Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6ß Bayerische Israelitische Gemeindezeitüng Nr. 5 durch -die geistig bedeutenden Frauen seines Kreises: durch seine Tochter Dorothea, die spätere Gattin Friedrich Schlegels, durch Henriette Herz und vor allem durch Rahel Levin. der im Jahre 1771 geborenen Tochter des Kaufmanns Markus Levdn. Die Geisteskraft und Schärfe, die „seelische Lockerung und Nervosität ihrer Rasse" (wie Gundolf es einmal ausdrückt), das Fingerspitzengefühl für die geistigen Erscheinungen der Zeit, für ihre Philosophie und Dichtung, ihre Gesellschafts- und Persönlichkeitskultur war in Rahel in einem besonderen Maße angelegt. Die Züge des Zeitalters, die immer noch wirksame rationalistische Intellektualität der Aufklärung, der Geästesidealismus der Klassik und zuletzt die mehr seelenhafte Feinnervigkeit der beginnenden Romantik begegneten sich mit den Anlagen 'ihrer Natur, wie sie nicht zuletzt durch ihr jüdisches Menschentum gegeben waren. Sie gelangte zu einer raschen und tiefen Einfühlung in das deutsche Bildungsleben, das sie in einer höchst persönlichen und originalen Weise sich aneignet. Die Art und Weise dieser Aneignung entsprach wiederum einer Lebensform der Zeit. Sie geschah in der Form der Salongesel- Jigkeit, die die eben von den Brüdern Wilhelm und Friedrich Schlegel begründete romantische Schule in einer besonders bewußten und kultivierten Form in Jena und in Berlin ausbildete. Den Romantikern war es ganz wesentlich um die Ausbildung der „Individualität" zu tun, deren Entwicklung „als höchsten Beruf zu treiben" Friedrich Schlegel einen „geradezu göttlichen1 Egoismus" nannte und diese' Ausbildung geschah bei ihnen in der Form der „Empfängnis" aus dem Kosmos des Geistigen, des Austausches, des „Symphilosophierens". kurz in der Form der Geselligkeit, deren äußerer Raum der „Salon" war. Es ist eine Form der geistigen Bildung, die nicht ohne die Mitwirkung der Frau geschehen kann, und so kamen die jüdischen Frauen, an erster Stelle Rahel, der Biidungstendenz und -Form der Zeit entgegen, ja sie waren es, die in Berlin eben die „romantischen Salons" begründeten. Raheis Salon ist neben dem der Henriette Herz der berühmteste der deutschen Geistesgeschichte geworden. Als sich in ihren einfachen Stuben bedeutende Gelehrte, hohe Militärs, Angehörige des Kgl. Hofes. Dichter und Künstler versammelten, Alexander und Wilhelm von Humboldt etwa, Friedrich Gentz und der ihr sehr nahe Freund Alexander v. D. Marwitz, der Prinz Louis Ferdinand, Schlegel, Sohleiermacher und viele mehr, da erfüllte sich ihr ein Teil ihres Wesens und Strebens. Denn „die Gesellschaft war mir von je die Hälfte des Lebens. Weil ich richtig fühlte, was sie sein sollte, der sich bewußte, behagliche Verein im Genuß und Weiterbringen alles menschlich schon Geleisteten, der Bildungskreis,'in dem Natur- und Geistesausbeute sich durchdringen". Aus der „Gesellschaft" schöpfte sie den Stoff dessen, was ihr das Leben bedeutete; und es war zuletzt die Fülle des „Lebens" in allen seinen Nuancen der große Gegenstand, an dem sie nachdenkend und sich einfühlend ihren Geist immer von neuem entzündete, als „eine große Detailliebhaberin", als eine Lebensfromme im Sinne Goethes, der recht eigentlich aus diesem Grunde das heiligste und innerste Erlebnis ihres Daseins war. Das Leben war es aber auch, das sie vielleicht aus dem jüdischen „.Drange zur Verwirklichung" (Felix Goldmann) und an diesem Punkte ganz unromantisch, in allen seinen Beglückungen und Schmerzen aufs intensivste selbst leben und erleben wollte. „Ich bin so einzig als die größte Erscheinung der Erde. Der größte Philosoph, Dichter oder Künstler ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element... Mir aber war das Leben angewiesen," und gegen das Ende ihres Lebens spricht sie die großen, die Goetheschen Werte: „Leben ist