahre 1813 zu der glücklichsten Zeit lires Lebens zählt. „Ich habe nicht einen Augenblick Zeit, seit ich den Solidaten helfe. Aber wie glücklich bin ich! Ich kann hcifen. Womit habe ich das verdient? Warum hell ich ihnen, sie -nicht mir? So frag ich immer... Große, große Gnade hab ich schon in diesem Krieg erfahren. Ich konnte sehr Gutes wirken..." Wenn aus der Situation des deutschen Judentums heraus Rahel Varnhagen sich -ihm entfremdete, so reicht doch ihre starke, -ihre reiche, ihre im höchsten Sinne humanitäre Persönlichkeit weit über diese geschichtlichen Bedingungen hinaus, und immer darf -das deutsche Judentum stolz sein, daß sie ihm entstammte und ihr Wesen zuletzt doch durch ihr jüdisches Menschentum entscheidend geprägt war. Nachbemerkung der S c h r i i 11 e i t u n g : Im Jahr 1834 erschienen bei Dunoker & Hurnblot die drei berühmten, in der Unger-Fraktur gesetzten Bände „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde" mit dem schönen Stahlstich der Raheischen Gesichtszüge von- C. E. Wesser. Der Gatte, August Varnhagen van Ense, hatte auf 50 Seiten unter dem unmittelbaren Eindruck des Todes ein Lebensb'ld von ihr entworfen und' dem ausgedehnten Briefwechsel vorangestellt; darin zeichnet er folgendes auf: „Merkwürdig sind die folgenden Worte, die ich gleich am 2. März 1833. unmittelbar und genau, wie sie von Rahel gesprochen waren, mir aufschreiben mußte: «Welche Geschichte! — rief sie mit tiefer Bewegung aus, — eine aus Ägypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier, und finde Hilfe, Liebe und Pflege von euch! Dir, lieber August, war ioh zugesandt... Mit erhabenem Entzücken denk' ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschicks, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumformen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war. eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht' ich das jetzt missen.»" Welche stürmische Melodie auf ihrer stolzen und zarten Seele Geist und Schicksal SDielten. bezeugen vielleicht am besten ihre Worte: „Zwei unaussprechliche Fehler hab ioh: Eine zu große Dankbarkeit und zuviel Rücksicht für menschliches Angesicht. — Eher kann ich nach dein eigenen Herzen mit der Hand fassen und es verletzen als ein Angesicht kränken und ein gekränktes sehen. Und zu dankbar bin ich, weil es mir schlecht ging und ich gleich an lauter Leisten und Vergelten denke. — Dies alle0 kommt daher, weil die holde freigebige sorglose Natur mir eines der feinsten und stärksten organisierten Herzen gegeben hat, die auf der Erde sind, weil ich keine persönliche Liebenswürdigkeit habe und man es also nicht sieht. — Ich habe viele Gaben, aber keinen' Mut, nicht den Mut, der meine Gaben zu bewegen vermag, nicht den Mut, der mich genießen lehrte, wenn es auch einem anderen etwas kostet. Ich setze jedes anderen Persönlichkeit höher als meine; ziehe Frieden dem Genuß vor und habe nie etwas gehabt." Säkularisiertes Heiligtum - Mikdasch meat Unter diesem zweiten Titel läßt der bekannte hebräische Schriftsteller. Mordechai ben Hilel Bakohen eine Schrift erscheinen (London, Verlag Haolam), in der er sich für Errichtung eines Zentralheiligtums in Jerusalem einsetzt. Er glaubt nicht an die bindernden Kräfte des Zionismus öder der hebräischen Sprache. Das Volk braucht ein Symbol für sein geistiges Streben, so wie die Juden in der Wüste die Lade brauchten und die seßhaften Juden den Tempel. Den Verlust dieses Tempels haben die Juden nie verwunden. Er ist der wahre Grund ihrer Zerstreuung, und der neuen Regenerationsbewegurag liegt es ohne Zweifel ob, einen Ersatz, ein neues Symbol zu schaffen. Verfasser denkt nicht an die Wiedererrichtung des Tempels und des Opferdienstes. Was er vorschlägt, ist die Errichtung eines Heiligtums ^minderer Ordnung" (mikdasch meat), das auf einem der Berge bei Jerusalem zu errich-

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