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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-02-01 · 3 (1.2.1933) · p. Seite 38

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
3 (1.2.1933)
Date
1933-02-01
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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38 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 fühlungsvermögen, das mehr innere Schau, als analytische Methode ist, dieses Mit-Empfinden und Mit-Leiden, das in seinen Werken so hervorstechend ist,. wird im persönlichen Kontakt noch evidenter. Heute zu seinem sechzigsten Geburtstag fällt mir ein Satz ein, den Georg Hirschfeld 1911 in einem Aufsatz über die Maximilianstraße schrieb: „So wird aus der Atmosphäre dieser einzigen Stadt immer wieder sich Kunst aus seinem Leben kristallisieren." Ja, immer wieder hat sich aus seinem Leben, das hier bei München, der „einzigen" Stadt, nach dem unruhigen glückselig Uriel d Josef Kastein, Uriel da Costa oder die Tragödie der Gesinnung. Rowohlt, Berlin 1932. 340 Seiten und 12 Abbildungen. Eine Geschichte der Juden hatte den allgemeinen Hintergrund des Werkes Kasteins gesetzt, weniger eine Geschichte als eine Sinndeutung der jüdischen Geschichte. Die Geschichte des jüdischen Volkes erfuhr hier eine Vergeistigung und apologetische Verherrlichung als die im Leben verwirklichte Idee der Giewaltlosigkeit. Diese Auffassung ist auch in dem neuen Buch beibehalten: „Ganz tiefes Erbe (da Costas) ist seine Verachtung des Gewalttätigen. Sein Volk führte seit anderthalb Jahrtausenden dieses Dasein der Gewaltlosigkeit; ja es war in seiner ganzen Existenz das Paradigma der Gesinnung der Gewaltlosigkeit gegen das Interesse der Gewalt." Hier wird aus einer Situationsbedingtheit eine wesenhafte Eigenschaft deduziert, aber in Wirklichkeit hat das jüdische Volk wie jedes andere der Macht und der Gewalt sich bedient, wenn es konnte. Es hat entgegen den Warnungen des Propheten auf Streitwagen und Rosse vertraut, es hat heldenhaft um seine Freiheit und um seinen Staat gekämpft, wo immer in der geschichtlichen Situation es nur konnte, selbst dort, wo es aussichtslos war, und es hat auch in der Gegenwart, als sich die Gelegenheit bot, sich seinen „Platz an der Sonne" zu erringen gesucht. Das neue Buch weist die Vorzüge des früheren gesteigert und seine Mängel vermindert auf. Es ist glänzend geschrieben und es beweist, daß der Verfasser die Gabe der Schau und der Zusammenschau ebenso meistert wie die der Darstellung. Das Buch, das einen spannenden und erregenden Lebenslauf zum Vorwurf hat, liest sich spannend, die leidenschaftliche Liebe des Verfassers zu seinem Volk, die eindringliche Nachzeichnung der Seelenkämpfe des Helden, von denen auch der Verfasser in seinem eigenen Leben sichtlich nicht unberührt geblieben, reißen den Leser mit und entrollen vor ihm das Bild dessen, was der Verfasser „die Tragödie der Gesinnung" nennt. Und welches Thema wäre heute zeitgemäßer als der Kampf der Gesinnung, des ringenden Individuums, der mutigen sich befreienden Erkenntnis des Geistes gegen die wieder politisch, geistig, wirtschaftlich übermächtig gewordenen starren und autoritären Fesseln der Gemeinschaft und ihrer Interessen? Dieser Kampf des Humanismus, der immer wieder gekämpft wurde, von Sokrates, von den Denkern des aus dem Mittelalter erwachenden Europa, in der Dreyfusaffäre, ist auch heute der Kampf unserer Tage. Darum berührt uns da Costas Schicksal wieder, wenn er auch nur ein schwacher, wenn