Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 24 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 375 Aus der Oemeinde München Sitzung der gemeindlichen Körperschaften der Kultusgemeinde München Die 4. Sitzung der Gemeindevertretung, zugleich 12. Sitzung des Vorstands, zu der dieser auch in seiner Eigenschaft als Steuerverbandsvertretung der Gemeinde geladen war, fand am 1. Dezember unter dem Vorsitz des RA. Dr. Werner statt. JR. Dr. Straus erstattete Bericht über die Finanzlage der Gemeinde, die unter Berücksichtigung der gegebenen Verhältnisse als nicht ungünstig bezeichnet werden könne. Es werde der Gemeinde gelingen, das zu Beginn des Jahres vorhandene Defizit auszugleichen. Dies sei allerdings nur durch die Erhöhung der Umlagen und eine überaus starke Drosselung der Ausgaben möglich geworden. Besonders hätten unter dieser Einschränkung die Ausgaben für Wohlfahrtszweoke gelitten, ein Zustand, der in der gegenwärtigen Notzeit besonders zu beklagen sei und wenn möglich bei der kommenden Etataufstellung geändert werden solle. Herr Weiss bedauert mit dem Referenten diese Beschränkung der Wohlfahrtsausgaben, gibt aber seiner Befürchtung Ausdruck, daß die volle Auswirkung der Steuerrückgänge erst im nächsten Jahre eintreten werde, so daß der kommende Etat mit derselben Vorsicht aufgestellt werden müsse. Es werden eine Reihe von Nachtragspositionen der Beratung unterstellt und bewilligt und zwar für das Wohlfahrts- und Jugendamt RM. 7000.—, für den Verein Talmud Thora als Zuschuß für das 2. Halbjahr 1932 RM. 1500.—, für den Synagogenchor RM. 1300.—, für die Religionsgesellschaft Ohel Jakob RM. 700.—. Ferner wird einem Vorstandsbeschluß, die Geldentwertungsabgabe für die gemeindlichen Häuser zur Hälfte abzulösen, beigetreten. Bin dem Architkten Fritz Landauer in Auftrag gegebener Generalplan für die Anlage der noch nicht erschlossenen Sektionen des Friedhofs an der Ungererstraße wird gebilligt. Alsdann erstattet ObstLGR. Dr. Neumeyer Bericht, daß nach einer Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs und der Stellungnahme des Ministeriums für Unterricht und Kultus das Etatjahr der Kultusgemeinden nach dem religionsgesellschaftlichen Steuergesetz für die Zeit vom 1. April bis 31. März des folgenden Jahres festzulegen sei. Diese Stellungnahme nötige die Gemeinde, das Rechnungsjahr, das bisher mit dem Kalenderjahr zusammengefallen sei, umzustellen. Auch der Verband bayerischer Israelitischer Gemeinden werde sein Geschäftsjahr demgemäß ändern und die Gemeinden des Landes zu gleichem Vorgehen veranlassen. Durch die Abänderung des Geschäftsjahres werde das laufende Etatjahr um ein 5. Quartal bis 31. März 1933 verlängert werden müssen. Es sei dann aber auch notwendig, die für diese Zeit erforderlichen Mittel bereitzustellen. Er beantrage ein Viertel des bisherigen Etats einschließlich der Nachbewilligungen als Voranschlag für das 5. Quartal zu bewilligen. Gemäß den Ausführungen des Referenten wird beschlossen: 1. Das Verwaltungs- und Rechnungsjahr der .Gemeinde wird auf die Zeit vom 1. April bis 31. März festgesetzt. 2. Das Verwaltungs- und Rechnungsjahr 1932 wird 'bis 31. März 1933 verlängert. 3. Der Voranschlag für die Zeit vom 1. Januar bis 31. März 1933 wird für die Einnahmen und laufenden Ausgaben auf ein Viertel des Voranschlags 1932 einschließlich der Nachbewilligungen festgesetzt. Der Vorstand tritt diesem Beschluß auch in seiner Eigenschaft als Steuerverbandsvertretung einstimmig bei. Auf Antrag des Ritualausschusses werden die Schächtgebühren für Geflügel wie folgt festgesetzt: Gänse und Indiane 25 Pfg., Enten 20 Pfg., Hühner und 1 Paar Tauben 15 Pfg.. Dabei werden die Geflügelschächtungen innerhalb und außerhalb der gemeindlichen Geflügelbank einander gleichgesetzt. Für Schächtungen außerhalb der Geflügelbank ist in jedem Falle eine Ganggebühr dem Schächtbeamten zu gewähren. Die Gebühren für das Ritualbad werden auf RM. 2.—, RM. 1.— und 50 Pfp. (diese Gebühr für Minderbemittelte) angesetzt. JR. Dr. Ostreich gibt Kenntnis von der Absicht der Lipschütz’- schen Versorgungsanstalt, die Wohnung Mathildenstraße 9/II für Zwecke eines Altersheims zur Verfügung zu stellen, das als ein Heim für den Mittelstand nach entsprechender Ausgestaltung 8 — 10 Personen aufnehmen könne. Für den Pflegling solle ein Pensionspreis von RM. 90.