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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-01-01 · 1 (1.1.1933) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
1 (1.1.1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 „Exotische Juden" Esriel Carlebach, Exotische Juden. Berlin (W e 11 v e r 1 a g) 1932. 248 Seiten. Preis geb. RM. 6.—. Eine Leseprobe und eine Würdigung des bisher gelungensten Bandes der Heine-Bund- Sammlung soll den Leser zur lohnenden Lektüre einladen. 1. Juden aus Saloniki — Stolze Spanier Es sitzen in hundert Städten rings um das Mittelmeer, in tausend Gassen, in zehntausend Hinterhöfen Juden, von denen man bei uns gar nichts weiß. Man kennt nur ihren Namen: Sfardim. Geschäftsreisende, Journalisten, Ferientouristen kommen manchmal in die Judenstädte von Saloniki, Rhodos, Konstantinopel, Algier, Alexandria, Tunis und Tetuan. Sie schlendern dann durch die Basarstraßen, versuchen von unschuldigen Kolonialwarenhändlern historisches Material zu bekommen, lassen sich für einen kleinen Bakschisch in alte Synagogenhöfe führen, sonderbar widerstrebend angefaßt von Gefühlen der Vertrautheit und der inneren Ferne zu jenen Bethäusern zugleich. Sie sagen „Israel!" und „Allemania!", begegnen einem glücklich verstehenden Lächeln des alten Bethausdieners und hasten dann mit ein paar Ansichtskarten zurück; an Bord zum five o'clock, ins Hotel zu einer Konferenz. Es kommt den Juden, die solche Stippvisiten in Mittelmeerhäfen machen, nur dunkel zu Bewußtsein, daß sie hier in Zonen eindringen, in denen der vierte Teil der Gesamtjudenheit aufgewachsen ist, aufgewachsen unter eigenen, in allem originellen Lebensbedingungen und, — was das wesentlichste ist,— mit einer ganz, ganz anderen jüdischen Vergangenheit als der unseren. Es sind Menschen und Löbensformen, die wir nicht umsonst sfardisch nennen. Sfardisch, — das heißt spanisch. Sfardim, das sind die Nachkommen all der Juden, die seit 1492 in größeren und kleineren Zügen aus Spanien flohen und nicht reich genug waren, nach Amerika, Holland, Deutschland und Frankreich auszuwandern. Das sind jene Juden, die als kompakte Gruppen rings um das Mittelmeer sitzen blieben. Sie kamen als spanische Kleinbürger, entjudet bis ins letzte hinein. Schon hundert Jahre vor der Vertreibung konnte in Saragossa kein Jude mehr hebräisch lesen, man hielt den Hauptgottesdienst der Stadt auf spanisch ab. Sie waren religiösliberal; bestenfalls: spanische Staatsbürger jüdischen Glaubens. Und wenn man sie nicht vertrieben hätte, — Mischehen und Indifferentismus hätten sie aufgezehrt wie alle assimilierten Judensiedlungen sonst. Aber man vertrieb sie, vertrieb sie in geschlossenen Gruppen. Nie vorher und nie nachher ist je wieder eine so große Zahl von Juden an einem Tag auf die Wanderschaft geschickt worden wie am 9. Aw 1492, als uns die katholischen .Könige auswiesen. Es ist grotesk: Da leben in Adrianopel und Sofia, in Bukarest und in Srriyrna Tausende von Juden, die kochen, wie man in Spanien gekocht hat, die essen, ungeachtet des anderen Klimas und der Marktverhältnisse, — was man in Cordova und Sevilla zu essen pflegte. Sie backen in Pan d'Espania, ihr spanisches Brot, obwohl die Fabriken ihrer Städte viel schmackhafteres gesünder und billiger herstellen. Sie haben ihre Pastel und ihre Albondiga als Fleischgericht, ihre Agraestada und Caldo zur Suppe, ihre Ques adilla zum Nachtisch und das Pan de Leon zum Abendbrot. Sie heißen Joya, Valle, Tilla und Alegre (zu deutsch: Diamant, Tal, Holz und Freud). Sie nennen ihre Kinder Esmeralda, Angela und Graziosa. Sie lieben es, statt etwas zu fragen, ein spanisches Sprichwort anzuwenden und statt zu antworten, ein spanisches Sprichwort zu gebrauchen. Sie singen nur spanische Romanzen. Wenn es ganz früh am Morgen ist in Saloniki, — die Fensterläden noch geschlossen und kaum hell genug, daß man überhaupt sehen kann, — dann geht der Limonadenverkäufer schon durch die Straßen. Er lehnt sich den Fez halb in die Stirne geschoben, den Wasserkrug groß vor die Brust gebunden, an eine Ecke und singt, schmachtend, durch die Nase, langgezogen: „Sitzt die