Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (1.2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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36 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 sich -darüber wie folgt: „Unter den literarischen Gaben, welche L. Z u n z zu seinem 90. Geburtstage . . . dargebracht wurden, ist die hier anzuzeigende Schrift sicher die gelehrteste. Außer München, dessen Bibliothek für das hier behandelte Gebiet die reichsten Schätze bietet, gibt es keinen zweiten Ort in Deutschland, wo sie hätte geschrieben werden können, und außer P e r 1 e s wohl keinen Mann, der sie so hätte schreiben können____So gestaltet sich diese Untersuchung zu einem sehr wertvollen Beitrag zur Geschichte der hebräischen Studien bei Juden und Christen . . ."D avid Kaufmanns angeführter Artikel schreibt: „Am wertvollsten aus diesem Studienkreise sind jedoch die Beiträge, die Perles zur romanischen und deutschen Philologie geliefert hat." „Beiträge zur Geschichte der Hebräischen und Aramäischen Studien" betitelt sich das Buch, das am 10 August 1884 Leopold Zunz zum 90. Geburtstage von ihm gewidmet wurde. Man würde es dem anspruchslosen Titel gegenüber nicht vermuten, welch ein Schatz neuer und unerwarteter philologischer und geschichtlicher Aufschlüsse in diesem Buche vorhanden ist. Der Geschichtsschreiber der Renaissance wird ihm so manches Licht, mehr als einen scharfumrissenen Zug für sein Bild entnehmen können: der '.iebräische Einschlag in dem Gewebe der humanistische:: Studien ist Ir'er zu besonders vertiefter Darstellung gelangt. Das Wörterbuch des mittelalterlichen Französisch und Deutsch erfährt hier aus glücklich erkannten Belegen im jüdischen Schrifttum mannigfache Bezeichnung und Ergänzung. Die reifste und schönste Frucht dieser Studien ist die Arbeit, mit der Perles die Jubelschrift zum 70. Geburtstag des Professors Dr. H. Graetz 1887 geschmückt hat: „Die Berner Handschrift des kleinen Aruch." Eine Fülle schätzbarster Aufschlüsse für die romanische und deutsche Altertumskunde, die jüdische Sitten-, Gelehrten- und Literaturgeschichte ist in dieser kleinen Schrift niedergelegt, die man mit stets neuer Belehrung wiederholt zur Hand nehmen wird." Hier wäre auch auf die verständnisvolle, eingehende Analyse hinzuweisen, die das Werk durch P. F. F r a n k 1 in MGWJ 1885, S. 278 ff, 332 ff. gefunden hat. 'Seit 1887 bis zu seinem Tode hat mein Vater zwar noch verschiedenes auf wissenschaftlichem Gebiete gearbeitet. Doch — vor allem wohl durch die immer bedrohlicher werdende Schwächung seiner Sehkraft — enthielt er sich in den letzten Lebensjahren (bis 1894) vollkommen der für die Augen besonders gefährlichen Arbeit an Handschriften. Der dritte jüdische Gelehrte in München, der als Schatzgräber auf dem Gebiete der dort vorhandenen hebräischen Handschriften und alten Drucke sich hervortat, war Max Grünbaum (1817—1898). Sein an fast tragisch zu nennenden Wechselfällen reiches Leben, daß der Schreiber dieser Zeilen wiederholt12 geschildert hat, ließ ihn erst nach auf anderen Gebieten liegenden wissenschaftlichen Leistungen auch zu dem Forschungsgebiet gelangen, das seinen Namen am meisten bekannt machte: der jüdisch-deutschen Sprache und Literatur, vor allem seiner „Jüdisch-deutschen Chrestomathie" (587 S., Leipzig 1882) und dann seiner "„Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung" 1898, Nr. 285, S. 5 ff. und ausführlicher im Vorwort zur Ausgabe der „Gesammelten Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde", Berlin 