Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 22 (15.11.1932)
- Date
- 1932-11-15
- Page
- Seite 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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342 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 der ganzen unverdrossenen Liebe für das alte jüdische Erbgut, wird sich wenig um jene Angriffe oder um ihre mehr oder weniger geschickte Abwehr kümmern. Und doch legt man die an der Spitze angezeigten sorgfältig ausgewählten Arbeiten der besten christlichen Verteidiger des Alten Testaments nicht ohne reiche Belehrung dankbar aus der Hand. Weniger wegen des ja im vorneherein feststehenden Ergebnisses, das in der christlichen Heilslehre enthalten ist: Danach hat Gott seit Erschaffung der Welt die sündige Menschheit in einer großen zusammenhängenden Geschichte, die in Jesus Christus gipfelt, in lauter Güte und Weisheit zu sich erzogen; Urkunde dieser Geschichte und dieses Heilsweges ist die ganze Bibel, zusammengesetzt aus dem Alten und Neuen Testament. „Jesus war seinem Geblüt nach ein galiläischer Jude und hat sich stets als ein solcher gewußt und gefühlt. Er ist in seinen religiösen Reden und Handeln nur vom Alten Testament aus richtig zu verstehen“ (Meinhold S. 130). „Der christliche Theologe, der angehende Prediger und Religionslehrer muß mit allen Mitteln, welche ihm die Wissenschaft an die Hand gibt, das Schrifttum und die Religion Israels durchforschen...; dazu bedarf es eines anhaltenden ernsten Studiums. Er muß die hebräische Sprache meistern, und alle Versuche, ihn davonzubefreien, sindwie alle Anstrengungen, die darauf hinaus gehen, uns die Bildunggarleichtzumachen,vonvornherein kräftig zurückzuweisen, weil sie zur Oberflächlichkeit führen“ (ebenda S. 131). Dieses Ergebnis des gesamten ernsten Schrifttums über die Frage vom Wert des Alten Testaments für den deutschen Christen ist selbstverständlich und interessiert uns viel weniger als der Weg, auf "dem die hervorragendsten Vertreter des alttestamentlichen Zweiges der historischen Theologie in selbständiger Forschungsarbeit zu diesem vorgeschriebenen Resultat kommen. Man wird nirgends in so konzentrierter Form fast alle Nachweise für die absolute Unlösbarkeit der christlichen Kirche vom altjüdischen Geistesgut zusammenfinden wie bei H e m p e 1 und Sellin. Am tiefsten und durch scharf geschliffene Problemstellung erfaßt Hempel die Kernfrage. Die Hauptfrage lautet bei ihm: Ist überhaupt eine innerlich lebendige und lebenschaffende Übertragung religiöser Vorstellungen von Volk zu Volk, von einer Rasse auf die andere möglich? Und ist nicht der höchst mögliche Typ religiöser Gemeinschaft die Volksreligion, aber eben nicht die Weltreligion? Hempel gibt die Antwort durch einen kurzen, überaus gehaltvollen Einblick in die Geschichte einer Fremdreligion, nämlich in die Geschichte des Christentums im deutschen Volk. Er erzählt anschaulich, wie der christliche Glaube aus seiner jüdischen Umwelt in Palästina, wie die jüdisch-christlichen Denkformen, also die Vorstellungswelt Vorderasiens in der deutschen Seele heimisch geworden ist. „In der Kunst wie in der Lehre und in der Deutung des Bekenntnisses hat dieses Heimischwerden seine Spuren zurückgelassen, das Christentum selbst umschaffend und dem, was an altgermanischer Religion lebensschaffend war, eine Heimstätte und ein Fortwirken bereitend, kräftiger und zukunftsreicher als alle die krampfhaften Versuche, jetzt nach anderthalb Jahrtausenden Abgestorbenem eine romantische Wiederbelebung zu bereiten, die in dem Augenblick auch dem Fanatischsten sich als Unmöglichkeit enthüllen würde, in dem er an die praktische Verwirklichung herangehen würde. Wenn man nicht mit Unrecht gesagt hat, daß das Judentum als Religion moderner Gebildeter dadurch möglich ist, daß die Zerstörung des Tempels durch die Römer und die heidnisch-christlich-moslimische Besetzung der Stätte seine Altars ihm die blutigen Opfer verwehrt hat, so kann man sich selbst die extremsten Führer unserer völkischen Bewegung wohl beim kreisenden Trinkhorn, aber nur sehr schwer bei der nicht minder heiligen Handlung des Roßopfers vorstellen. Das ist ja der ungeheure Ernst unsrer gegenwärtigen religiösen Lage, daß es für unser Volk, zerbricht ihm das Christentum, keine Rückkehr zur Religion seiner Altvorderen mehr gibt, sondern nur ein Versinken in krassesten Aberglauben, in primitivste, magisch durchsetzte Pseudoreligiosität.“ Das ist eine Probe, wie das Problem hier angefaßt ist und gleichzeitig auch der Nachweis, daß solche Problemlage auch unmittelbar den deutschen Juden angeht, dem im übrigen die Beurteilung des Alten Testaments durch die Völkischen gleichgültig kein kann. So ist jede der fünf hier angezeigten Schriften auf ihre Art ungewöhnlich packend. Die .meisten christlichen Theologen halten es für nötig, ehe sie zu ihrer „Rettung“ des Alten Testaments ansetzen vom heutigen Judentum — oft mit einer ziemlich vulgären antisemitischen Wendung — weit abzurücken; es wäre auch von Grund auf verfehlt, wenn sich etwa Juden zur Wertbestätigung ihres höchsten Gutes auf diese christliche Verteidigungsliteratur berufen wollten. Ja die Notwendigkeit solcher Verteidigung, die Tatsache, daß in der theologischen und (wie Professor Schomerus) in der indologischen Wissenschaft ergraute und hochverdiente Gelehrte aus der Stille und der geistigen Höhenluft ihrer Studierstube in die Arena der politischen und pseudowissenschaftlichen Leidenschaften herabsteigen müssen, um den völkischen Spuk zu bannen, das beleuchtet grell den erschreckenden Tiefstand unserer heutigen geistigen Situation und bis zu welchem Grade die Verwirrung gediehen ist. Nie ist ein Jude, der auf sich hält, durch völkische Argumente gegen die Bibel eingenommen worden; er greift auch von sich aus nicht nach „Rettungen“ der Bibel von christlicher Seite. Aber dieses neuere Schrifttum über alte und neue Angriffe auf das Alte Testament bietet doch auch für die in jüdischen Dingen Unterrichteten und Gebildeten eine reiche Fülle der Anregung, auch .wenn die Liebe zum jüdischen Eigengut davon gänzlich' unberührt bleibt und keiner fremden Aufmunterung bedürftig ist. F. «Senken sie an die Winterhilfe derIsraelitifchen Kultusgemeinde und empfangen sie freundlich die sammlerl