Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (1.1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Väterliche Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt Ser Israelitischen Kultusgememöen in München, AugsbwH, Bamberg nnü öes llerbanües Bayerischer Israektislber Gememüen ErsLiieint sm l.u. 15. jeden Monats. —Verlag: B. Heller, München, Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Plinganserstr,64, Tel. 73 6 64 u.73 6 65, Postscheck München 3987, Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Ta- Schriftleitung: Pr. L, Feuchtwanger, München, Grillparzerstr. 38 rif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. IX. Jahrgang München, 1. Januar 1933 Nummer 1 Inhalt: . Vernunft und Wissenschaft — des Menschen allerhöchste Kraft“ — „Exotische Judfcn“ — Agnon’s jüdische Welt — Jüdischer Geist? — Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums — Aus 'der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Aufnahmen in ein Altersheim für den Mittelstand; Bekanntmachung über die Anbringung von Sitzgelegenheiten bei Grabstätten auf den gemeindlichen Friedhöfen — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg: Nachtrag zum Haushaltplan für die Zeit vom 1. Januar 1933 mit 31. März 1933 rf... .Vernunft und Wissenschaft — des Menschen allerhöchste Kraft" Anläßlich des neuen Werkes von Ernst Cassirer Ernst Cassirer, o. Professor der Philosophie an der Universität Hamburg, Die Philosophie der Aufklärung. XVIII, 491 Seiten. Tübingen (Mohr) 1932. Nicht die einzelnen historischen Erscheinungsformen der Aufklärungsphilosophie, sondern ihre bestimmenden Prinzipien und ihren gedanklichen Ursprung behandelt das neueste Grundwerk von Ernst Cassirer, des ausgezeichneten Hamburger Philosophen, des legitimen Nachfolgers von Hermann Cohen. Seinem Schaffen ist wiederholt in diesen Blättern nachgegangen worden; an sein großes dreibändiges Hauptwerk „Philosophie der symbolischen Formen“ (1923—1929, bei Bruno Cassirer in Berlin) haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten nachdrücklich erinnert. In sieben gedanklich gedrungen und dicht gearbeiteten Kapiteln bekommen wir Einblick in die bewegenden Kräfte des Jahrhunderts der Vernunft, die heute so geschmäht und wegwerfend behandelt wird. Nur eine geläuterte Aufklärung, ein Zeitalter der Vernunft, das das Blendfeuer aller Irrlichter der Seins- und Lebensphilosophie durchschritten hat, mag sie von Klages oder Heidegger kommen, wird (bis neue Erschütterungen eintreten) das stetige und gleichmäßige Ausschreiten der Geisteswissenschaften wieder sichern können. So gewinnt Cassirers neueste große Arbeit beute eine doppelte Bedeutung. Die sieben Kapitel behandeln: Die Denkformen des Aufklärungszeitalters, Natur und Naturerkenntnis der Epoche, Psychologie und Erkenntnislehre, die Idee der Religion, die Eroberung der geschichtlichen Welt, Recht, Staat und Gesellschaft, endlich die Grundprobleme der Ästhetik. Nur wenn „Rationalismus“ und „Vernunft“ eindeutig bestimmt und von allen polemischen Vorurteilen und verschwommenen Redewendungen ä la mode sauber gehalten werden, kann mit diesen Begriffen ein geistiges Verhalten getroffen oder ein Zeitalter charakterisiert werden. Statt des deduktiven Systems im 17. Jahrhundert tritt im darauffolgenden die Analyse: Die Beobachtung ist fortan das „Datum“, das Prinzip, und das Gesetz das „Quaesitum“. Die „Vernunft“ wird nicht more geometrico in einem geschlossenen System vorweggenommen, sondern man läßt sie sich allmählich aus der fortschreitenden Erkenntnis der Tatsachen entfalten und sich auf immer klarere und vollkommenere Art bezeugen. Eine neue „Logik der Tatsachen“ ersetzt die Logik des scholastischen oder rein-mathematischen Begriffs. Auflösung, Entzauberung, Entschleierung, aber auch Wiederzusammensetzung und Durchsichtigmachung ist die Funktion des Aufklärungszeitalters. Für die konventionelle Beurteilung dieses Zeitalters steht nichts so sehr fest als die irreligiöse und glaubensfeindliche Haltung ihrer Hauptvertreter. Cassirer belehrt uns in dem für uns besonders wichtigen vierten Kapitel über „Die Idee der Religion“, daß eine derartige Betrachtung gerade an den höchsten positiven Leistungen dieser Zeit ahnungslos vorübergeht. „Die stärksten gedanklichen Impulse der Aufklärung und ihre eigentliche geistige Kraft sind nicht in ihrer Abkehr vom Glauben begründet, sondern in dem neuen Ideal der Gläubigkeit, das sie aufstellt, und in der neuen Form der Religion, die sie in sich verkörpert“ (S. 180). Echtschöpferisches Grundgefühl und unbedingtes Vertrauen zur Weltgestaltung und Weltemeuerung sind im Gegensatz zu jener landläufigen Meinung die wahren Merkmale des Geistes der Aufklärung. Nur dreht sich von jetzt ab die religiöse Problematik nicht mehr um Dogmen und Pflichtenlehre, sondern um die Art der religiösen Gewißheit. Besonders im Kreise der deutschen Aufklärungsphilosophie ist es nicht die Auflösung der Religion, sondern ihre „transzendentale“ Begründung, die mit allen Kräften angestrebt wird. Cassirer begründet diese Auffassung von der überwiegend positiven Tendenz der Epoche in drei zentralen Abschnit-