1901, S. V—XV. zuerst in „Winter und Wünsches Jüdische Literatur seit Abschluß des Kanons13 und dann auch separat erschienene Arbeit.14 Das erstgenannte Werk, das noch vor meines Vaters Beiträgen zur Geschichte der Hebräischen und Aramäischen Studien erschien, hat eigentlich als erstes größeres Buch das Jüdisch-deutsche wieder, wenn man so sagen darf, „salonfähig" gemacht und namentlich in der Wissenschaft wieder die Aufmerksamkeit der Germanisten und Folkloristen auf sich gelenkt. Gerade in derselben Zeit, in welcher hier das Jüdisch-deutsche für die Wissenschaft förmlich wieder entdeckt werden mußte — im Gewände der hebräischen Transskription hatte es sich selbst der Außenwelt geradezu unkenntlich gemacht —, hatte sich in den Ländern von Osteuropa, wo damals das Jüdischdeutsche noch allein lebte, nicht nur eine literarische Neugeburt dieses wenig geachteten und ebensowenig beachteten Schrifttums vollzogen, und große, gottbegnadete Dichter und Erzähler ihm neue unerhörte Töne entlockt, sondern seit Anfang der achtziger Jahre hatte sich durch die gleichzeitige Masseneinwanderung von Ostjuden nach den Vereinigten Staaten und Kanada die Sprache und Neublüte des Schrifttums sich auch jenseits des Ozeans fortgesetzt. Das Jüdisch-deutsche war also nicht nur, wie damals \v Deutschland vielfach angenommen wurde, die Sprache, die einst im Mittelalter von den deutschen Juden gesprochen wurde und deren Denkmäler erst jetzt aus dem Staube der Bibliotheken zu entziffern waren, sondern auch eine noch lebende und nach neuem Ausdruck ringende Sprache für immerhin noch mehr als die Hälfte aller Juden der Gegenwart. Doch zurück zu Grünbaum, der sicher auch nicht ahnte, zu welcher Aktualität sich noch einmal sein Werk erheben würde. Die damals erschienene Besprechung des Werkes durch meinen Vater15 ist mit solcher Sachkunde und zugleich Sympathie geschrieben, daß man noch heute nach 50 Jahren nur eine Stelle daraus anzuführen braucht: „Verschiedene Forscher haben in den letzten Jahren den in jüdischen Werken erhaltenen Proben einzelner europäischer Sprachen wie unter anderem Darmesteter dem Altfranzösischen und Ha r k a v i dem Altslavischen Aufmerksamkeit und Studium zugewandt. Auch das Jüdischdeutsche, das freilich jüngeren Datums ist, dafür aber eine desto reichere Literatur aufzuweisen hat, ist bereits mehrfach von Zunz, Steinschneider u. a., von letzterem namentlich in bibliographischer Beziehung zum Gegenstande der Forschung gemacht worden. Doch war ein gründliches Studium desselben dem Leserkreise erschwert, da ein großer und wichtiger Teil der jüdisch-deutschen Schriften entweder bioß handschriftlich oder nur in seltenen Drucken vorhanden ist. Es war daher ein glücklicher Gedanke G.'s, diesem Mangel durch eine, Auszüge der hervorragendsten und interessantesten jüdisch-deutschen Werke enthaltende, mit Einleitung und sprachlichen Noten versehene, auf zwei Bände berechnete Chrestomathie abzuhelfen. Der vorliegende erste Band16 behandelt die jüdisch-deutsche Literatur in Deutschalnd, soweit sich dieselbe an die Heilige Schrift und deren Auslegung, an die liturgische und Erbauungsliteratur sowie an die religiöse Polemik und Apologetik anlehnt....." Wer mehr aus dem Werke erfahren möchte, dem kann nur empfohlen werden, das Werk selbst und namentlich die Vor- 13 Band III (Trier, 1896), 533—623. 14 Die Jüdisch-Deutsche Literatur in Deutschland, Polen und Amerika, Trier 1894, 91 S. 15 MGWJ 1882, 128—138. 10 Band 2 wurde nie gedruckt.