— monatlich und ein Einstandsgeld verlangt werden. Die zur Instandsetzung der Wohnung erforderlichen Mittel seien an dem Etatposten „Lipschütz’sche Versorgungsanstalt“ eingespart worden, sodaß eine Mehrausgabe gegenüber dem Etat nicht gfordert werde. Seinem Antrag entsprechend werden die von der Lipschütz’schen Versorgungsanstalt infolge von Rückzahlungen erübrigten RM. 3500.— für die Errichtung des Heims bewilligt. ObstLGR. Dr. Neumeyer stellt hierbei fest, daß die Verwalterstelle für die Lipschütz’sohe Versorgüngsanstailt und ,die neu zu errichtende Anstalt im Frühjahr 1933 infolge Pensionierung des derzeitigen Stelleninhabers wieder besetzt werden müsse und in der Gemeindezeitung ausgeschrieben sei. Auf Antrag von JR. Dr. Ostreich, Dr. Stein, Dr. Schindler und JR. Dr. Heälbrönner werden als Beauftragte für das Landheim Wolfratshausen gewählt: San. Rat Dr. Baron, Direktor Apfel, Frau Reinemann, Justin Lichtenauer und JR Dr. Feuchtwanger. Der Jugendausschuß wird ergänzt durch die Zuwahl von Rabbiner Dr. Geis und zweier Jugendlicher, deren Bestimmung dem Vorstand übertragen wird. Der Schulausschuß wird erweitert durch die Zuwahl des Rabbiners Dr. Geis als beratendes Mit- Ein Antrag auf Beheizung der Halle im Nordfriedhof bei Beerdigungen wird dem Bauausschuß zur Prüfung übergeben mit Rücksicht darauf, daß die vorhandene Warmwasserheizung für nur zeitweilige Heizungen zu teuer und umständlich ist. Schluß der Sitzung 10.30 Uhr. Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München. RA. Dr. Taub über „Spinoza, der Mensch und das Werk“ Am 23. und 30. November sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Taub im Rahmen der von der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens veranstalteten Lehrkurse anläßlich der 300. Wiederkehr des Geburtstages des großen holländischen Philosophen über: „Spinoza, der Mensch und das Werk“. Im Laufe des ersten Abends entwarf der Redner in überaus einprägsamer Weise ein Bild der Persönlichkeit Spinozas. Der Referent gab zunächst einen Überblick über die inneren und äußeren Zustände der Amsterdamer jüdischen Gemeinde um 1630, in der Baruch de Spinoza aufwuchs. Er betonte den starken Einfluß, den das Studium der rabbinischen Literatur und nicht zuletzt das der Kabbalah auf den jungen Spinoza ausübte, dessen maranisch gespaltenes Bewußtsein aber sich letztlich dennoch mehr und mehr vom jüdischen Geiste weg der europäischen Philosophie zuwendet. Hier, auf dem nun einmal eingeschlagenen Wege wird ihm der Franzose Desoartes zum Lehrer, und Spinoza, „der anfängliche Interpret Descartes“, wird dessen genialster und konsequentester Vertiefer und Fortsetzer, der bald weit über die Grenzen des Älteren hinausgeht. Die eindrucksvolle Darstellung des allzu kurzen heroischen Lebens des großen Einsamen beschloß den ersten Abend, dem im zweiten die Darstellung des philosophischen Systems in großen Zügen folgte. Es gelang Dr. Taub auch einem philosophisch nicht geschulten Publikum das großartige geschlossene Geistesgebäude Spinozas, das zu den klassischen Leistungen des menschlichen Geistes zu rechnen ist. näher zu bringen und Begriffe, die vielen bisher ein verschwommenes Etwas dünkten, zu klären und zu formulieren, so daß der zweistündige Lehrkurs für alle Teilnehmer eine Bereicherung bedeutete. Fritz R. Israelitische Religionsgesellschalt „Adass Jeschurun“ 60 Jahre alt. Die israelitische Religionsgesellschaft „Adass Jeschurun“ ist eine der ältesten Religionsgemeinden Münchens; sie ist aus dem im Jahre 1861 von Elias Landauer aus Hürben gegründeten orthodoxen Minjan hervorgegangen, das seine Gottesdienste im Rückgebäude des Hauses zur Hundskugel abhielt. Die Gründung der Adass Jeschurun erfolgte im Jahre 1872 bald nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges, als durch Einführung des Reformgottesdienstes in der damaligen Synagoge an der Westenriederstraße die konservativen Mitglieder der Münchener israelitischen Gemeinde sich von dieser trennten und zwei neue Gemeinden bildeten, von denen die Adass Jeschurun ihren Gottesdienst in der von früher hier üblichen Art nach konservativem Ritus in der Fürstenfelderstrasse abhielt.