Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1932
- Issue
- 10 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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26 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 10 leuten, in den Anlagen, im Kaufladen, unsere Sinne, die Uhr und die Zeit, Frühlingsboten und dergleichen. Die Idee des Arbeitsprinzips erfordert, daß die Gegenstände ins Klassenzimmer kommen sollen, aus Gründen der direkten Anschauung. In dem vom Lehrer unbemerkt geleiteten Spiel lernen die Kinder. Dies ist die zweite Forderung an den Gesamtunterricht, daß er den frohen Übergang bilden soll vom freien Spiel der Vorschulzeit zur gebundenen Tätigkeit der kommenden Jahre. Mit dem Spielcharakter der ersten Lebensjahre darf nicht gebrochen werden. Das sind wir auch der gesunden körperlichen Entwicklung unserer Kleinen schuldig, die das stundenlange Stillsitzen ohne physiologische Schädigung nicht vertragen können. Nach diesen Ausführungen über den Gesamtunterricht bedürfte es eigentlich keiner besonderen Begründungen mehr über den Anfangsunterricht im Hebräischen. Daß dieser sich analog den anerkannten psychologischen Gesetzen in den Rahmen des Gesamtunterrichtes einbauen muß, ist soviel wie selbstverständlich. Ein hebräischer Unterricht, der, wie früher, gleich mit dem Lesen anfängt, baut ein Gebäude ohne Grund, baut einen Leib ohne lebendige Seele, ist eine Versündigung wider die Frohnatur des Kindes, tötet die von vornherein vom Kinde sehnlichst erwartete Freude an und in der Schule. Wie wichtig nun eine Zusammenarbeit oder ein Ineinanderarbeiten des Gesamtunterrichtes mit dem hebräischen Unterrichte ist, will ich im Kommenden auszuführen versuchen. Ich nehme als sicher an, daß schon viele Lehrer dank der Anregungen von Hirnheimer, Rosenfelder, Mandelbaum usw. nach der neuen Methode zu arbeiten glauben. Seit Jahren wird schon die Notwendigkeit der Verbindung des Gesamtunterrichtes mit dem Hebräischen betont, aber trotzdem ist es nur bei den Versuchen geblieben. All diese bisher erschienenen Fibeln sind nur alte in neuem Gewände, d. h. nur den modernen Grundsatz berücksichtigend, daß nur Verstandenes gelesen werden soll. Aber eine enge Verbindung mit dem Gesamtunterricht, wie es die neuen Richtlinien erfordern, ermöglichen sie nicht. Das kann keine Fibel, weil sie zu viel Rücksichten nehmen muß. Ich bin überzeugt, daß die Fibel von Mandelbaum, welche wohl diesem Erleben im Unterricht von allen Fibeln am meisten Rechnung trägt, ganz aus seinem Unterricht herausgewachsen ist, aber eben aus diesem Grunde auf seine Schule und Schulverhältnisse zugeschnitten wurde. So kam es, jeder mußte sich eine neue Methode selbst zurechtlegen, um sie in Einklang mit den modernen Forderungen des Gesamtunterrichtes zu bringen, der neueren Psychologie anzupassen und derselben Rechnung zu tragen. Nun kam die Frage, welche Fibel, oder welches Lehrbuch, oder welche Lehrmittel sollen für den Unterricht genommen, bzw. angeschafft werden. Es gab ja in letzter Zeit so viele, daß man versucht war, von einer Fibelfabrik zu sprechen. Ich meine, es wäre an der Zeit, um endlich damit Schluß zu machen. Übrigens sorgt jetzt die Forderung der Richtlinien dafür, weil jeder Lehrer von nun an gezwungen sein wird, seinen hebräischen Unterricht ein Stück Gesamtunterricht werden zu lassen. Das waren bis jetzt Hemmungen für den hebräischen Unterricht. Noch eine andere, sehr in die Wagschale fallende Hemmung tritt hinzu. Das ist folgende: In jedem Bezirksrabbinate ist ein anderer Lehrplan in Tätigkeit und sind andere Lehrziele aufgestellt, ganz nach dem subjektiven Empfinden des derzeitigen Rabbiners. Es muß als jeder Pädagogik und Methodik widersprechend bezeichnet werden, wenn heute noch beispielsweise das Pentateuch-lernen nach der Kapitelfolge statt nach dem Inhalt und den Schwierigkeiten betrieben werden soll und der Erfolg des Unterrichtes nach der behandelten Verszahl beurteilt wird. Das Lernen soll nicht ein Durcharbeiten sein, sondern ein freudiges und lustbetontes. Das Fehlen eines Landeslehrplanes ist ein unhaltbarer Zustand. Das soll in Zukunft anders werden. Wir können jetzt nicht mehr machen, was und wie wir wollen, sondern die neuen Richtlinien, als Ergebnis psychologischer Forschungen als der richtige Weg erkannt, sind auch für den hebräischen Unterricht maßgebend. Nach dem Erscheinen der neuen