Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 23 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727973--08811-2742046- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
358 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 fleckt. Das sieht nur Amei, denn es selbst weint ganz erbärmlich, mehr aus Schreck, als weil es sich wehe getan, und Amei weiß nicht, wie helfen. Sie streicht ihm erst die Haare zurück, dann nimmt sie den Schieferschwamm, der ihr vom Schulsack herabhängt an einer langen rostroten Schnur und tupft ihm die Tränen von seinen Wangen. Der Schwamm ist gewiß sauberer als ihr Tuch. Und wie das alles nicht helfen wil, legt sie ihre warmen Lippen auf seine; er ist so klein und so kläglich und nimmt diese schwache Wärme gutwillig an, wie die Füße des Jesuskindes seines Eseleips Hauch. Und Ameis Augen sind dicht vor seinen Augen; die sind nun ganz offen, dunkel und schwer. Wie Brunnen, denkt sich Amei. „Ismael,“ ruft eine Stimme. Und wieder „Ismael“! Aber die Augen der Kinder ruhen noch ineinander, als tausche ein dunkler Brunnen langsam mit einem hellen sein Naß. Da kommt die Frau ganz ihre Stiege herauf und nimmt Ismael an die Rechte, an die Linke aber nimmt sie Amei. „Komm mit, Mädchen.“ Ihre Stimme ist singend, in ihren Ohren sind seltsame Steine, sie ist sehr schön angetan. „Er ist gefallen,“ bekennt Amei. „Ich sah es.“ „Er hat geweint.“ „Du aber hast ihn getröstet.“ Es ist nicht klar, ist die Frau mehr Ismaels Mutter oder Amei. Und sie sind alle drei drinnen im Gewölbe. Er ist nicht schön, der Geruch im Gewölbe. Die roten Kissen, die sonst draußen hängen, liegen aufeinander getürmt und sehen aus, als wären sie gefüllt mit diesem Geruch und wollten daran gleich zerplatzen. Die dunklen Hosen und Röcke sind auch im Gewölbe, altes Gerümpel und neue kieferne Möbel, und wiederum Schwarzes, das sich aber bewegt. Da merkt Amei, daß es viele der dunklen Leute sind, die hier herumstehen oder sitzen, und durch eine offene Tür geht es noch tiefer hinein. Und siehe, dort ist es dunkel und hell zugleich, denn es brennen ruhige Kerzen. Amei kann schon zählen, bis zehn; sieben Kerzen brennen zusammen und duften mächtig und schön. Und eine Stimme nahe den Kerzen: „Komm, Kind!“ Es ist ein altes Männchen in einem Stuhl, wie eine Schnecke in ihrem Gehäus, einem viel zu großen Gehäuse. Das Männchen zittert und zittert, aber wie es seine Hand auf Amei’s Scheitel legt, wird sie ganz stille, wird sie ganz schwer und immer noch schwerer, als rinne von irgendwoher ein großer Strom und fülle die ganze Hand ungeheuerlich über ihr Maß. So schwer, ja noch schwerer wird die Hand, und Amei neigt schweigend darunter den kleinen Nacken, und die Stimme sagt: „Gehe jetzt, Kind.“ Die Hand ist herabgesunken von ihrem Haupt und zittert wieder neben der anderen auf den Knien des Alten, zittert und zittert, als wäre gar nichts in ihr und der dünne Luftzug der offenen Türe bewege sie so. Amei geht hinaus mit der Frau und Ismael, wie sie gekommen. Eine andere dunkle Gestalt steckt ihr ein fremdes Kuchenbrot in die Hand, die Stiege trägt sie hinauf. Dann ist sie wieder im Gäßchen. Die Sonne sticht hinein, wie die Nadel von Franza, der Köchin, in das dicke Buch sticht, wenn Franza das Orakel befragt. Amei fällt ein, daß sie hier ja laufen soll, und sie läuft. Sie läuft auch noch über den Platz und wird laufend am Ende des Schlauches gesehen, wo er in den Vorort mündet, dort, wo Häuser in Gärten sind, Amei’s Vaterhaus mitten darin. Die Sonne ist heiß und ohne Erbarmen, aber Amei ist, als habe sie einen Hut auf dem Kopf, einen schattenden Hut, Immer noch spürt sie die Hand auf den Haaren und das Schwere, Strömende in der Hand. Sie will sich nicht kämmen lassen am Abend dieses Tages, es gibt einen großen Kampf mit Fräulein Coeleste. Am andern Tag ist Regenwetter. Mittags ruft der Vater Amei. Die Kleine steht vor dem Riesen. „Du hast einen Knaben geküßt, Leutnant George hat es gesehn.