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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-02-15 · 4 (15.2.1933) · p. Seite 54

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
4 (15.2.1933)
Date
1933-02-15
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Schachmeister Lasker über Schachspielen bei Juden In der Reihe der Montagsvorlesungen der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums sprachin diesen Tagen der Schachmeister und Philosoph Dr. Emanuel Lasker (1894 bis 1921 Weltschachmeister) über „Jüdische Schachspieler in ihrer Eigenart". Nach einem Abriß über die Geschichte des Schachspiels, dessen Entstehung er auf 1000 bis 2000 v. Chr. ansetzt, gab Lasker eine allgemeine Psychologie des Schachspiels, das er als antikes Sinnbild für Krieg und Kampf kennzeichnet. Er unterscheidet sieben Perioden in der Vervollkommnung des Spielers: Zuerst die primitive Periode, in der der Spieler nichts als Figuren schlagen will. In der zweiten Periode überwiegt die Lust an der List und am Fallenstellen; in der dritten Periode die Freude am Angriff, in der vierten an der kunstvollen Verteidigung, in der fünften die kluge Entwicklung der Streitkräfte, in der sechsten die besonnene Kombination. In der letzteirPeriode gelinge dann der Ausbau und die' Befestigung der „Position". Das Schachspiel hat alle Völker und Stände erobert. Die sephardischen Juden haben es wohl in Spanien angenommen, aber sich nicht besonders hervorgetan. Die aschkenasischen Juden wandten sich erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts dem Schachspiel zu. Äußerlich liegt die Eigenart jüdischer Spieler vielfach in besonderem Temperament und Ausdrucksreichtum, eine Eigenart aller Mittelmeervölker, die sich aber mit zunehmender Assimilation in Nord- und Westeuropa verliert. Im Spiel selbst zeigen alle jüdischen Spieler eine besondere Stärke in der Kunst der Verteidigung, durch deren Verfeinerung sie das. Schachspiel in aller Welt weitgehend gefördert haben. Lasker erklärt diese Fähigkeit mit der jahrhundertelangen Leidens- und Unterdrückungsgeschichte der aschkenasischen Juden in ganz Europa. Die Kunst der Verteidigung im Schachspiel findet sich bei allen unterdrückten Gemeinschaften, während bei herrschgewohnten Völkern wie Engländern, Holländern und Amerikanern, die Kunst des Angriffs überwiegt. Die stärkste und nur ihnen eigene Art der Juden im Schachspiel ist aber die gedankliche und seelische Spielform. Sie pflegen neben der Verteidigung die Kombination und den gedanklichen Aufbau des Spiels, der den Realitäten oft nicht Rechnung trägt. Sie werten das Schachspiel als Disput aus und machen es zum Seitenstück des jüdischen Witzes, der sich am Gedankenspiel entzündet. Diese Eigenarten führt Lasker auf die Vertiefung der Juden in den Talmud und ihre Schulung an talmudischem Denken zurück. Aus der Freude am Gedankenspiel und der Vernachlässigung des Realen erklärt sich die Liebe jüdischer Spieler zum Systematischen und ihr Glaube an die Durchschlagskraft des Systems. Die jüdischen Spieler suchen auch im Schachspiel Prinzipien von Einheit und Wahrheit zu verwirklichen, im Gegensatz besonders zu den auf die Gegebenheiten und Erfordernisse des Augenblicks abstellenden Amerikanern. So haben weder Holländer noch Engländer trotz des Reichtums ihrer Fachliteratur Systeme geschaffen; Systeme rühren lediglich von Juden, zuweilen auch von Deutschen, her. Diese tiefste Eigenart der Juden im Schachspiel erklärt Lasker aus dem Geiste der Thora, deren Grundlage und Ziel der eine Gott, das eine Gesetz, die eine Wahrheit, die eine Menschheit ist. Lasker belegt diese psychologischen Erkenntnisse mit Beispielen aus dem Werdegang und dem Spiel der großen jüdischen Spieler Horwitz, Alexandre, Löwenthal, Steinitz. (Vorgänger Laskers als Weltmeister, den Lasker als den größten Systematiker des Schachspiels bezeichnet), Tarrasch, Nimzowitsch, Bernstein, Rubinstein, Reti u. a. m. Zusammenfassend bezeichnet Lasker als Grundmotiv des jüdischen Spielers die Liebe zur Einheit, des Nichtjuden die Liebe zur Mannigfaltigkeit, und schließt: Der jüdische Spieler hat auch im Spiele etwas Frommes und .Gläubiges. Er lebt unbewußt auch im Spiele den Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn diesem Glauben das Leben auch oft die Verwirklichung versagt. Fechfers „Dichtung der Deutschen" Völkische Literaturgeschichte — Von Bartels bis Fechter Paul Fechters „Dichtung der Deutschen" (Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin) ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, eine Leistung, die auch Lesern, die ihr weltanschaulich Vorbehalte machen müssen, meist Bewunderung und oft auch Liebe abnötigt. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als die völkische Literaturgeschichte eines freien Geistes. Ein gefährliches und ein aufklärendes Unterfangen zugleich. Gefährlich, weil es der Rebarbarisierung deutschen Lebens ideologisch Vorschub leistet, aufklärend, weil es dem Rassenhaß den Boden unter den Füßen entziehen müßte. Leider ist zu befürchten, daß die erste Wirkung stärker sein dürfte als die zweite, da die gescheiten Leser in der Minderzahl sind und die anderen über Feststellungen wie solchen, daß Heine einige Volkslieder geschaffen habe, in denen er deutschem Volkstum mehr entspräche als in den „Hebräischen Melodien" seinem jüdischen, leicht hinweglesen werden. Und werden sie Feinheiten gerecht werden wie der Bemerkung, daß der Jude Börne sich für Jean Paul, den Fechter als die deutschere Erscheinung charakterisiert, gegen Goethe entschieden habe? Werden sie die Schlüsse daraus ziehen, daß für den jüdischen Schriftsteller weder Bekenntnis noch Volkstum ein Hindernis zu sein brauchen, im Volksganzen mitzuwirken? Die Einwände, die Fechter gegen Heine wie gegen Börne macht, richten sich gegen ihre liberalistisch-zivilisatorischen Tendenzen, nicht gegen ihr Judentum. Aber macht Fechter nicht auf die „hebräische Melodie" aufmerksam, die er aus Börnes sprachschöner Gedenkrede für Jean Paul heraushört? „Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs!"Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein Hoherpriester ist gestorben..." Nein, es beweist nur Fechters feines Ohr, das ihm das Recht gibt, in der Literatur der Deutschen auf die germanische Urmelodie zu horchen, die von äußeren Einflüssen

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