Königin Isilia, sitzt und webt, goldene Nadeln in der Hand, näht sie ein Liebesbanner. Manchmal fällt die Nadel ihr, manchmal der Fingerhut zur Erde. Kommt dann der schöne Pariser vorbei, spricht sie zu ihm: .Welche Arbeit hast, Pariser, deinem edlen Körper auserwählt?' — .Kaufmann bin ich, meine Königin, ein Kaufmann und ein Schreiber. Drei Schiffe ankern mir im Hafen, gold- und teppichbeladen.' — ,Wenn das wahr ist, Pariser, und wenn du willst, Pariser, dann komm ich dich besuchen.' — .Gesegnet seist bei deinem Kommen, Königin, du mir.' — Kaum daß sie auf das Schiff gegangen, hob den Anker er und breitete die Segel und trug die Königin nach Frankreich." Während der Limonadenverkäufer das singt, wacht die Judengasse auf. Man stößt die Fensterläden zurück, Köpfe zeigen sich. Arme, Becher, Schalen. Der Limonadenmann geht an den Fenstern entlang und gießt ein. ' Nicht wahr, das ist ganz anders, als man ein Ghetto sich vorstellt, ganz anders, als in polnischen Städtchen die Schulklopfer die Häuser entlanggehen, mit einem Hammer an die Türen schlagen und dumpf mahnend sagen: Juden steht auf, steht auf zum Dienst des Schöpfers! Säße ein ostjüdischer Rabbiner bei einer ihrer Hochzeiten und hörte den folgenden Vers, — er würde aufstehen und hinausgehen; hier aber singen die Rabbiner selbst: „Alle gehen, alle gehen in die Schul, ich aber geh zu dir,. Esterica, meine Seele. Alle küssen, alle küssen die Mesussa, ich aber küsse deinen Mund, Esterica, meine Seele." . 2. „Exotische Juden" von Esriel Carlebach Diese Probe aus einem neuen Buch von Esriel Carlebach ist der Auftakt zu neun Reisebildern, die uns die merkwürdigen jüdischen Gemeinschaften um das Mittelmeer zu Erlebnissen machen. Die Judenzentren, die Carlebach bereist hat, bleiben uns nach diesen Fahrten neben dem Baedeker unvergeßlich; denn die Schilderungen vereinigen zweierlei: sie sind mit einem Künstler- und Malerauge gesehen, und was viel mehr gilt als die ästhetisch-literarischen Qualitäten der Bilder, sie sind mit heißem jüdischen Herzen erlebt. Was vollends den Gestalten Wärme und Leben gibt und sie einer mehr als genußreichen, ja zu einer geradezu den aufgeschlossenen Leser verwandelnden Lektüre macht, ist das tiefe Wissen des Erzählers um die Zusammenhänge in Vergangenheit und Gegenwart. Wir haben übergenug an Reisebüchern aller Schattierungen; auf tausendfache Weise ist der Griff nach dem Osten, der Ritt ins Morgenland unternommen: Noch nie ist aber die Existenz etwa dieser spanischen Juden in Saloniki so aus tiefster Seele verstanden worden, nie sind die Ängste der Einsamkeit der Juden von Marokko, ihre armseligen Löcherwohnungen, ihr Gemeinschaftsleben, die Via Dolorosa ihrer Geschichte und ihre Hilflosigkeit gegenüber der französischen Loyalität so eindringlich gemacht wie hier. Dieser Alexander Ahmed Francois Asulai in Tunis. Gheikh des Israelites, ist nur einer seinesgleichen: wie er geschildert wird, damit ist mehr gesagt als mit den feinsten Unterscheidungen moderner soziologischer Methoden. Man lese etwa die Schilderung des Beth-Din von Tunis, des autonomen Gerichts der Juden von Tunis: nur wer so zu sehen und abzumalen versteht und gleichzeitig im talmudischen Recht zuhause ist, kann so eindringlich und anschaulich aussprechen, was hier vorgeht. — Ein anderes Kapitel: Die Juden von Tripolis: Carlebach weiß auf die fesselndste Weise das hier fast undurchsichtige Wirrsal der Kulturen, die auf diesem Boden zusammenstoßen, übersichtlich zu machen. „Kindliche Krieger" ist das Kapitel überschrieben über die Juden in der Sahara, die schreiend und schießend auf ihren Pferden dahinjagen. „Es ist die Welt von unserem Stammvater Abraham, und die Wüstenjuden sind seine nächsten noch lebenden Verwandten". Nomaden, die auf Raub ausziehen, keine Einehe kennen, nie mit Talmud und Beth-Hamidrasch Bekanntschaft gemacht haben! — „Paradiesbürger" — die Juden von Jemen! — Die Dönmehs in Ismir, die heute noch Anhänger des falschen Propheten Sabbatad Zwi's sind!—Die Karäer hinter den letzten Häusern der Judengasse von Poniwesch in Litauen l

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