“ Amei schweigt, ihre Augen werden Brunnen voll Tränen. „Heul noch nicht, es kommt noch weit schöner mit dir, schämst du dich nicht?“ Amei wird nicht rot vor Scham, sie wird blaß vor Entsetzen. Sah Leutnant George auch in das dunkle Gewölbe hinein, sah er die ruhigen Lichter und die Hand ihr im Haar? y Du hast einen Judenjungen geküßt. Geh jetzt, Amei. ich will dich heute nirgends mehr sehn.“ Amei sitzt unter der Treppe. Dort ist „Nirgends“, so denkt sie. Sie legt prüfend ihre eine Hand gegen ihr kleines rundes Knie, sie zittert nicht, aber sie wird auch nicht schwerer und schwerer wie die fromme Rechte des Alten. „Juden,“ sagt Amei in sich hinein, „Juden“ echot ihr Herz, es klingt traurig und trauernd. Ganz so, als stehe eins auf und ginge hin vor ein Tor und warte und warte und warte. Drinnen aber beim Vater sitzt Leutnant George. Er raucht und trinkt das Rote, Gelbe und Grüne der Reihe nach aus kleinen Gläsern fort. Er spricht, und Vater lacht dröhnend. Amei aber schläft tief unter der Stiege. Alle im Haus steigen über sie fort und sie wissen es nicht. Geschickte des höheren Schulwesens in Bayerisch-Schwaben während der vorbayerischen Zeit Der vorzüglichen literarischen Beilage (Nr. 4 vom 14. September 1932) zum Klerusblatt, das in Eichstätt erscheint, entnehmen wir, daß vor kurzem ein auch für die Juden Bayerns, besonders des Regierungsbezirks Schwaben, wichtiges Grundwerk zur bayerisch-schwäbischen Schulgeschichte von Oberstudienrat Dr. Hans Ockel in Kaiserslautern erschienen ist. Dr. Joseph Hauser in Rosenheim gibt im Klerusblatt eine anschauliche Skizze des reichen Inhalts. Veranlaßt durch die Bäyerngruppe der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte wurden in früheren Jahren zwei Werke zur Geschichte des höheren Schulwesens im Gebiete des heutigen Staates Bayern veröffentlicht: Von Georg L u r z, Monumenta Germaniae Paedagogica Bd. 41/42, Mittelschulgeschicktliche Dokumente Altbayerns einschließlich Regensburg (Berlin 1907/8) und von K. Reißinger, Monumenta Germaniae Paedagogica Bd. 47/49, Dokumente zur Geschichte der humanistischen Schulen im Gebiete der bayerischen Pfalz (Berlin 1910/11). Ihnen reiht sich nun als drittes die von Dr.Hans Ockel herausgegebene „Geschichte des höheren Schulwesens in Bayerisch-Schwaben (Mon. Germ. Paed. Bd. 60; Berlin 1931) an, in der die Entwicklung der höheren Bildungsanstalten in diesem Gebiete bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts behandelt wird. In Anbetracht der großen Zerrissenheit des genannten Gebietes in verschiedene weltliche und geistliche Territorien weisen die schulischen Verhältnisse im allgemeinen wenig einheitliche Züge der Entwicklung auf. Dazu kam in Schwaben wie kaum in einem anderen Teile Bayerns die seit der Reformation vorhandene religiöse Spaltung der Bevölkerung, die auch dem Schulwesen das besondere konfessionelle Gepräge verlieh. Inhaltlich erörtert das Buch Ockels zunächst die Anfänge des höheren Bildungswesens während des Mittelalters, verfolgt dann die Geschichte der Unterrichtsanstalten in den einzelnen Städten und Territorien, woran sich ein zusammenfassender Überblick über die Gesamtentwicklung seit der Einwirkung des Humanismus und der Reformation anschließt, und endigt mit der Darstellung des Überganges in die bayerischen Verhältnisse. Augsburg gebührt der Vorrang in der Pflege der Schulen. Hier interessiert vor allem, wie sich die Verhältnisse dort nach Einführung der Parität der Bekenntnisse durch den Religionsfrieden von 1555 gestalteten. Die Schule vom Dom und bei St. Ulrich, später noch die Schulen bei St. Moritz wurden den Katholiken zurückgegeben. Besonderes Ansehen gewann weit über Augsburg hinaus das Jesuiten-Gymnasium bei St. Salvator. Mit dem Übergang der freien Reichsstadt an Bayern im Januar 1806 erfolgte (1807) eine Umgestaltung des höheren