Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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März 1933 Nummer 5 Inhalt: Rahel Varnhagen — Säkularisiertes Heiligtum — Mücdasch meat — Jakob Wassermanns Heimattreue — Das freie Wort — Karl Marx und seine Stellung zum Judentum — Nachrichten aus der Welt des Judentums — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus der Gemeinide Bamberg — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultus- " gemeinde München: Bekanntmachung über Besetzung von Ausschüssen und Benennung von Beauftragten -der Gemeinde — Bekanntmachung über Verteilung von Präbenden aus der Jakob und Klara Frommschen Familienstiftung — Bekanntmachung über Verteilung von Aussteuer- bzw. Mitgiftbeihilfen aus der Joseph Kronheimer'schen Ausstattungsstiftung — Bekanntmachung über Zuteilung einer Ausstattungsbeihilfe aus der Regina und Wilhelm Blumgart'schen Aussteuerstiftung — Bekanntmachung über Mazzoth-Versorgung — Personalia. Rahel Varnfiagen Zu ihrem 100. Todestage am 7. März 1933 Von Dr. Käte Hamburger (München) Wenn heute der deutsche Jude des 100. Todestages der Rahel Levin-Varnhagen gedenkt, die gewiß als eine der bedeutendsten Erscheinungen des letzten Jahrhunderts seiner Geschichte anzusprechen ist, so verlangt ein solches Gedenken die Objeiktivität der geschichtlichen Betrachtung in einem besonderen Maße. Durch die judenfeindlicbe Hochflut von neuem in den schweren Konflikt zwischen seinem Judentum und seinem deutschen Lebens- und Kulturraum gestürzt, aus ihm immer bewußter, in einem religiösen oder nationalen Sinne, sich auf das Bollwerk seines Judentums zurückziehend, wirdder deutsche Jude «ehr leicht geneigt sein, aus seiner heutigen Situation heraus der Erscheinung der Rahel Varnbagen in einer kritisch ablehnenden Fonm zu begegnen. Denn die geschichtliche Stellung und Leistung dieserjüdischen Frau ruht nicht so sehr in ihrer Bedeutung für das Judentum wie für das Deutschtum des deutschen Juden, in dessen Assimiktionsgesohichte eben sie" einen Höhepunkt darstellt. Aber wenn man es ihr heute vorwerfen zu können glaubt, daß sie unter ihrer jüdischen Abkunft gelitten, aus dem Kreise ihrer Glaubensgenossen hinweggestrebt hatte in die damals weitere und hellere Welt der deutschen, ja europäischen Gesellschaft und Bildung hinein, daß sie endlich vor ihrer Eheschließung mit Varnbagen van Ense den Übertritt zum protestantischen Christentum vollzog — so vernachlässigt man die geschichtliche und geistige Verfassung, in der sich in jener Epoche nicht nur der deutsche Jude, sondern die abendländische Menschheit selbst befand. Es ist notwendig, sie in wenigen Zügen izu zeigen, um der Gestalt und der Bedeutung der Rahel für das damalige Judentum völlig gerecht werden zu können. Die Aufklärung 'hatte als Fortsetzerin der Renaissance den großen Versuch gemacht, die ständischen, nationalen und nicht zuletzt die religiösen Bindungen der menschlichen Gesellschaft aufzulockern. Das Symbol Gottes wurde ersetzt durch den Begriff der Vernunft, vor deren Richterstuhl auf allen Gebieten des Lebens alle Menschen gleich sein sollten1. Durch sie wurde der Mensch zum Menschen; der Begriff der „Humanität",'der vornehmlich von der deutschen Klassik aufgenommen und in einem ethisch-idealistischen Sinne emporgeläutert wurde, wurde der höchste Wert des Zeitalters. Humanität im Sinne der geistigsinnlichen, der metaphysischen Einheit des Menschenwesens wurde der große Gegenstand der Philosophie und Dichtung; und Humanität im Sinne von -„Menschlichkeit" und „allgemeiner Menschenliebe" wirkte sich unter dem Einfluß der französischen Revolution in politisch-sozialer, liberal-demokratischer, weitbürgerlicher Bedeutung auch in das konkrete praktische Leben hinein aus. Das war die Zeit, in der sich den in Deutschland ansässigen Juden die Tore des Ghettos zu öffnen begannen, in das sie bis zum siebenjährigen Kriege noch eingeschlossen gewesen waren. Die Möglichkeit wirtschaftlicher Ausdehnung und der Erwerb eines ansehnlichen Reichtums gab die Grundlage für die immer bedeutender werdende Stellung, die besonders die Juden Berlins sich allmählich errangen. Als den jüdischen Kaufleuten Berlins durch die „Generalprivilegien christlicher Kaufleute" dieselbe bürgerliche Stellung eingeräumt wurde wie den Christlichen, begannen die Juden in Berlin sich einer weitgehenden Achtung zu erfreuen; und sie gingen daran, sich auch der deutschen Bildung zu bemächtigen. Der starke Intellekt, der dem jüdischen Menschen eigen ist, verschaffte ihnen in geistigen und gelehrten Kreisen immer größere Aufmerksamkeit, und neben Männern wie David Friedländer, Lazarus Bendavid, Markus Herz, Salomon Maimon war es vor allem Moses Mendelssohn, der, ein deutscher Philosoph, der höchste Repräsentant des sich rasch vollziehenden Assimilationsprozesses der deutschen Juden geworden ist. In seinem Hause, einem kulturellen Mittelpunkt des geistigen Berlin, wurde die Vermischung jüdischer und christlicher Elemente angebahnt, vollendet wurde sie