Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 24 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Der Einweiliungsgottesdienst fand am Scliabbos Bereischitli 1872 statt. Zahlreiche erste Familien hatten sich der Gemeinde Adass Jeschurun an,geschlossen; ihre eigentlichen Gründer waren die Herren Hofbankier Max von Wilmersdörffer und Bankier Leopold Späth; es verdienen noch die Namen einiger besonders verdienter Miglieder wie Klippstein, Schwab, Marx, Offenbacher, Müller, Teilheimer, Buff, Bauernfreund, Weinmann,Herrmann. Haas, Felsen, Guggenheim u. a. erwähnt zu werden. Von den nächsten Jahren des Bestehens dieser Gemeinde finden sich keine besonderen Aufzeichnungen vor; sie entwikkelte sich weiter und befolgte treu die Leitsätze ihrer Satzungen, die im Jahre 1876 festgelegt und zum Vereinsregister angemeldet wurden. Doch war nach Ablauf von noch nicht zwei Jahrzehnten infolge verschiedener Umstände die Mitgliederzahl stark zusammengeschmolzen. Erst Adolf Adler, der sich nach seiner Übersiedelung nach München Ende der achtziger Jahre dieser Gemeinde anschloß und sich alsbald ihrer Interessen tatkräftig und besonders durch Übernahme der Leitung annahm, gelang es, im Laufe eines mehr als 25jährigen Wirkens neues Leben im verkleinerten Kreise zu erwecken und unter Überwindung mannigfacher Schwierigkeiten eine tragfähige Grundlage für den Wiederaufbau der Gemeinde gemeinschaftlich mit den Herren M. J. Schwab, Th. Teilheimer, Simon Weinmann u. a. zu schaffen. Aus dieser Zeit werden eine Reihe von Spenden erwähnt, so auch die eines neuen Porauches durch Hermann Tietz. Von ganz bsonderem Interesse ist die Mithilfe bei diesem Aufbau durch eine Reihe von jungen Leuten und Söhnen von Mitgliedern, die sich in einem Verein „Unitas“ Chewroh Kischuth Beth Hakn.eseth zu diesem Zweck zusammengeschlossen haben und sich opferwillig in den Dienst der guten Sache stellten. Außer der Übernahme der Verpflichtung unter Auferlegung von Zubussen, abwechselnd regelmäßig und pünktlich zu den Morgen- und Abendgöttesdiensten zu erscheinen, hat dieser Verein, der unter ■der Leitung von Josef Adler stand, aus eigenen Ersparnissen den Betraum nebst Einrichtung und Utensilien vollständig erneuert, sich um die'Verschönerung des Gottesdienstes bemüht und einen Chor ins Leben gerufen. Sein erstes Werk war die Übergabe eines neuen Oraun Hakaudesch nach einem Entwurf Ludwig Haas, der heute bei dem Verein Machasike Hadass in Benutzung steht; er ließ von dem damaligen Säufer Korber eine neue Sefer Tauroh schreiben, die feierlich eingeweiht wurde. Zum erstenmal seit Jahren gelang es damals, das Budget wieder aktiv zu gestalten. — 1904 übersiedelte die Gemeinde in die Müllerstraße. Auch aus dieser Zeit werden verschiedene Stiftungen und Schenkungen erwähnt, die der Adass Jeschurun zugewendet wurden. Seit 1910 waren die infolge des Anwachsens des Vereins zu eng gewordenen Räume die Veranlassung, den Bau einer eigenen Synagoge in Betracht zu ziehen und hierfür vor allem einen Bauplatz zu suchen. Dank der hochherzigen Stiftungen von je 10 000 Mark durch die Mitglieder Simon Weinmann, Simon Herrmann und Adolf Adler sowie weiterer Spenden konnte 1912 das Grundstück an der Pettenkoferstraße zu diesem Zwecke erworben worden. Die seit 1908 mit der Israelitischen Religionsgesellschaft Auhel Jakob schwebenden Zusammenschluß Verhandlungen haben sich 1914 zu der Verschmelzung beider Gemeinden verdichtet, zu welchem Zweck es den Mitgliedern der Adass Jeschurun auferlegt wurde, den Platz schuldenfrei zu stellen, was mit der Aufwendung von weiteren 30 000 Mark auch erreicht wurde, während Auhel Jakob sich verpflichtet hatte, die Synagoge zu bauert. Der Ausbruch des Weltkrieges hat die Ausführung des bereits genehmigten Baus, der schon vergeben war, vereitelt. 'Das Grundstück wurde wieder an seinen früheren Eigentümer zurückgegeben und harrt heute noch seiner ursprünglichen Bestimmung; der vereinbarte Zusammenschluß beider Gemeinden wurde nun nicht mehr vollzogen. Der verhängnisvolle Krieg mit seinen Folgen und besonders der Inflation ließen die finanziellen Reserven der Religionsgesellschaft wieder zusammenschmelzen, den tatkräftigen Führern zu dieser Zeit und hochherzigen Spendern ist es . zu verdanken, daß auch hier wieder Abhilfe geschaffen werden könnte.