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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-02-15 · 4 (15.2.1933) · p. Seite 50

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
4 (15.2.1933)
Date
1933-02-15
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 haben, dem Kampf die Stirn zu bieten". Alle anderen Erprobungen sind Ersatz, weil sie den Mann nicht vor das Entweder—Oder des Lebens oder des Todes stellen. Erziehung zum Kampf, Herausforderung der Gefahren, Ablehnung des ewigen Friedens und aller weltumspannenden Verbrüderungen, ist der neue Stil des italienischen- Lebens. — 2. Strikte Ablehnung der Theorien des wissenschaftlichen Sozialismus: „Der Faschismus glaubt heut und immer an das Heilige und Heldenhafte, d. h. an Handlungen, die weder unmittelbar noch mittelbar durch wirtschaftliche Beweggründe bestimmt sind;" er verneint daher die Forderung des höchstmöglichen Glückes der möglichst Vielen. — 3. Er verwirft die Gesamtheit des demokratischen Systems, seine theoretischen Voraussetzungen und seine Anwendungen; denn er lehnt in der Demokratie die Lüge von der politischen Gleichheit und kollektiven Unverantwortlichkeit, ferner den Mythos der Glücksmöglichkeit der Masse und des unbegrenzten Fortschritts ab. — 4. Angelpunkt der faschistischen Lehre ist die Idee des Staates, sein Wesen, seine Aufgaben und seine Endziele; für den Faschismus ist der Staat etwas Absolutes, dem gegenüber Gruppen und Individuen das Relative sind. Der faschistische Staat ist Wille zur Macht und Herrschaft. Die römische Überlieferung des Imperium ist ihm eine Idee des Antriebes. Also: Anti-Pazifismus, Anti-Sozialismus, Anti-Demokratie, Totaler Staat. Mussolini begründet diese Grundsätze, die er zur Lehre des Faschismus und wie er glaubt zu der europäischen Lehre des 20. Jahrhunderts erhoben hat, mit einem Satze Renans: „Die Vernunft, die Wissenscahft sind Erzeugnisse der Menschheit, aber die Vernunft unmittelbar der Masse beüegen und auch noch darüber abstimmen lassen — das ist ein Hirngespinst; es gehört nicht zum Wesen der Vernunft, daß sie von aller Welt verstanden wird." — Was kümmert man sich in diesen Blättern um Rom, um Mussolini? Die Grundsätze des herrschenden italienischen Systems sind anerkanntermaßen einer eben im Deutschen Reich nach einer mehr als zehnjährigen Entwicklung zur Herrschaft gekommenen Obrigkeit Modell und Vorbild. Gewiß: der italienische Faschismus ist spontan aus einer bestimmten soziologischen und politischen Lage Italiens entstanden und ist praktisch auf ausschließlich italienische Bedürfnisse und Volksgefühle zugeschnitten. Ebenso gewiß: „Die allgemeine Theorie des Geistes als reiner Akt" (Teoria generale dello spirito come atto puro) des Philosophen Giovanni Gentile, den Mussolini seinen maestro spirituale genannt hat, hat mit dazu geführt, daß im italienischen Faschismus das Reich (imperio) nicht nur Land, Soldaten oder Wirtschaft, sondern auch Geist und Kultur bedeutet. Am italienischen Faschismus sind deshalb — was nicht zu verwundern ist — italienische Juden, bewußte Juden, mit Leidenschaft als Anhänger und in hohen Ämtern beteiligt. Diese Eigentümlichkeiten haben die Modell-Fähigkeit des Systems Mussolini für die jetzt in der deutschen Reichsregierung und in einer großen Zahl deutscher Länder legal und verfassungsmäßig ans Ruder gelangten beiden Parteien nicht beeinträchtigt. Danach sind die beiden folgenden Fragen in einer jüdischer Zeitung berechtigt, ja unbedingt nötig: 1. G i b t es eine ursprüngliche, unverlierbare, etwa vom Wesen des Judentums herrührende Neigung des deutschen Juden zu Demokratie, Sozialismus, Pazifismus und'zur liberalen Staatstheorie, also zu den dem aufsteigenden „europäischen Faschismus" .ausgesprochen feindlichen Prinzipien? 2. Wie stehtes mit dem alten, unverbrüchlichen jüdischen Grundsatz: „Jedes Gesetz der Regierung ist für die Juden vorbehaltlos verbindlich'" (dina d'malchutha dina) unter einer Regierung, die ausschließlich von Parteien geführt wird mit dem Prinzip die deutschen Juden nicht als gleichberechtigte Volksgenossen anzuerkennen. Diesen zwei und keinen anderen Fragen haben wir uns unverzüglich mit aller geistigen Energie zuzuwenden, wenn wir uns nicht fatalistisch und bis zum Rande verdrossen und abgestoßen, von allen politischen Dingen um uns herum eine Zeit lang überhaupt abwenden wollen. Die erste Frage ist rasch und eindeutig zu beantworten. Die deutschen Juden sind weltanschaulich und politisch nicht homogen, d. h. ihre praktische religiöse Haltung sowie ihre Grundsätze über Autorität und Freiheit gehen ebenso weit auseinander wie ihre praktischen Interessen und ihre Stellung zur Staatsform, zu Verfassung, zu Demokratie und zum Sozialismus. Die kleine Gruppe der Juden unter den Deutschen spiegelt in sich das gleiche Bild der Zersplitterung in tausend weltanschauliche und politische Schattierungen und Richtungen wieder, in die das deutsche Volk als Ganzes zerfällt. Auch von einer geistigen Nötigung zur sozialistischen und pazifistischen Bewegung, zu Demokratie und Toleranz ""nach den überlieferten Lehren des Judentums kann keine Rede sein. Die klassischen Bücher der Juden sind erfüllt von Kriegsgeist und kriegerischem Ruhm, und in der historischen Wirklichkeit hat das jüdische Volk wie jedes andere sich der Macht bedient, wenn es sie hatte. „Es hat", wie jüngst in diesen Blättern ausgeführt wurde, „auf Streitwagen und Rosse vertraut, es hat heldenhaft um seine Freiheit und um seinen Staat gekämpft, wo immer in der geschichtlichen Situation es nur konnte, selbst dort, wo es aussichtslos war, und es hat auch in der Gegenwart, als sich die Gelegenheit bot, sich seinen Platz an der Sonne zu erringen gesucht". Die Juden waren auch — wenigstens früher — viel zu klug, um nicht ganz genau zu wissen, daß es von nicht großer Durchschlagkraft ist, wenn das Lamm dem' Wolfe die Süßigkeit des Friedens predigt und wenn vom Ohnmächtigen und von dem in der Minderheit Sitzenden die Argumente ausgehen, daß alles was Menschenantlitz trägt, gleich und gleichberechtigt sei. Dagegen ist eine Hinneigung des deutschen Juden seit der Emanzipation zu den demokratischen, liberalen und sozialistischen Grundsätzen aus leicht begreiflichen Gründen rückhaltlos festzustellen. Diese Grundsätze stammen direkt aus dem Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts ab und haben derr Juden einst die heiß-

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