Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 22 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- Seite 345 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 345 Familienschutz, gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürsorge der Mitglieder jüdischer Gemeinden E. V. Der „Familienschutz“, der jetzt eine systematische Arbeit in Bayern aufnimmt, gehört zu den begrüßenswerten Maßnahmen, die zur Bekämpfung und Linderung der wachsenden Not des deutschen Judentums getroffen worden sind. Er gewährt jüdischen Familien gegen billigste Monatsprämien Versicherungsschutz und zwar in Anlehnung an die zweitgrößte kontinental-europäische Lebensversicherungs-Gesellschaft, die Lebensversicherungs- Gesellschaft „Phönix“. Der „Familienschutz“ ist also kein Gegenseitigkeitsverein wie die meisten Sterbekassen ähnlicher Art, die Ansprüche seiner Mitglieder sind durch eine hundertprozentige Garantie des „Phönix“ gedeckt. Die Gewinnbeteiligung, auf die ein jeder beim „Familienschutz“ Versicherter nach dem 4. Versicherungsjahr Anspruch hat, und die zur Erhöhung der Versicherungssumme verwendet wird, wird auf Grund der normalen Phönix-Dividenden festgesetzt und bleibt in'ihrer Höhe somit gänzlich unabhängig vom Geschäftsgang des „Familienschutz“ selbst. Bei „Familienschutz“ gibt es keine Wartezeit. Im Falle des Unfalltodes eines Mitgliedes wird die doppelte Versicherungssumme gezahlt. Nach drei Jahren werden Versicherungen beim „Familienschutz“ unverfallbar; bei Einstellung der Prämienzahlung erhalten die Mitglieder sogenannte prämienfreie Policen. Der „Familienschutz“ ist ein gemeinnütziger Verein. Seine Überschüsse, an deren Feststellung die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden entscheidend mitwirkt, werden ausschließlich den jüdisch-sozialen Zwecken der Landesverbände, Gemeinden usw. des deutschen Judentums zugewandt. Daß so ohne Schädigung der Versicherten größere Summen für karitative Zwecke frei werden, ist begrüßenswert. Es haben daher führende jüdische Organisationen, insbesondere der Verband Bayerischer Isarelitischer Gemeinden, dessen Vertrags-Gesellschaft der „Familienschutz“ ist, ferner der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, der Verband gesetzestreuer Gemeinden, sowie die bedeutendsten großen und kleinen Gemeinden Deutschlands, Verträge mit dem „Familienschutz“ abgeschlossen, in denen sie sich verpflichten, den Abschluß von Versicherungen beim „Familienschutz“ ihren Mitgliedern zu empfehlen. Im Verwaltungsrat des „Familienschutz“ für München sitzen zwei Herren der Münchner jüdischen Gemeinde: Herr Justizrat Dr. Elias Straus und Herr Rechtsanwalt Albert Oppenheimer. Die Generalvertretung für München und Augsburg hat die durch ihre soziale Tätigkeit in weiteren Kreisen bekannte Frau Tilly Landauer übernommen. „Der Gott der Rache“ Im Rahmen der zu einer bewährten Einrichtung gewordenen und von Juden und Christen viel besuchten Vorträge in der Hauptsynagoge sprach Rabbiner Dr. Benno Jacob (Hamburg) am 6. November über eine oft behandelte Seite des alttestamentliehen Gottesbegriffes. „Der Gott der Rache“ — „Auge um Auge“ — „Zahn um Zahn“ — diese Schlagworte gelten als bezeichnender Ausdruck der altbiblischen Moral, der Religion der Rache und Vergeltung im Gegensatz zu der christlichen Lehre der Liebe. Der Redner vermied jede Art hergebrachter, unscharfer Apologetik und erklärte in eindringlicher, allgemein zugänglicher Weise das alttestamentliche Vergeltungsprinzip aus dem biblischen Text. Rabbiner Benno Jacob, ein Bibelforscher von Rang und Ruf, hat vor vier Jahren auf dem 5. Deutschen Orientalisten-Kongreß in Bonn dem Thema einen tiefgehenden und Aufsehen erregenden Vortrag gewidmet, der zu einem Buch „Auge um Auge“ erweitert im Jahr 1929 (im Philo- Verlag) erschienen ist. In diesen Blättern ist das Thema ausführlich (in Nr. 4 vom 15. Februar 1931) von Sachverständigen an Hand des Jacobschen Buches behandelt worden. Aufs prägnanteste kam bei dem Vortrag das Paradox zu Tage: die christliche mittelalterliche Praxis der unbedingten Vergeltung im Gegensatz zur Theorie von der christlichen Milde, auf der anderen Seite Theorie und Praxis im Judentum: Die jüdische Tradition legte von Anfang an jene viel angefeindete Bibelstelle niemals als Forderung