die große Uressenz, der tiefe Urstoff, woraus alles entquillt, mit und ohne unser Zutun!". Die Hingabe an die Gesellschaft, das einfühlende Verstehenkönnen alles Menschlichen, verbunden nun mit einem außerordentlichen, einem tiefen und feinen Verständnis für die Werke des Geistes, mit dem geistreichsten Witz und einer geradezu sprachschöpferischen Kraft der Rede, (von der wir in ihren Briefen einen lebendigen und unmittelbaren Niederschlag besitzen), trug ihr die Ernte ein, die sie — hier keineswegs frei von Eitelkeit und Geltungstrieb, erhofft hatte. Nicht nur wunde ihr Salon der „Umschlagsplatz der geistigen Güter" ihrer Zeit — wunde er doch vor allem der Ausgangspunkt des Goethekultus der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts — auch ihr persönliches Leben wunde damit reich an Freundschaft mit den bedeutendsten Männern und Frauen der Zeit, von der ihr umfangreicher Briefwechsel mit Karoline v. Humboldt. Friedrich v. Gentz, David Veit, Alexander v. d. Marwitz. Varnhagen van . Ense u. a. m. ein höchst interessantes Bild gibt. Und die Wirkung, die sie übte, ist eingefangen in manchem Wort ihrer bedeutendsten Zeitgenossen. Jean Paul nannte sie „eine einzige Erscheinung", die die „hohe Freiheit der Dichtkunst in die Gebiete der Wirklichkeit zu bringen verstehe", und Goethe, den sie 1795 in Karlsbad kennen lernte, sagte: „Sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte", der höchste Titel, den der Dichter der Humanität, der Dichter des „Tasso" und des „Wilhelm Meister", Werke, die Rahel vor allem liebte — zu vergeben hatte. Aber war die Gesellschaft, das Aufgehen in ihr, auch die Hälfte ihres Lebens — ihr ganzes, ihr innerstes Leben war sie dennoch nicht. Geralde hier, wo ihre Größe und ihr Glück lag, war auch zugleich der Mangel ihrer Existenz und ihre eigene unsägliche Not. Denn sehen wir tiefer zu, so spüren wir, daß die Gesellschaft ihr zuletzt doch nur ein Ersatz war, daß sie sich gesehnt hätte, sich nicht immer an viele, sondern an einen einzigen Menschen ganz und ungeteilt hingeben zu können. Ja, der tiefste Anspruch des Menschen an das Leben, der Anspruch der Liebe ist ihr nie ganz zur Erfüllung gekommen. Nicht, daß sie nicht geliebt hätte und geliebt worden wäre — vernichtende Leidenschaften sind über sie hinweggestürmt, die immer ganz aus dem Mittelpunkte ihres Herzens lebte — aber es war ihr innerstes, in ihrem eigensten Wesen gegründetes Schicksal, daß ihre Liebeserlebnisse niemals zu voller Harmonie erblühen konnten. Denn was ihr Herz ersehnte, hinderte ihr Intellekt. Und immer von neuem geschah es, daß Herz und Sinne den Ansprüchen ihres Geistes auswichen und niemal« zusammen ihre Erfüllung fanden. Das war das Schicksal ihrer Liebe zu dem jungen Grafen Karl v. Finkenstein, einem schönen jungen Mann von mittelmäßiger Begabung und schwachem Charakter, der 'die Verlobung mit ihr unter dem Vorwand von Familienrücksichten löste, weil er offenbar unter dem Reichtum ihres Geistes mehr litt als sich an ihm beglückte. Und das war das Schicksal der Leidenschaft, die sie zu dem spanischen Legationsseikretär Don Raphael d'Urquijo hintrieb, der eine männlich schöne Erscheinung, aber ein einfacher Geist keinen Begriff von Rah eis vielfach kompliziertem Wesen, der Anmut und Schärfe ihres Geistes hatte; vor dem sie jedes geistreiche Bonmot unterdrückte und möglichst einfach erscheinen wollte, um seine Liebe zu erhalten. „Ich log, um mir das Leben zu fristen.' Ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus... ich bog und bog und bog...!" Sie kam endlich zur Ruhe in der Freunidschaft und später der Ehe mit August Varnhagen van Ense, der weit jünger als sie, zwar keine bedeutende schöpferische Natur, aber ein Mann von ungewöhnlichen Kenntnissen und hoher Geistesbildung war. Sie liebte ihn herzlich, aber es scheint, daß sie hier nun kein volles