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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-01-01 · 1 (1.1.1933) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
1 (1.1.1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.l Bauern in kurzen Hosen und hohen schwarzen Stiefeln; an der Synagoge nehmen sie die Sense von der Schulter, lehnen sie gegen die Tür, neigen sich tief und treten ein: russische Muschiks, die am Fredtag abend niederknien und Schma Jsrael sagen. — Diese Welt von exotischen Juden, die sich vom Judentum entfernt haben, ist in der Tat das Seltsamste vom Seltsamen in unseres Herrgotts reich besetztem Tiergärten. Die hinreißende und gleichzeitig exakte Schilderung Carlebachs bringt uns diese Exoten nahe. In Studien und auf wiederholten Reisen hat der Verfasser sein Material gesammelt und es aus seiner eigenen innigen Verbundenheit zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft prachtvoll gestaltet. Nur ein Teil des Materials ist hier verarbeitet. Wir erwarten gespannt auf noch, weitere Bände; denn Carlebach gibt viel viel mehr als gute jüdische Unterhaltungslektüre. Agnons jüdische Weif Von Dr. Ernst Simon (Haifa) Die vierbändige, vorbildlich gedruckte und ausgestattete, hebräische Gesamtausgabe (bisher) „aller" Schriften Sch. 1. Agnon's des Verlages Schocken, Berlin, gibt erneute Verr anlassung, den Dichter vorzustellen und in seiner Bedeutung zu würdigen. Es soll uns hier aber nicht darauf ankommen, den Inhalt dieser vier Bände zu umschreiben— zwei davon werden von der romanartigen großen Rahmenerzählung „Hachnassath Kallali", etwa „Brautausstattung", ein dritter von Liebes- und ein vierter von größeren und kleineren Erzählungen aus jüdischer Vergangenheit und Gegenwart ausgefüllt — sondern wir wollen einen Querschnitt durch den Gesamtbereich von Agnon's Welt, und das heißt seiner jüdischen Welt zu geben versuchen. Man hat richtig bemerkt, daß das Problem „Väter und Söhne" die neuhebräische Literatur in ganz besonderer Weise beherrscht: angefangen von der hebräischen Aufklärung, der „Haskalah', die sich sprachlich und inhaltlich gegen die rabbinische Tradition empörte (z. B. Jehudah Leib Gordon) über Mendele Mocher S'farim, der die Welt dieser Tradition schon wieder mit einer zwischen Liebe und Bosheit schwankenden Ironie zur Schilderung objektivieren kann, bis hin zu Bialik, der seinen romantischen Standort „auf der Schwelle des Lehrhauses"— der Titel eines seiner berühmtesten Gedichte! — gewählt hat und von daher manchmal vorwärts in das neue Leben, manchmal zurück auf die alte Lehre schaut. In diesem geistesgeschichtlichen Prozeß bedeutet nun Agnon nicht nur eine andere Etappe, sondern eine neue Epoche. In seinen reifsten Werken scheint der Kampf zwischen jüdischer Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr spürbar und die geschlossene jüdische Welt vor Einbruch der Emanzipation taucht in einer — wohl niemals wirklich gewesenen — Ganzheit und Reinheit auf, unversehrt wie Vineta aus dem Meere. Dies jedenfalls ist der erste Eindruck: wir sehen Vergangenheit, aber voll vergegenwärtigte. Trotzdem wird, rein äußerlich, der zeitliche Abstand gewahrt und sogar datiert; die Erzählungen führen selten weiter als 150 bis 200 Jahre zurück; und auch der Ort ist kein märchenhaftes Nirgendwo, sondern ein ganz irdisches Polen, Palästina, und. mit Vorliebe, Galizien, dessen einzelne Ortschaften bei den Wanderzügen Rabbi Jüdel's. der Hauptperson in „Hachnassath Kallan", geradezu zu einem poetischen Itinerarium werden. Dieser Rabbi Jüdel vertritt sein Volk, nach dem er heißt. Er zieht auf Wanderschaft und verläßt den gewohnten Ort im Lehrhaus, um, dem Drängen seiner Frau und dem Befehl seines Rabbi folgend, eine Mitgift für .eine seiner beiden Töchter zusammenzubitten, die nun „die Schande ihrer Jungfernschaft" schon bis ins 18. Jahr trägt. Welch ein Jude! Sein Vertrauen zu Gott verläßt