auch reiner Kämpfer gewesen ist, der nicht an dem „Recht" der Gemeinschaft, die damals von der erfolgreichen Jahren in Berlin stillere Bahnen ging, Kunst aus seinem Leben kristallisiert, und auch heute noch ist Georg Hirschfeld voll von Plänen und Entwürfen, an deren Verwirklichung er mit dem ihm eigenen strengen Fleiße arbeitet. Augenblicklich beendet Georg Hirschfeld ein neues Theaterstück „Der Frohmacher", ein Stück, erfüllt von den Nöten und Sehnsüchten der jungen Generation. Mit all der Scheu und Zartheit, mit der Georg Hirschfeld immer dem Menschen im Leben wie auch in seinen Dichtungen entgegentritt soll er heute an seinem Geburtstag gegrüßt sein. a Cosfa Kirche oder der Synagoge repräsentiert wurde, sondern an seiner eigenen Schwäche zerbrochen ist. Wahrlich eine große Zeit, die des sich befreienden Menschengeistes, und ein der Aufzeichnung und Erinnerung wertes Schicksal leben in diesem Buch, das der Verfasser zu einem farbigen Bilde der Zeit und des Menschen gestaltet hat. Uriel da Costa entstammte einer Marannenfamilie in Portugal, er genoß eine sorgfältige adelige Erziehung bei den Jesuiten, studierte Kanonisches Recht und war für die Priesterlaufbahn bestimmt. In dem gläubigen Katholiken erwachen Glaubenszweifel, sein jüdisches Erbe bricht in ihm durch, aus Furcht vor der Inquisition flieht er wie so viele andere spanische und portugiesische Marannen aus dem verfallenden und finsteren Iberien in das freie und wirtschaftlich aufblühende Holland. Der Verfasser schildert vortrefflich dieses neue Milieu in Holland, wie die Synagoge hier zu ähnlicher Zwangsanstalt gegen Ketzer und Zweifler, gegen alle, die vom neuen Wind des Humanismus berührt worden sind, erwächst wie die Kirche in Spanien. (Daß dabei ein Unterschied vorliege, wie der Verfasser glaubt, daß die Kirche eine um ihre Existenz besorgte Institution ist, die Synagoge dagegen um ihre Sendung besorgte Menschen umfaßt, stimmt wohl nicht: auch die Kirche hatte ihre Sendung, der sie gedient hat.) Uriel da Costa war gekommen, um einen aus tiefstem religiösen Erleben und Kämpfen gewonnenen Weg in die Sicherheit der Gemeinschaft, der Synagoge einmünden zu lassen; bald aber mußte er erkennen, daß „sein in Wehen erkämpftes Bild sich der Wirklichkeit nicht einfügen kann". Da Costa ist ern frommer orthodoxer Jude geworden, aber er ist noch so sehr Kind seiner Zeit, einer schon vergehenden Zeit, daß sein Gegensatz gegen die Synagoge gar nicht zu einem Kampf um Freiheit des Geistes, um eine neue Würde des Menschen wird, sondern um Riten und Auslegungen geht. Glänzend zeigt der Verfasser den sich immer steigernden Konflikt zwischen der Gemeinschaft, die den Zweifler ausmerzen will, und dem einsamen Sucher, der damit immer stärker in Vereinsamung und Opposition gerät, nicht stark genug ist, wie Spinoza ein Einsamer zu bleiben, und so in tragischer Vollendung der Zerbrechung einer Seele das furchtbare Schicksal erdulden muß, das ihm die Synagoge b" reitet. Es ist eine gärende Zeit (Kasteins große Kunst kommt bei der Zeichnung des Porträts Leon da Modenas voll zur Geltung), da Costa ist ein früher und noch unfreier und schwacher, wenn auch mutiger und ehrlicher Vorläufer gewesen. Aber die Zeit war noch gegen ihn, die Synagoge war völlig im Recht ihrer Zeit, sich gegen ihre Angriffe zu wehren, die etwas voraussetzten, was es damals eben noch nicht als legitime und anerkannte Haltung gab und was auch da Costa selbst nicht ganz

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