rachsüchtiger, körperlicher Wiedervergeltung im Wortsinn aus, sondern als eine dem Gewichte der Tat entsprechende Sühne durchaus nicht körperlicher Art. Herr Rabbiner Jacob wußte die Zuhörer aller Kreise aus der Stadt München mit jedem Worte zu fesseln. Sein Vortrag wurde in glücklicher Weise umrahmt von den herrlichen Gesängen von Elsa Berny-Bloch (Canzone für Sopran von L. Gordigiani, bearbeitet von Ferd. Gumbert und „Hallelujah“ von F. Hummel) unter Orgel-Begleitung von H. Schallt. Der Kammermusik-Abend des Jüdischen Kammerorchesters am 24. Oktober brachte ein schon rein instrumental abwechslungsreiches Programm. Das D-Dur Flötenquartett von Mozart eröffnete den Abend, frisch und munter gespielt unter der Führung von Fred Goldschmid (Flöte). Eine kammermusikalische Delikatesse war die darauffolgende Cellosonate G-Moll von Beethoven. Dr. Benno Flehinger (Cello) legte die Sonate groß an und zog durch seinen edlen Ton und seine tadellose Bogenführung den Zuhörer in seinen Bann. Sein Partner Kurt Jacob (Klavier) war ihm dabei ein anschmiegsamer, sympathischer Begleiter, mit weichem aber doch kraftvollem Anschlag. Als wirksamen Abschluß der Veranstaltung hörte man das Streichquartett D-Moll (Quintenquartett) von Haydn, in welchem der Komponist das Menutt als streng durchgeführten Kanon behandelt und mit dem bizarren Thema eine ungemein interessante Klangwirkung hervorruft. Fräulein Josefine Tannhauser (1. Violine) zeigte hier ein lebendiges und technisch schönes Spiel. Ihre Quartettgenossen Frl. Resl Müller (2. Violine), die Herren Oskar Gröbel (Viola) und Moritz Goldberg, der Leiter des Abends (Cello), halfen ihr mit Umsicht und Geschick an der Gestaltung dieses Werkes, ebenso wie sie bei dem eingangs erwähnten Mozartquartett dem Flötisten getreu assistierten. Der trotz des schlechten Wetters gut besuchte Lessingsaal spendete den Ausführenden lebhaften Beifall: N. Konzert Max Reiter Das erste der vier Konzerte, die der junge Münchener jüdische Dirigent Max R e i t e r in dieser Spielzeit mit den Münchener Philharmonikern gibt, fand am 2. November im Odeon statt. Es wurde für Reiter zu einem großen Erfolg. Das Programm brachte neben der Erstaufführung einer interessanten Altenglischen Suite von Ettinger und einer reizvollen Serenade Clemens von Franckensteins vor allem Richard Strauß „Heldenleben“. All diesen Werken bereitete der junge Dirigent eine bis ins Letzte erarbeitete Wiedergabe, die von hoher Musikalität und gereifter Technik zeugten. Max Reiter dürfte — wie Maria Ivogün, die Arien von Mozart und Richard Strauß brachte — den herzlichen und begeisterten Beifall eines zahlreich erschienenen Publikums entgegennehmen. Nach diesem glänzenden Erfolg darf man mit Erwartung den nächsten drei Abenden, für die Reiter ebenfalls sich hervorragende Solisten gesichert und ein fesselndes Programm festgesetzt hat, entgegensehen. H. L. Fritz Rosenthal über den Messianismus Der junge Münchener Schriftsteller Fritz R o s e n t h a i hielt am 5. November im Rahmen des Jüdischen Jugendheimes, München, eine Rede „Über den Messianismus“. Ausgehend von einem eingehenden Quellenstudium, entwarf Rosenthal zunächst ein Bild des talmudischen Messias ben Josef und des Messias ben David, deren einer dem inneren, der andere dem äußeren Zwiespalt in dem Messias-Gedanken und deren Überwindung entspräche. Den Messianismus des Judentums faßte er als einen aktiven, der seine Verkörperung am besten in dem chassidischen Kreis des „Heiligen Löwen“ fand, den christlichen dagegen als einen mit dem Weltenende im Zusammenhang stehenden. Aus der überraschend großen Anzahl von Männern, die im Judentum als Messias auftraten, befaßte Rasenthal sich eingehender mit Jesus von Nazareth, den er als „tragischen Messias“ und mit Sabbatei Zewi, den er als „Donquichottischen Messias“ gesehen haben will. Mit einem Bekenntnis zum Messias-Sein und zum Revolutionär-Sein, das in jedem Juden eingeboren sei, schloß der Redner seine Ausführungen. Rosenthal, dem ein größerer Zuhörerkreis gebührt hätte, fand starken Beifall. Jüdische Siedlung in Deutschland, Landesverband Bayern Auf dem Siedlungsgut Groß-Gaglow bei Cottbus sind in diesem Jahre noch einige Siedelungsstellen zu vergeben. Näheres finden Interessenten im Anzeigenteil dieser Nummer,