Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (1.1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 ten: DasDogmader Erbsünde und das Problem derTheodizee. Hier findet man weitaus die bedeutendsten Forschungsergebnisse, die schlagwortartig zusammengefaßt die folgenden Phänomene enthalten: Einspruch der reformatorischen Systeme gegen die fortschreitende Humanisierung des Christentums; Wiederhinwendung der Reformation zur Ubernatürlichkeit, Unbedingtheit, Einzigkeit und zur absoluten Autorität des Bibelwortes; anachronistische Auffassung vom religiösen Individualismus der Reformation; Wiederanknüpfung der Aufklärung an den Humanismus; analytisch-methodischer Beweis der Ohnmacht der Vernunft in Pascals Pensees, dagegen hedonistische Philosophie Voltaires; Grundauffassung der Aufklärung: Sünde, Erlösung, Rechtfertigung sind an das Bewußtsein des Subjekts des Tuns unlösbar gebunden. Der zweite zentrale Abschnitt, in dem Cassirer die positive Tendenz der Aufklärung nachweist, behandelt dieldeederToleranzunddieGrundlegung der „natürlichen Religion" (214ff.): Nicht der Zweifel, sondern das Dogma ist der gefährlichste Feind des Wissens; nicht die Unkenntnis schlechthin, sondern die Unkenntnis, die sich als Wahrheit ausgibt und sich als Wahrheit durchsetzen will, ist das, was die Erkenntnis in ihrem eigentlichen und tiefsten Kern angreift. Das Prinzip der ethischen Bibelkritik, die Verwerfung der Verbalinspiration wird zum intellektuellen Allgemeingut der Epoche. Voltaires, des großen Atheisten „Traktat über die Toleranz“ (1763) faßt mit dem größten Ernst, mit Ruhe und schlichter Sachlichkeit, knapp und scharf, alle intellektuellen Überzeugungen und Tendenzen der Aufklärungszeit wie in einen Brennpunkt zusammen. Nie ist die jüdische Forderung der Toleranz und Gleichberechtigung über die Treffsicherheit dieser Argumente hinaus'gekommen; bis heute scheuert sich daran die im gleichen Atem erhobene Forderung der absoluten Unbedingtheit des göttlichen Gebotes in der schriftlichen und mündlichen Lehre wund. — Endlich das dritte Hauptproblem innerhalb der aufklärerischen „Idee der Religion“: Religion und Geschichte. Die Synthese rationalen und historischen Geistes, die die Aufklärung vollzieht, schließt die Fähigkeit zu vollem Verständnis der geschichtlichen Welt in sich ein, wenn auch eine vulgäre, aber oberflächliche und unausrottbare Vorstellung dem 18. Jahrhundert ein solches Verständnis abspricht. In Grotius’ umfassendem, an allen Quellen der humanistischen und theologischen Gelehrsamkeit genährten Geist ersteht zum erstenmal der vollständige Plan der wissenschaftlichen Bibelkritik (S. 251). In höchst einleuchtender Deduktion weiß Cassirer die wesentlich-negative Tendenz der spinozistischen Bibelkritik im Gegensatz zu der positiven Argumentation von der Geschichtlichkeit der Quellen der Religion bei Lessing nachzuweisen. Diese Geschichtlichkeit wird jetzt nicht mehr zur Kritik, zur Widerlegung der Religion aufgerufen, sondern, eben von Lessing, mitten in den Grund- und Ursinn der Religion selbst verpflanzt. „Wenn Spinoza den absoluten Wahrheitswert der religiösen Offenbarung durch den Einblick in ihre Geschichte zu bestreiten sucht, so will Lessing durch diese Einsicht eine Restitution, eine Rettung der Religion vollziehen“ (S. 256 f.). Lichtvoll und in subtiler Gedankenführung wird hier der scharfe Unterschied zwischen Lessing und Mendelssohn, der im allgemeinen noch an der höchst genügsamen traditionellen Fassung der religiösen Begriffe bei Christian Wolff festhält, von Cassirer ans Licht gestellt. In der „Erziehung des Menschengeschlechts“ legt sich dann Lessing das Historische als mit dem Rationalen vereinbar zurecht. Wir müssen es uns in diesen Blättern versagen, zu den beiden mittleren Kapiteln „Die Eroberung der geschichtlichen Welt“’ und zu der Gedankenwelt der Aufklärung über Recht, Staat und Gesellschaft vorzuschreiten. — In einem Augenblick, in dem auch das noch mit den geistigen Fragen der Zeit heftig ringende Judentum (wie die Referate auf der Mainzer Rabbinerkonferenz untrüglich zeigen) sich von Kant zu Barth und zu den anderen „dialektischen“ Theologen wendet, darf das neue Werk von Cassirer dem besonderen Studium empfohlen werden. Cassirer sagt u. a. in der Vorrede: „Keine Behandlung der echten Philosophie-Geschichte kann bloß-historisch gemeint und bloß-historisch orientiert sein. Denn der Rückgang auf die philosophische Vergangenheit will und muß stets zugleich ein Akt der eigenen philosophischen Selbstbesinnung und Selbstkritik sein. Mehr als jemals zuvor scheint es mir wieder an der Zeit zu sein, daß unsere Gegenwart eine solche Selbstkritik an sich vollzieht, —daß sie sich wieder den hellen und klaren Spiegel vorhält, den die Aufklärungsepoche geschaffenhat... Das Wort: Sapere aude!, das Kant den Wahlspruch der Aufklärung genannt hat, gilt auch für unser eigenes historisches Verhältnis zu ihr... Das Jahrhundert, das in Vernunft und Wissenschaft „des Menschen allerhöchste Kraft“ gesehen und verehrt hat, kann und darf auch für uns nicht schlechthin vergangen und verloren sein; wir müssen einen Weg finden, es nicht nur in seiner eigenen Gestalt zu sehen, sondern auch die ursprünglichen Kräfte wieder frei zu machen, die diese Gestalt hervorgebracht und gebildet haben.“ Müssen wir hier sagen, daß nur von einer geläuterten Aufklärung, von der Wiederanknüpfung an ihre höchsten Ziele, von ihrem tatkräftigen Optimismus, ihrer rückhaltlosen Gläubigkeit die geistige Neubegründung des positiven religiösen Liberalismus ausgehen kann. Wird erst die unnatürliche Gleichsetzung des religiösen und politischen jüdischen Liberalismus ganz überwunden sein, dann sind im Judentum, das dogmatisch und kirchlich viel weniger fixiert ist als etwa die christlichen Religionen, die Kräfte freigesetzt, die ein positives religiöses liberales Judentum sammeln und festigen können. Diese Neubefestiger einer eigenen jüdischen schlackenlos liberalen Position, die dann furchtlos von einer zusammengeschmolzenen Elite wieder errichtet werden muß, wird die geistige Haltung des 18. Jahrhunderts, seinen unbeirrten Vernunftsglauben, seine Zweifelsmethode und Fragestellung nach dem letzten Bestand apodiktischer Evidenz zum Vorbild nehmen und auf diesen Wegen, in dieser Gesinnung der absoluten intellektuellen Redlichkeit wieder einen starken echt jüdischen Kern schaffen, um den sich andere jüdische Bildungen einträchtig herumgruppieren. F.