Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (1.2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727975-2727978--08882-2742125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 37 rede zu lesen, und er wird sich reichlich belohnt für seine Mühe sehen. Eine ausführliche Wiedergabe des Inhalts ist hier aus verschiedenen Gründen nicht angängig. So sei nur mitgeteilt, daß dasselbe das alte Jüdisch-deutsch sowohl als Sprache in seinen engen Beziehungen zum Mittelhochdeutschen als auch dem Inhalt seiner Schriften und nicht zuletzt die nichtjüdischen Quellen derselben gebührend würdigt. Zwölf Jahre später erschien noch von idem damals bereits betagten Verfasser die schon erwähnte zweite Schrift zum Gegenstande, die auch noch manches neue und wertvolle Material beibringt. Sie hat zwar in Amerika17 einen strengen Kritiker gefunden, gegen den sich Grünbaum nicht mehr wehren konnte, da er inzwischen selbst seine müden Augen geschlossen hatte. Ich selbst antwortete kurz im Vorwort zu den Gesammelten Aufsätzen Seite XI. Ich möchte die vorstehende Skizze mit dem Wunsche schließen, daß die Jüdische Gemeinde in München immer in ihrer Mitte Männer zählen möge, die auf den Spuren der nicht mehr unter uns Weilenden die Münchener hebräischen Handschriften und alten Drucke erfolgreich studieren und bearbeiten. Drei Jubilare Bialik 60jährig Sombart 70 Jahre — Georg Hirschfeld 60 Jahre Chajim Bialik Viele Zugänge führen heute schon auch den der hebräischen Umgangs- und Schriftsprache Unkundigen zu einem Verständnis des eben in das siebte Jahrzehnt eingetretenen jüdischen Dichters und Schriftstellers. Bialik verkörpert den guten Geist des Palästina-Aufbauwerks, denn wie kein anderer ist er durchdrungen von dem Primat des kulturellen jüdischen Zentrums im heiligen Land vor allen anderen äußeren Bedürfnissen der Politik und Ökonomik, des Primats der unbedingten Interessen des arteigenen jüdischen Geistes vor den bedingten Interessen der Wirtschaft des Landes, was heute gleichbedeutend mit der Verflechtung der heiligen Stätten in die kapitalistische Verkehrswirtschaft sein muß. Läßt man das merkwürdige Leben Bialiks an Hand der mit besonderer Liebe geschriebenen Biographien von Jakob Fichmann in der Encyclopaedia (E JIV, 465 ff.) und Simon Rawidowicz im Jüd. Lexikon (J LI, 955 ff.) an sich vorüberziehen, so wird man inne, daß in diesem Lebensgang der entscheidende Sprung aus der Jeschiwah zu Woloschin und der Aufstieg zum Erneuerer des jüdischen Volkes „außerhalb des Gesetzes", aber auch außerhalb von Politik und Wirtschaft kein privates zufälliges Schicksal war. Ein liebender Kenner, Nahum Goldmann, wird in diesen Tagen in München einer größeren Öffentlichkeit jenseits allen Richtungsstreites das Werk des Dichters, Schriftstellers. Verlegers Bialik näher bringen. Wir verweisen hier vor allem auf die wundervoll gedruckte, mit Budkoschen Bildern geschmückte, vierbändige Gesamtausgabe der Werke Bialiks (Gedichte, Essays, Novellen, Ubersetzungen des Wilhelm Teil und Don Quichote); diese Ausgabe lädt jeden für die hebräische Sprache schon Aufgeschlossenen zu einer vertieften und ständigen Hingabe an das hebräische Schrifttum ein. Die feinste Einführung in das Bialik'sche Schaffen bildet die große Abhandlung von Ernst S i m o n „Zum Verständnis Bialiks" im ersten Jahrgang der Zweimonatschrift „Der Morgen", wo auch alle Einzelhinweise auf deutsche Ausgaben zu finden sind. Werner Sombart Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Sombart hat zum ersten Male — vor mehr als 20 Jahren — die Rolle der Juden in der kapitalistischen Wirtschaft in einem umfassenden repräsentativen Werk „Die .Juden und das Wirtschaftsleben" dargestellt. Das berühmte Buch macht noch heute den Eindruck eines ganz großen künstlerischen Wurfes; es ist trotz der Anfechtbarkeit seiner These und seiner Einzelaufstellungen weder dem Stoffe hoch der Darstellung nach überholt und kann mit keinem ähnlichen Werk verglichen werden. Die These lautet, daß der moderne Kapitalismus im wesentlichen als das Werk der Juden angesehen werden muß, die seit ihrer Vertreibung aus Spanien und Portugal zunächst in Holland und England, dann in Amerika, Frankreich, Deutschland und anderen Ländern das moderne Wirtschaftssystem zur Entwicklung bringen: sie weiten den Weltmarkt aus, sie sind an der Begründung der Kolonialwirtschaft unid des modernen Staates wesentlich beteiligt; sie führten die Kommerzialisierung (Verbörsianisierung) des Wirtschaftslebens herbei; sie vertreten zuerst und verbreiten die Grundsätze der modernen Wirtschaftsführung. Besonders angegriffen wurde nicht mit Unrecht die Art, wie Sombart aus der jüdischen Religion einen großen Teil der Wirksamkeit, die die Juden im Wirtschaftsleben ausgeübt haben, erklärt. Sombart hat das böse Wort ausgesprochen, die Juden der Gegenwart sollten zwar die volle staatliche Gleichberechtigung besitzen, aber den Takt haben, davon nicht in allen Fällen Gebrauch zu machen. Georg Hirschfeld Zum sechzigsten Geburtstag von Georg Hirschfeld, des allzu bescheidenen Dichters vor den Toren Münchens, am 11. Februar veröffentlich wir nachstehende Sätze eines jungen Freundes des Jubilars: Vor zwei Jahren lernte ich Georg Hirschfeld in Großhadern bei München kennen. Es war ein besonders schöner Sommertag, die Blumen im Garten waren voll erblüht, und fern am Horizont konnte man die Spitzen der Berge halb im Sonnendunst verborgen sehen. Ich kam nach Großhadern mit den Unruhen und Ängsten des jungen Menschen der Großstadt, mit all den Problemen, die. wie ich glaubte, nicht bis in die Stille dieses Gartens drängen, und war plötzlich seltsam berührt, als Georg Hirschfeld in ganz zarter und vorsichtiger Art nach all dem fragte, was mich gerade beschäftigte. Aus seinen Fragen spürte ich eine große Liebe zur Jugend, ein weites Verständnis für fremde Schicksale, und ein Verstehen für das Zeitgemäße. Sein Wissen um Leid und Jugend, sein psychologisches Ein- 17 Leo Wiener The history of Yiddisch Literature in the 10 Cent (New York 1899).