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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-12-01 · 23 (1.12.1932) · p. Seite 362

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
23 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 362 (sequence 6)
Language
German
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362 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Rabbiner Deutschlands in Wiesbaden eine Tagung ab. Über die drei Referate Lazarus (Wiesbaden), Grünewald (Mann- Heim) und Baeck (Berlin) berichtet die in Wiesbaden erscheinende Jüdsche Wochenzeitung für Nassau: Zuerst gab Lazarus (Wiesbaden) gleichsam als Auftakt eine •historische Schilderung der Tätigkeit Abraham Geigers, der vor 100 Jahren am 21. November 1832 in Wiesbaden seine Rabbinerlaufbahn begann; der Redner zeigte, wie dieser als Prediger, Seelsorger, Lehrer Wissenschaftler und Organisator in kurzen 7 Jahren im kleinen-alles*hier begonnen hat, was ihn später zum Führer unter, seinen Kollegen gemacht hat.— Darauf behandelt Grünewald (Manheim) tiefgründig „Die Paradoxien im Liberalismus“ (im Anschluß an Geiger), von denen hier erwähnt sei: die Vereinigung von Fortschreiten und Festhalten am Alten, von individualistischer Freiheit und Bindung an die Autorität des Rationalen, von Anerkennung des Zeitgeistes und seiner Überwindung in dexjReligioh. In allem dem hilft uns ein gläubiges Vertrauenin,i'd-BS: Kraft der Gemeinschaft!'— Schließlich gab als dritter Referent Baeck (Berlin) eine Kritik des Liberalismus unter dem Titel „Krisis und Lösung“, die in der Tendenz gipfelte: das liberale Judentum darf .nicht, wie es so oft getan hat, sich bestimmen lassen durch die .Fassade — sondern nur autonom durch Denken aus Lebenszusammenhängen, zu denen auch die Lebensgemeinschaft mit Gott gehört. Dies fehlt auch dem jüdischen Nationalismus. — Rede von Rabbiner Dr. Baech über das Palästina-Werk Anläßlich eines Empfangsabends der Jewish Agency in Berlin, am 10. November, zu Ehren von Lady Erleigh im Marmorsaal des Zoo führte der Hauptredner, Herr Rabbiner Dr. Baeck, Berlin, Folgendes aus: Alle, die dem Palästinawerk dienen, so verschieden sie auch sonst in ihren Anschauungen sein mögen, sind geeint durch eine große Sehnsucht: die Sehnsucht, daß auf einem neuen Boden neue Menschen, neue Juden sich selbst gestalten. Was im tiefsten die Menschen scheidet, ist Sehnsucht und Sehnsuchtslosigkeit, und wenn es zwei Gruppen von Menschen gibt, die sich nie ganz verstehen werden, so sind es die Menschen, welche oh ie Sehnsucht sind und die Menschen, in denen die Sehnsucht ,ebt. Immer im Gang der Geschichte ist das wirklich Große du* .h Menschen der Sehnsucht geschaffen worden. Dies gilt auch in der Sphäre des Politischen und Wirtschaftlichen und vor im Geistigen. Darin unterscheidet sich die Reform von der Renaissance. Wir haben im vergangenen Jahrhundert so manche Bestrebungen aus reinem, gutem Wollen bei Juden gehabt, aber es blieb bei der Reform, weil die große Sehnsucht fehlte. Erst als die Sehnsucht gekommen ist, begann die Renaissance und das Schöpferische. Im weiteren Verlauf seiner Rede weist Dr. Baeck darauf hin, daß dieser Dienst an einem Ideal immer ein menschliches Plus ist, so daß auch der deutsche Jude, der für das Palästinawerk sich einsetzt, ein menschliches Plus in sich trägt, wodurch er ein besserer auch als Bürger seines Vaterlandes wird. Für uns 'Juden gilt ganz besonders, daß wir ohne große Ziele nicht leben können. Darum lohnt es sich, immer wieder von dem zu sprechen, wofür wir ringen und kämpfen, was unser aller Sehnsucht ist. Hebraica und Judaica Im Laufe des Monat Januar 1933 veranstaltet die Firma J. Kauffmahn in Frankfurt a. M. eine Auktion von Hebraica und Judaica (Handschriften und Drucken). Es gelangen zur Versteigerung neben Inkunabeln und wertvollen Pergame nt-Manuskripten (mit und ohne Miniaturen) bedeutende Erstdrucke italienischer, konstantinopeler und saloniker Drukkereien sowie sonstige bedeutsame Seltenheiten. Es wird Interesenten geraten, sich schon jetzt an die Firma .1. Kauffmann, Frankfurt a. M., Schillerstraße 19, zu wenden, damit sie rechtzeitig den Versteigerungskatalog erhalten. Vereine Hebräischer Klub, München Nach längerer Unterbrechung nimmt der hebräische Klub, München, seine Tätigkeit wieder auf. Dienstag, den 6. Dezember, abends 9.10 Uhr, hält Herr Dr. Perciko witsch in der hebräischen Sprachschule einen Vortrag über Agnon. Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe München e. V. Nächster kameradschaftlicher Abend am Mittwoch, dem 14. Dezember, in der Gaststätte Schwarz, Schlosserstraße 2. Vortrag von Josef Kastein Am Donnerstag, den 15. Dezember wird der bekannte Verfasser der in den letzten Jahren meist gelesenen Bücher „Eine Jüdische Geschichte“ — „Sabbatai Z’wi“ — „Uriel da Costa“ im Rahmen der Veranstaltungen des jüdischen Jugendheims und der Jesaia-Loge einen Vortrag „Jüdische Gegenwart — Jüdisches Schicksal“ halten. Der Vortrag findet im Saal des Kunstgewerbevereins (Pfandhausstr.) statt; Beginn pünktlich 8.30 Uhr abends; Eintritt: 50 Pfennige. Der Jüdische Frauenbund, Ortsgruppe München, erinnert an den ersten Tee-Nachmittag am Dienstag, dem 6. Dezember, nachmittags 4 Uhr in der Bonbonniere. — Der Vortrag von Hannah Karminsky (15. Dez.) fällt wegen eines Unfalles der Redne- Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe München. Am Donnerstag, dem 8. Dezember 1932, 20.15 Uhr, findet im großen Saal des Künstlerhauses. Lenbachplatz 8, eine Versammlung statt, Näheres siehe Inserat in dieser Nummer. Jüdischer Lehrerverein von Bayern Bezirkskonferenz Fürth. Nächste Konferenz Sonntag, 11. Dezember. Blumenthal. Büdierschau Hans Erich Stier: Aus der Welt des Pergamonaltars. Geburt, Blüte und Schicksale der hellenistiscehn Kultur. 197 Seiten mit 50 Abbildungen. Berlin (Verlag Heinrich Keller) 1932. Gebunden RM. 5.50. Ein ebenbürtiges Gegenstück zu dem im vorigen Jahr erschienenen prachtvollen Buch von Oppeln-Bronikowski „Archäologische Entdeckungen“ im gleichen Verlag, das hier (Gem.-Ztg. vom 1. Februar 1932, Nr. 5, S. 43) ausführlich angezeigt wurde! Die genaue Kenntnis der. spätgriechischen (hellenistischen) Welt ist für eine wirkliche Einsicht in die wichtigste Epoche der jüdischen Geschichte, nämlich die Zeit des zweiten Tempels, unentbehrlich. Als bedeutendsten künstlerischen Repräsentanten des Hellenismus sind wir gewöhnt den großen Altar Altar von Pergamon zu sehen, Seine Entdeckung und Erschließung gehört zu den Glanzleistungen deutscher Wissenschaft; .seine Aufstellung im neuen Pergamon-Museum in Berlin, die Wiederzusammensetzung der berühmten Götter- und Gigantenfriese ist heute die Hauptsehenswürdigkeit der Reichshauptstadt. In allgemeinverständlicher Darstellung faßt das Buch von Stier die wichtigsten Forschungsergebnisse zusammen. Es schildert zunächst die geistige Bewegung, die im 19. Jahrhundert zur Wiedergewinnung der hellenistischen Epoche der Weltgeschichte geführt hat, gibt eine knappe Übersicht der äußeren Geschichte (Emporkommen Makedoniens, Siegeszüge Alexanders d. Gr.. Diadochenkriege, Einwirkung des Griechentums auf die fernöstlichen Kulturen), zeigt die politischen Vorgänge, in denen das Königreich Pergamon groß wurde. Vor unsern Blicken vollzieht sich die gewaltige Umwandlung. der Aufstieg einer neuen, der hellenistischen Kultur. Die Kunst von Pergamon wird als Ausdruck ihres Zeitalters verständlich, und wir gewinnen einen Begriff vom Wesen jener denkwürdigen Epoche, die man als die „moderne Zeit“ der griechischen Welt zu bezeichnen vorgeschlagen hat. — Das Buch schließt mit einem Überblick über die Schicksale der hellenistischen Kultur in der Römerzeit, in der als letzte Frucht des Griechentums das Christentum erwächst. Die vielartigen Bilder bringen Landschaften, Büsten und Münzporträts der hellenistischen Herrscher, Hauptwerke der Kunst dieser Zeit, aber auch solche, die den Vergleich mit vorangegangenen Epochen ermöglichen und die Wirkung griechischer Kultur auf andere Völker erkennen lassen. Die erstaunliche Nachwirkung der griechischen Kultur auf die östlichen Reiche und Länder ist oft beschrieben worden.

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