- Die Gemeinde Adass Jeschurun war im Laufe der Jahre auf 100 Mitglieder und mehr angewachsen, so daß sich die bisher, benutzen Räume als unzulänglich erwiesen. Es wurde wieder ein Provisorium für die Abhaltung der Gottesdienste getroffen, man siedelte für einige Jahre nach der Landwehrstraße 6 über. Nach weiteren Wechseln konnten durch das Entgegenkommen der Israelitischen Kultusgemeinde die Gottesdienste für die Schabbos- und Festtage nach dem Betsaal in der Herzog-Max-Straße verlegt werden, die Wochentags-Gottesdienste müssen allerding noch in einem Privatrau-m stattfinden.' Im letzten Jahrzehnt lag die Leitung der Religionsgesellschaft in den Händen der Herren Josef Adler, Ludwig Haas, B. van Wien, Ernst Abeles, E. Gundelfinger, W. Rappaport. Ehrenmitglieder sind die Herren Josef Adler und Hermann Silbermann. Als Beamte bzw. Vorbeter aus früherer Zeit sind zu melden die Namen Levinger, Singer, Löwy, Wechsler, Eisfeld. Schweizer, Jakob u. a. In den Dienst der guten Sache haben sich noch gestellt die Herren Goldschrnidt, Sohr, Kaufmann, Mehr, Homburger. Zweck der Religionsgesellschaft ist die Förderung jüdischer Gemeinschaft und Pflege tradtionell jüdischer Gebete. Um diesen noch besser als seither erfüllen zu können, wurde ein neuer Schiur ins Leben gerufen, den man als die Fortsetzung eines in letz er Zeit vernachlässigten betrachten kann. Möge der Rückblick auf die Schwierigkeiten vergangener Zeiten und die Kämpfe unserer Vorfahren uns ein Ansporn sein, mit allen Kräften zu unserer Gemeinde zu stehen und zu helfen, sie durch diese schwierigen und ernsten Zeiten hindurch zu bringen .und zu neuer Blüte zu führen. Die Kraft und die Zuversicht, die in den Mitgliedern der Adass Jeschurun lebt, tut sich in der. Absicht kund, zur Hebung des Vereinslebens und Stärkung des Zusammenhaltes das 60jährige Jubiläum nicht nur durch einen Festgottesdienst, sondern auch durch eine kleine Feier zu begehen, die am 8. Tag Chanukkoh s. G. w. stattfinden werden, n. Deutschjüdischer Arbeitskreis Am Mittwoch, den 16. November abends fand in den Räumen der Gesellschaft Concordia, Prannerstraße 4, ein Vortrags- und Ausspracheabend des Deutschjüdischen Arbeitskreises statt. Einer der bekanntesten katholischen Geistlichen Münchens, Herr Stadtpfarrer Dr. Emil M u h 1 e r von St. Andreas, der zugleich Mitglied des Stadtrats ist, referierte über das Thema „Die katholische Soziallehre und die Problematik der Gegenwart“. Die Ausführungen des Redners gaben ein umfassendes Bild von der Einstellung des neueren Katholizismus zu den wichtigsten Fragen des staatlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, vor allem zu der Frage von Kapitalismus und Sozialismus. Dabei wurde naheliegenderweise zunächst auf die beiden päpstlichen Enzykliken „Rerum novarum“ und „Quadragesimo anno“ Bezug genommen. Besonders erfreulich war, daß der Referent unter Hinweis auf den der jüdischen und katholischen Soziallehre gemeinsamen biblischen Ursprung eine „gläubige Front“ über alles Trennende hinweg gebildet haben wollte. Die Aussprache wurde von Herrn Geheimrat Prof. Dr. Wilh. S i 1 b e r s c h m i d t mit einem Hinweis auf die biblische Soziallehre eröffnet. Leider wurde das Niveau des Hauptvortrages in der weiteren Diskussion nicht immer eingehalten; umso mehr war es angebracht, daß Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer und Herr Dr. Cahnman n, der Leiter des Abends, die Versammlung noch einmal ausdrücklich zu den Grundthesen des Referats zurückführten. Jedenfalls ist es erfreulich, aus Thema und Verlauf des Abends feststellen zu können, daß auch in der gegenwärtigen Zeit die Möglichkeit freier Aussprache und . gegenseitigen Verstehenwollens besteht. Schutz und Hilfe der Familie! Der wirtschaftliche Niedergang des deutschen Judentums hat einen solchen Umfang angenommen, daß mit den Mitteln bloßer Fürsorgetätigkeit nur wenig geholfen werden kann. Gewiß ist es notwendig, auf dein Wege der Wohltätigkeit die schwerste Not zu lindern. Darüber hinaus aber sollte — wer noch dazu in der Lage ist — es versuchen, sich aus eigener Kraft vor den Gefahren einer dunklen Zukunft zu schützen, die Existenz seiner Familie aus eigenen Mitteln, sicherzustellen. Dieser Selbstschutz muß vor allem dann wirksam werden, wenn eine besondere Situation besondere Anforderungen stellt, also beim Tode des Ernährers der Familie, bei der Heirat der Tochter, bei der Berufsausbildung der Kinder. Da augenblicklich wenig Möglichkeiten bestehen, Kapital so anzusammeln, daß