Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (1.1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 Verhältnis zu den verschiedenen Epochen unserer Geschichte für ihn geradezu umkehren muß: die ablehnende Ironie, mit der die Haskalah auf das Ghetto sah, wendet Agnon gegen sie selbst. Er wird hier oft „ungerecht" — wenn das eine Kategorie gegenüber einem Dichter ist — und zeigt uns auch andererseits die Nachtseite des Ghetto wohl kaum genügend, nicht seinen Schmutz und nicht seine Kinderehen, nicht seine wütende Intoleranz und nicht seinen fressenden Haß, nicht den ganzen Brodel der in ein zu enges Gefäß gepreßten Lebensgase. Und umgekehrt scheint bei der Schilderung des heutigen Lebens die Verteilung der Werte nicht immer ausgewogen: ein junger Mann im neuen Palästina sucht — wie lächerlich! — sich seine Bildung aus der alten Auflage eines Konversationslexikons zu erwerben, als sei er Gustav Freytags „Verlorener Handschrift" entstiegen, während dicht neben ihm die süße Stimme des Thoralernens aus einem Hause dringt. Er aber hört sie nicht. Und doch — lebt Agnon in Palästina. Und so wird sein Wort zum tiefen und leisen Protes-t — eines Dazugehörigen. Diese Kritik ist nicht, obwohl es oft so scheinen kann, aus der romantischen Vorliebe für die „gute alte Zeit" geholt, wie man überhaupt Agnons Bücher mißversteht, wenn man sie als historische Romane versteht. Nur eine Analyse seines hebräischen Stils, die hier fehl am Orte wäre, könnte zwingend aufzeigen, daß es ihm gar nicht um Vergangenheit geht, sondern um eine ewige Gegenwart. Sie beschwört er herauf, eben auch mit allen Mitteln der Überwindung der Zeiten, der Tempora, welche Mittel die hebräische Sprache stärker als okzidentale Sprachen zur Verfügung stellt, und konfrontiert ihre geläuterte Substanz mit der Empirie des heutigen Judentums. So ist denn der tiefste Sinn der Agnonschen Kunst doch jener aller alt jüdischen Geistesarbeit: Lehren und Lernen. S. I. Agnon, geb. 1888 Dem entspricht es, daß er in den meisten Stücken der neuen Gesamtausgabe die Fundorte biblischer und talmudischer Zitate mitten im Satz angibt, dadurch scheinbar die künstlerische Geschlossenheit, die sogenannte Illusion störend und preisgebend, in Wahrheit aber seine Kunst zu einem Stück Thora machend. Dem entspricht auch die immer wieder bevorzugte Technik der Rahmenerzählung, welche, scheinbar formlos, immer weiter laufen könnte, im unendlichen Gespräche der Weisen. Oder, wie es am Ende der wunderbaren „Geschichte von Rabbi Gadiel, dem Zwerge" heifit: „Zu Ende ist die Geschichte von Rabbi Gadiel dem Zwerge, aber nicht sind zu Ende all seine Taten." An dieses Versprechen wollen .wir uns halten! Jüdischer Geisf? Anmerkung zu zwei Büchern (Lasker-Schüler, Arthur Aronymus und Rudolf Kayser, Spinoza) Else Lasker-Schüler hat — gemeinsam mit Richard Billinger — den diesjährigen Kleistpreis bekommen. Ist der Oberösterreicher Richard Billinger ein religiöser Katholik, der die heidnischen Kräfte der Erde aufgespürt hat, so die Westfalen Else Lasker-Schüler eine Jüdin, die mit Strömen katholischer Mystik verbünden ist. Als ihr Schauspiel „Die Wupper" zuerst gespielt wurde, galt es als Schulbeispiel des literarischen Expressionismus. Als man das Werk vor einigen Jahren wiedersah, ward man von der Wirklichkeitsdichte der gestalteten Wupperlandschaft überwältigt, obwohl oder weil sie phantastisch überhöht war. Wie Billingers Schaffen, das