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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-02-01 · 3 (1.2.1933) · p. Seite 42

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
3 (1.2.1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 42 (sequence 10)
Language
German
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41 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Jüdischer Frauenbund. Ortsgruppe München Im Zyklus der Vorträge „Was bleibt uns?" spricht Frau Gertrude Weil am Donnerstag, den 16. Februar im Bibliotheksaal der Kultusgemeinde (Herzog-Max-Straße 7), pünktlich abends 8.30 Uhr über: „Unser Jüdisches Sein". Freunde des Frauenbunds herzlich willkommen! Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Landesverband Bayern Am Sonntag, dem 15. Januar 1933, fand an Nürnberg die Tagung, des Landesverbands Bayern im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für das Jahr 1932 statt. Die Beteiligung der Delegierten aus allen Teilen des Landes war besonders stark. Der Syndikus Dr. Cahnmann, der Rechtsbeistand Justizrat Levinger und der Kassenwart Direktor Stahl, erstatteten den Tätigkeitsbericht, den Rechtsschutzbericht und den Kassenbericht. Im Mittelpunkt der Tagung stand ein groß angelegtes Referat von Direktor Dr. Holländer (Berlin), in dem alle Fragen des gegenwärtigen jüdischen Lebens in Deutschland bis ins einzelne erörtert wurden. In der Aussprache wurden diese Ausführungen unterstrichen und außerdem Beschlüsse über organisatorische Fragen gefaßt. Der Vorsitzende des. Landesverbands Bayern, Dr. Werner (München), schloß die Tagung mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, den Willen zur jüdischen Selbstbehauptung überall im Land zu verbreiten. Das Kostümfest des J. N. F. Weekend im Pardess findet am Sonntag, dem 5. Februar im Regina Palast Hotel statt. Das Fest, zu dem die Vorbereitungen in vollem Gange sind, verspricht ein Ereignis dm gesellschaftlichen Leben der jüdischen Gemeinde Münchens zu werden. Die hervorragend dekorierten Säle des Regina Palast Hotels, eine ausgezeichnete Tanzkapelle, ein reichhaltiger Kabarett-Teil werden für Unterhaltung sorgen. — Die Kostümwahl bleibt der Fantasie des einzelnen überlassen. Ratschläge werden im Büro, Herzog-Rudolf-Straße 1 (Telefon 29 74 49), gerne erteilt. Beachten Sie das Inserat! Die Israelitische Krankeniürsorge München gibt bekannt, daß im Jahre 1933 die Sitzungen des Ausschusses an folgenden Tagen im Sitzungssaale, Herzog-Max-Straße 7/o, stattfinden: Januar 12., 26.; Februar 9., 23; März 9., 23; April 13., 27.; Mai 11., 24.; Juni 8., 22.; Juli 13., 27.; August 10., 24.; September 14., 28.; Oktober 10., 26.; November 9., 23.; Dezember 14., 28.; also mit Ausnahme des 24. Mai und 10. Oktober immer am 2. und 4. Donnerstage jeden Monats. In diesen Sitzungen werden regelmäßig nur nicht dringende Fälle behandelt; dringende Anfragen erledigt Rechtsanwalt Justizrat Leo Oppenheimer, Schwanthalerstraße 19, Tel. 56 5 49, L. Seiinger, Agnesstraße 6, Tel. 37 02 82, ev. Gemeindekanzlei, und Louis Marx, Hildegardstraße 19, Tel. 28 3 81. Es wird wiederholt darauf hingewiesen, daß auf Beihilfe nicht gerechnet werden kann, wenn dieselbe nicht vorher durch entsprechende Anfrage oder Eingabe gesichert ist. Union der Zionisten- Revisionisten. Ortsgruppe München. Montag, den 30. Januar 1933, 8.15 Uhr rindet im Lessingsaal, Herzog-Rudolfstraße 1 eine Protestkundgebung gegen das Fehlurteil des zionistischen Ehrengerichtes statt. Referenten: Dr. L. Berger und Fritz Rosenthal. Anschließend freie Aussprache, in der Freunden und Gegnern des Revisionismus Gelegenheit geboten wird ihren Standpunkt zu vertreten. Eintritt frei. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten. Bücherschau Oberrabbiner Hirsch Perez Chajes. Bd.I: Sein Leben und*Werk. XVI, 280 Seiten. — Bd. II: Reden und Vorträge. XVI. 344 Seiten mit 12 Bildertafeln und 2 Faksimile beigegeben. Wien 1933. Herausgeber und Selbstverlag: Moritz Rosenfeld, Wien XX, Brigittenauer Lände 46. Diese beiden Bände bilden das vollständige Chajes-Werk (Preis beider Bände geb. M. 14.50). Ein sehr sorgfältiges Studium dieses pietätvoll herausgegebenen Gesamtwerkes über Leben und Werk des 1927 verstorbenen Wiener Oberrabbiners lohnt sich für den deutschen Juden aus mehrfachen Gründen. Chajes vertritt als zionistischer Führer ein streng konservatives Judentum, das von einem gewöhnlichen Nationalismus ebenso abgelegen ist wie von der westlichen Orthodoxie Frankfurter Prägung oder gar von dem liberalen Konfessionsjudentum des 19. Jahrhunderts. Wir erinnern an die bekannten Daten: Geburt 1876 in Brody, vorgebildet auf der Jeschiba seines Onkels, des Rabbiners Isaak Chajes in Brody, auf der Universität Wien und im dortigen Rabbiner-Seminar. 1902 Professor für Geschichte und Bibel am Collegio Rabbinico italiano in Florenz. 1904 Dozent für Bibelexegese an der Universität Florenz. 1912 Oberrabbiner von Triest, 1918 nach Güdemanns Tod Oberrabbiner in Wien. Neben seinen bibelwissenschaftlichen Hauptwerken (vgl. EI V, 162 f.) sind seine Aufsätze in hebräischer, deutscher, italienischer und französischer Sprache von Wichtigkeit. Der zionistischen Bewegung hatte sich Chajes schon als Student angeschlossen; allmählich entwickelte er sich zu einem ihrer hervorragendsten Führer. 1921—1925 war er Präsident des zionistischen Aktionskomitees und bis zu seinem Tode Mitglied des gleichen Komitees sowie des Kuratoriums der Universität Jerusalem. Von dokumentarischem Wert sind die 86 Stücke des Bandes II: Redeteile, Kundgebungen, Vorträge, Nachrufe, Interviews und Aufsätze, die die Geschichte des Judentums von 1890 bis 1920 widerspiegeln in einem Kopf von Format und Eigenwillen. Aus wenigen Büchern kann man etwa soviel über die schwer zu beurteilende Entwicklung des deutschen Rabbinertums im vorigen Jahrhundert lernen wie aus diesem Band (vgl. z. B. Stück 49: Rede bei der Trauerfeier für Güdemann 1918). Chajes scheint ,nach seinen Synagogenreden (Nr. 19—30) kein Freund schulmäßiger Homiletik gewesen zu sein; in der Tat lehnte er wie aus der Biographie Rosenfelds (S. 36 und 63) hervorgeht einen Antrag Homiletik zu lehren ab. Er ist überzeugter Rationalist. In einer Rosch-haschana-Predigt führt er aus: „Die Tatsache ist nicht zu •leugnen, daß das Judentum auch in den zartesten Funktionen der Seele, auch im religiösen Glauben, in den Beziehungen zu Gott, Klarheit und Uberzeugung will, Wissen und Erkenntnis." Genau so fern liegt ihm ein gewöhnliches Moralisieren oder ein parteiisches Politisieren. Er war kein Rhetor und verwendete Symbolik und Zitate (oft die Totengräber des Text-, Sach- und Sinnverständnisses) nur in der sparsamsten Weise. Während viele Kanzelredner sich offenbar denken müssen: „Das Beste was du wissen kannst. Darfst du den Buben doch nicht sagen," kannte Chajes in der Rede keine Vorsicht und sprach oft, wo die Weisen vielleicht klug schweigen würden. Er spricht einmal von der großen geistigen Freiheit im Judentum und sagt: „So persönlich ist der Glaube, daß wir im eigentlichen, im höheren Sinn sagen können, es habe keiner von uns einen wirklichen Glaubensgenossen." Er sagt: „Es ist jetzt nicht mehr die Zeit der geistreichen Prediger, die wohltönende Sätze aus reiner Freude an der Redekunst aneinanderreihen, die ohne euch wehe zu tun, in aller Gemütlichkeit euch zu Tränen rühren." — Chajes war Kulturzionist, eine Synthese von Herzl und Ach ad Haam; das Instrumentarium einer Partei, die Parteipolitik blieb ihm aber zeitlebens fremd. Sein Biograph beschreibt in dem ersten der Lebensgeschichte gewidmeten Band (S. 83 ff.) die denkwürdige Audienz, die Chajes am 2. Oktober 1918 auf Schloß Wartholz in Reichenau bei Kaiser Karl hatte; diese Audienz gehört der jüdischen Geschichte an. Ihr tragischer weltgeschichtlicher Hintergrund liegt in dem Zu-spät dieses Gespräches. Der Oberrabbiner der Kaiserstadt,die aber nur mehr wenige Tage die Kaiserstadt bleiben sollte, sagte dem Kaiser keinen Segensspruch und vollführte auch keine Lojalitätskundgebung, sondern gab gewissenhaft und ausführlich Antwort auf die kaiserlichen Fragen: „Was halten Sie vom Judenstaat, den die Entente errichten will?" Und: „Was bedeutet eigentlich Palästina für die Juden?" Das zweibändige Chajes-Werk ist in der Tat ein erstrangiges Dokument der neuesten Geschichte, das genaues Studium verdient. . F.

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