Richtlinien in Bayern für das Schuljahr 1933 wird das neue Lehrverfahren für Lesen und Schreiben in allen Schulen zur Durchführung kommen. Es kann sich also der hebräische Unterricht nicht abseits stellen, sondern muß sich gezwungenermaßen in den gegebenen Rahmen einordnen. Das „er muß“ soll heißen „er darf“. Es darf als ein großer Fortschritt angesehen werden, daß wir diese lustbetonte Methode des Lesenlernens auch auf den hebräischen Unterricht anwenden können und müssen. Es steht außer Zweifel, daß die enge Verbindung zwischen Gesamt- und hebräischem Unterricht in der jüdischen Volksschule leichter und fruchtbringender durchgeführt werden kann als in der Religionsschule. Aber auch an den Religionslehrer ergeht fortan die Forderung, seinen Unterricht an den Gesamtunterricht der Volksschule anzuschließen und den veränderten Verhältnissen weitestgehend Rechnung zu tragen. Es ergibt sich also für jeden jüdischen Lehrer die Forderung, sich mit den neuen Richtlinien auseinanderzusetzen und sich zu fragen: wie richte ich meinen Unterricht nach den neuen Grundsätzen ein? Er wird dies tun müssen, wenn er nicht glaubt, sich über die wissenschaftlichen Ergebnisse der Psychologie hinwegsetzen zu dürfen, zum Nachteil der ihm anvertrauten Kinder, die in der Volksschule nach ganz anderen Grundsätzen behandelt werden und erst recht zum Schaden der Sache sehr bald den Unterschied zwischen der freudebetonten neuen Art und der trockenen alten Schreib-Lese-Methode herausfühlen, so daß ihnen der Religionsunterricht nicht mehr gefallen wird. Wir haben allen Grund, gerade, um manche Animosität in gewissen Kreisen gegen alles Religiöse auf immer zum Verstummen zu bringen, unseren Unterricht im Sinne eines Gesamtunterrichtes zu führen, der auch lustbetonter Arbeitsunterricht ist wie der andere Schulunterricht. Wenn nun aufgezeigt werden soll, wie der hebräische Unterricht in den Gesamtunterricht eingebaut werden kann, so sind hierfür die methodischen Forderungen in den „Richtlinien für den ersten Unterricht im Schreiben und Lesen“ maßgebend. (Siehe amtl. Veröffentlichung im Schulanzeiger Nr. 17 vom 25. November 1931.) Die neuen Richtlinien sind entstanden aus dem Streben heraus, den Übergang von der Kindheit zur Schule zu erleichtern. Es ist dazu nötig, den Unterricht der geistigen und seelischen Haltung des Kindes anzupassen. Er baut auf das, was bereits das Kind an geistigem Gut durch Selbstarbeit oder fremden Einfluß sich angeeignet hat. Und gerade darin ist nun zwischen der Möglichkeit sofort mit einem rechten Gesamtunterrichte einsetzen zu können, zwischen dem allgemeinen und dem hebräischen Unterricht ein gewaltiger Unterschied. Die Analyse des kindlichen Gedankenkreises bei den Schulneulingen ergibt, daß die Kinder mit wenigen Ausnahmen so viel wie gar nichts Brauchbares in die Schule mitbringen. Haben wir schon oben auf die Armut des Wortschatzes bei den Kleinen zum Zweck einer tragfähigen Grundlage hingewiesen, so trifft dies noch in ganz besonderem Maße auf das Hebräische zu. Dieses kommt als eine ganz neue Sprache an das Kind heran, die es nicht verstehen, geschweige aussprechen kann. Es ist kein Grund da, auf den aufgebaut werden könnte. Heute, wo in einem großen Teil unserer jüdischen Häuser in Stadt und Land von einem jüdischen Milieu überhaupt nicht mehr gesprochen werden kann — Beispiele werden sich wohl erübrigen — ist es unsere dringende Aufgabe, die zum erfolgreichen Betrieb des hebräischen Unterrichtes notwendigen Voraussetzungen erst zu schaffen. Ganz von selbst ergibt sich als Forderung für die erste Schulzeit, Versteh- und Sprechübungen zu betreiben. Ehe ich nun darauf näher eingehe, ist es vielleicht interessant, auf die Versuche hinzuweisen, die Kollege Kissinger und ich bei den diesjährigen Schulneulingen zur Erforschung ihres religiösen und hebräischen Gedankeninhaltes angestellt haben. Wir stellten folgende Hauptgruppen auf: 1. Was kann das Kind „auswendig“? 2. Welche hebräischen Worte sind ihm bekannt? 3. Welche Lieder? 4. Welcher Wortschatz aus der näheren Umgebung? 5. Welche Jomim Towim usw. sind ihm bekannt? 6. Welche bestimmte häufig vorkommenden Begriffe hat es? Das Ergebnis war, selbst bei Kindern aus orthodoxen Kreisen, in denen die Kinder doch sicher praktisches Erleben haben, auf Religiöses hingewiesen werden und solches sehen und hören, sehr minimal, und wenn etwas Brauchbares vorhanden