nicht zufällig gemeinsam mit dem ihren ausgezeichnet wurde, wurzelt die Dichtung der Else Lasker-Schüler in der Landschaft und reicht in jene Höhen des Geistes, der über den Religionen ist. Außer der Wupperlandschaft hat diese Dichterin aber -noch eine zweite Heimat: die Seelenlandschaft des alten Testaments. Ihrer gläubigen Gotteskindschaft und ihrem mütterlichen Weibstum hat sie in Versen Ausdruck gegeben, die zu den schönsten gehören, die in deutscher Sprache gedichtet worden sind. Ihr neues Büchlein „Arthur Aronymus" wie ihr schönes Skizzenbuch „Konzert" (bei Ernst Rowohlt, Berlin, erschienen) zeigt die Ursprünge ihres Schaffens auf, es ist die Kindheitsgeschichte ihres Vaters, zeichnet jüdisches Milieu in der katholischen Welt, aus beiden zog die Deutschtum und Judentum vermählende Kunst der Lasker-Schüler ihre Kraft. Es mutet geradezu symbolisch an, wenn in ihrer Geschichte Bischof und Rabbi gemeinsam beim Weihnachtsfest und beim Passahmahl sitzen. „Mit einem bißchen Liebe gehts schon, daß Jude und Christ ihr Brot gemeinsam in Eintracht brechen" — kommen die beiden geistlichen Herrn am Schluß des Buches überein, und die Großmutter der Dichterin ergänzt ihre Betrachtung mit den Worten: „Noch wenn es ungesäuert gereicht wird". Zu Spinozas 300. Geburtstage erschien Rudolf K a y s e r s „ Bildnis, eines geistigen Helden" (Phaidon-Verlag, Wien). Liest man dies tiefdokumentierte Buch über den großen Philosophen zufällig in zeitlicher Nachbarschaft mit dem Werk der Lasker-Schüler, so wird dem Leser so etwas wie „jüdischer Geist" greifbar. Dieser „jüdische Geist" sieht dem Schimpfwort der Antisemiten so ähnlich wie Spinozas „Atheismus" dem Schmähwort seiner Feinde. Daß es aber so etwas wie einen „jüdischen Geist" gibt, das steht außer Frage. Er wird in Spinoza greifbar, dessen Judentum, wenn man so sagen kann, „protestantisch" gefärbt war, wie das der Lasker- Schüler von katholischen Fluiden bestimmt ist. Kayser verfällt nicht dem Fehler, Spinoza als jüdischen Denker darzustellen. Auf das religiöse Dogma des Judentums ist die Gestalt Spinozas nicht zu verpflichten. Aber er bleibt ein Sohn des Judentums wie Jesus Christus einer war . . . und.hat das Leben eines christlichen Heiligen geführt, in Armut, Keuschheit, und Gehorsam. Gehorsam? Im Gehorsam gegen sich selbst, gegen seinen faustischen, ewig protestierenden Geist. Spinoza und die Gemeinde, die ihn ausstieß, waren dem europäischen Schicksal in gleicher Weise verhaftet: der Inquisition die einen, dem Geiste der Freiheit gegen starre Wortgläubigkeit der andere. In Spinozas Philosophie, die er von der Herrschaft der Theologie befreite, waltet die große Vernunft, die selbst mystischen Ursprungs ist. Die jüdische Vernunft ist unmaterialistisch — sie soll auf Erden Vollzieherin des Wollens Gottes sein. So war Christus der erste Sozialist, so ist Spinoza Vorkämpfer für Republik, Demokratie, Liberalismus. Es hat schon etwas für sich, wenn diese Institutionen als „jüdisch" verschrieen werden. Nur geht es nicht an, daß man ihre Zerrbilder als Maßstab nimmt und schlechte Vertreter für das Judentum verantwortlich macht, Man muß eine Idee nach ihren reinsten Repräsentanten beurteilen wie Spinoza es ist, dessen Staatsphilosopie Ethik ist. („Ein bess'rer Christ war nie!" konnte Lessings Klosterbruder von Spinoza sagen.) Es ist Hybris, wenn das Individuum in seinen Ideen von Menschlichkeit göttliches Recht erkennen will.