Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-12-01 · 23 (1.12.1932) · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
23 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
Seite 357 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727950-2727973--08810-2742045
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ülachrtchtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinüen in München/Augsburg, Bamberg unü ües Verbanbes Bäuerischer Israelltilkker Gemeinden i^ayccijdic Israelitische Gemeinöezeitung Erscheint am l.u. 15. jeden Monats. — Verlag: B.Heller, München, Plinganserstr.64, Tel. 73 6 64 u. 73665, Postscheck München 3987, Schriftleitung: Dr. L. Feuchtwanger, München, Grillparzerstr. 38 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. VIII. Jahrgang München, 1. Dezember 1932 Nummer 23 Inhalt: Der gefallene Ismael — Geschichte des höheren Schulwesens in Bayerisch-Schwaben während der vorbayerischen Zeit — Aus der Gemeinde München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus der Gemeinde Bamberg — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Vereine — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Israel. Gemeinden: Bekanntmachung über Besetzung der Israelitischen Volksschullehrerstelle in Speyer — Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Kranzablösung — Personalia. Der gefallene Ismael Von Ruth Schaumann Ruth Schaumann, die Trägerin des diesjährigen Dichterpreises der Stadt München, ist mit ihren bei Kösel und Pustet erschienenen Gedichtbänden „Die Kathedrale“, „Der Knospengrund“, „Der Rebenhag“ und „Die Tenne“ in die erste Reihe der deutschen Lyriker gerückt. Ihre Verse zeichnen sich durch wahrhaft tönende Schlichtheit und tiefe Religiosität aus. Oft hat die Dichterin über ihr katholisches Weltbild hinaus alttestamentarisches Geschehen in ihren Gedichten zum Thema gewählt, so daß gerade für die Leser der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ die genannten Bücher von besonderem Interesse sein dürften. In dem soeben bei G. Grote (Berlin) erschienenen ersten größeren Prosaband „Amei, Buch der Kindheit“ finden wir ein Kapitel, das erschütternd die Begegnung mit einem kleinen jüdischen Knaben schildert und darüber hinaus, zumal in unserer Gegenwart, im Hinblick auf die Judenfrage zu denken gibt. Wir glauben, daß der Abdruck dieses Kapitels, der mit freundlicher Genehmigung des Verlags geschieht, mehr als die übliche Buchbesprechung Aufschluß über das wundervolle Buch „Amei“ vermitteln wird. Manfred Sturmann. Es ist eine lange Straße, wie ein Schlauch durch die Stadt, die recht kleine; so gegen die Mitte zu aber bekommt der Schlauch etwas wie zwei Knoten. Einen dicken und einfach geknüpften, das ist der Platz, wo die einzigen Bäume stehn, die man hier kennt. Im Winter, wenn sie kahl sind, stellt der Italiener sein Öfchen darunter; er friert, und seine Kastanien brozzeln vor Glut, und durch die Scheibe vom Konditor sieht man den kleinen Feuerschein im Schnee neben den Füßen des braunen Menschen hüpfen, wie einen kleinen, roten, löwenmähnigen Hund. Und im Sommer ist Markttag unter den Bäumen, sie werfen ihre roten und weißen Blütenblättchen in die gelben Bratrainen hinein, in die bunten Tassen und auch in die bläulichweißen Töpfchen mit dem einzigen Henkelschwänzlein vorn auf dem Bauch, die Amei gar nicht mag, der Töpfer aber eifrig verkauft. Und eine Drehorgel spielt wehmütig dazwischen, und ihr Herr wiegt sein Haupt dazu wie im Wind. Der andere Knoten ist klein und etwas schlampig gemacht, es ist kein Platz, nur ein Plätzchen mit schiefen Läden, die gehen bald vor, bald zurück, ihre Treppen gehen hinauf oder hinab in die Gewölbe, und Leute sitzen dunkel davor. Dunkel sind die Leute, dunkel sind die Gewölbe, dunkel sind auch die Waren, die man verkauft. Alte Hosen, Röcke, Westen und immer verbogene Schuhe, manchmal rot überzogenes Bettzeug, und es riecht seltsam an diesem Ort. Wenn Amei geht, wie sie soll, muß sie, zur Spielschule trottend, über Plätzchen und Platz. Es ist ihr befohlen, durch das Platzgäßohen eilig zu gehen, und sie tut das gehorsam. Die dunklen Leute sehn sie so hasten, sie blicken Amei schwermütig an, und Amei wird es traurig zumut. Warum muß sie hier eilen und darf erst wieder langsamer gehen, wenn die nahe Brücke hinter ihr liegt? In der Spielschule aber ist ein Kind von den dunklen Leuten, die vor den dunklen Gewölben sitzen und schwermütig sehn. Es ist ein kleiner Knabe; er ist dunkel, wie alle dort sind, aber er lacht, wie jene nie lachen. Es ist Amei nicht gesagt worden, sie solle laufen, wenn sie ihn sieht. So steht sie oft in seiner Nähe, er ist viel kleiner und zarter als sie, und schaut ihn schweigend, fast mütterlich, an. Sie meint, sie habe ihn schon gesehen, früher, und sie weiß plötzlich, daß er dem kleinen Isaak in ihrem Bilderbuch gleicht, den der Vater schlachten wollte, ehe das Widderlamm kam. Wenn die Lehrerin in der Spielschule aus dem Bibelbuch etwas erzählt, ist das Bänkchen des dunklen Knäbleins jedesmal leer; das ist, er hat zwei ganze Sonntage hintereinander, warum, weiß Amei nicht. Wie Amei nun heut von der Spielschule kommt, tritt sie wieder in den dunklen Bereich. Sie geht nicht so schnell, wie sie sollte. Die Lehrerin hat von Moses im Körbchen erzählt und von Jesus im Kripplein, wie den einen die Königstochter zu sich genommen, dem anderen aber ein Esel die kalten Füße geleckt. Daran muß Amei immerfort denken. Der Platz des dunklen Knaben war leer gewesen wie immer, und wie Amei jetzt noch einige Schritte tut, sieht sie ihn mitten auf der Straße stehen, in einem prächtigen, festlichen Rock. Er hat wiederum Sonntag und darf auf der Platzgasse spielen, und die dunklen Leute sitzen nicht vor den Gewölben herum. Amei möchte den Gefährten gern begrüßen, wie sie aber nah kommt, überaus schmutzig vom Spielen, läuft der Knabe vor ihr davon. Und wie das Knäblein läuft, fällt es, und wie es fällt, schreit es. Und Amei rennt und stellt es wieder auf seine Füße, und sein festlicher Rock ist be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.