ihn niemals, auch nicht in gefährlichen und sogar nicht in zweideutigen Situationen; seine Güte zum Mitmenschen ist immer gegenwärtig, aber doch auch nur gegenwärtig: Frau und Kinder, deretwegen er auszog, kann er monatelang über einer Gelegenheit zum Thoralernen vergessen; und in dieser ganz lebensnahen und lebendurchtränkten Frömmigkeit gibt es eigentlich nur zwei transzendente Zielpunkte: nicht etwa Gott, denn der ist immer ganz nah, sondern: Tod und Erez Israel. Nicht zufällig treten, in einer Begegnung mit einem Palästinawanderer auf dem Friedhof zum Beispiel, beide gelegentlich zusammen auf, ähnlich wie der Band Liebesgesehichten mit Sterben anhebt und mit Sterben ausklingt. Rabbi Jüdels Welt ist ganz jüdisch. Jüdisch ist ihre Natur, die nicht etwa, wie im Musivstil der Haskalahzeit durch die Brille der Bibelverse gesehen und geschildert wird, sondern die vielmehr existenziell aus den Tieren und Pflanzen von Bibel und Talmud besteht, aus deren heiligen Worten täglich neu sich aufbaut, gleichsam wie sie einst durch Gottes Wort erschaffen ward. Die Pferde reden wie alte Juden, und das wirkt gar nicht märchenhaft. Man da,rf manchmal, wenn man, trotz aller innerlichen Nähe, den Abstand des Dichters leise fühlt, an die Ironie Kafkas denken — womit freilich der höchste Vergleich gewagt ist. Jüdisch ist auch der gesellschaftliche Aufbau dieser Welt: ihre Aristokraten sind die Thoragelehrten, ihre Könige und Tyrannen die Gemeindevorsteher, und ihre Proletarier nicht etwa die Schnorrer (die vielmehr durchaus zu den Aristokraten zählen können), sondern die Kutscher und Schankwirte, das unwissende Volk. Aber auch sie umfaßt Rabbi Jüdel mit seiner Liebe und seinem Belehrungseifer: wie seinem Dichter, so ist auch ihm das Böse und Niedrige nicht recht wirklich, und er steht vor uns wie einer jener Juden, von denen Hermann Cohen seinen Satz: „Zufriedenheit ist eine religiöse Tugend" abstrahiert haben könnte. Aber diese Welt zerfällt, und Agnon zeigt sie uns auch sowohl in ihrem Zerfallen wie in ihrem Zerfallensein. Schon in „Hachnassath Kallah" gibt es einen „Aufklärer", aber er ist noch von der harmlosen und behutsamen Sorte. Andere Erzählungen aber führen uns in jene grausame Situation, in der die rabbinische Welt unter den Witzen des ersten Europataumels zusammenstürzte. Und nun wird das eine große Hauptthema Agnons, das „Schadchones" tragisch. In der einheitlichen Welt des ungebrochenen Judentums, der Welt des einen Himmels über der einen Erde, waren die. Personen weitgehend austauschbar und die allerglücklichsten Ehen durch den Gleichtakt des Lebens von vorneherein gesichert und dauernd geschützt. Nun, da dieser Gleichtakt in seine einzelnen Töne disharmonisch auseinander bricht, aber die Lebenstechnik des „Schadchones", wie Techniken immer, ihren früheren Inhalt scheinbar unbekümmert überlebt: da zerbrechen menschliche Herzen. In einer Meisternovelle gestaltet Agnon die Tragik dieses Übergangs. „Im (mittäglichen) Schweigen ihres Lebens", wie die biblische Überschrift sagt, „In der Blüte ihrer Tage", wie wir es nennen, stirbt die vielgeliebte (aber nicht liebende) kranke Frau dem sorgendem und ernsten Gatten fort, und die Tochter, 14jährig heranreifend, macht schließlich das nur ersehnte Schicksal der Mutter zu eigenem Leben und gewinnt sich denselben Mann, der einst vergeblich um jene werben mußte. Auch hier aber noch klingt, obwohl wir im Zeichen des alles verändernden und niederreißenden Überganges stehen, das Motiv der ewigen Wiederkehr des Gleichen an: Mutter und Tochter variieren dasselbe Schicksal; auch sie sind, trotz allem, austauschbar. Noch einen Schritt — und wir sind in unserer Zeit, unter den zionistischen Vereinsmitgliedern in Galizien, unter den Einwanderern in Tel-Awiw. Agnon ist so. weit entfernt von der Geisteshaltung der jüdischen Aufklärung, daß man ihr

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