Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 21 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727971--08788-2742017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 329 Vorzügliche Betten .... ,n,-, * Hotel Bayerischer Hof Dienst am Gast Augsburg strebenden Elemente zu einem einheitlichen, originalen Musikstil geglückt. Diese schöpferische Tat erklärt sich daraus, daß Schallt gewissermaßen bis zu den Quellen vorgedrungen ist. Er befreit die altjüdischen Melodien von den Schlacken romantischer Vorbildung und unterbaut die so gereinigten Melodien mit moderner Harmonik. Interessant ist, wie sich hier ein historischer Kreislauf vollzieht. Die Melodien des altjüdischen Tempelgesanges, im gregorianischen Gesang der katholischen Kirche aufgegangen, bilden einen — wenn auch nicht mehr feststellbaren — Wesensteil dieser Kirchenmusik. Der moderne Schallt lehnt sich in seinem Bestreben, den jüdischen Tempelgesang zu erneuern, in einer Tonsprache bewußt an die gregorianische Musik an. Neue Wege zum bamilienschutz in Notfällen. Wer aufmerksam das Leben in Deutschland verfolgt, muß sich darüber klar sein, daß der wirtschaftliche Niedergang keineswegs eine vorübergehende Erscheinung, sondern der Anfang einer vollständigen und dauernden Umgestaltung des ganzen Lebensstandards bedeutet. In ganz besonderem Maße werden hiervon unsere jüdischen Kreise betroffen. Wir wissen, daß die wirtschaftliche Kraft und das Fundament aller jüdischen Gemeinden bis zum Ausbruch des Krieges in den breiten Massen des jüdischen Mittelstandes, der Kaufleute, Gewerbetreibenden, Handwerker, Angestellten lag. Dieser Zustand hat sich in der Nachkriegszeit völlig gewandelt. Die bisher sicheren Existenzen sind durch die wirtschaftlichen Verhältnisse aufs stärkste erschüttert worden. Diesem Auflösungsprozeß zu steuern, vor ihm die bedrohten Existenzen nach Möglichkeit zu retten, darf kein Mittel unversucht bleiben. Die Gründung von Darlehenskassen und Kreditvereinen hat sicherlich dazu beigetragen, einen Teil der noch existenzfähigen Betriebe aufrecht zu erhalten. Die Inflation und Krise haben den Rest der meisten Vermögen ganz oder teilweise vernichtet; trotz aller Sparsamkeit ist es nicht gelungen, die nötigen Rücklagen für Erwerbslosigkeit Krankheit und Alter zu machen. Das beruhigende Gefühl, in Zeiten der Not auf irgendwelche Mittel zurückgreifen zu können, ist vollständig geschwunden. Wir sehen mit großer Sorge, wie dadurch nicht nur das geschäftliche, sondern auch das familiäre Leben gefährdet wird. Aus dieser Erwägung heraus ist von führenden Männern des öffentlichen Lebens die „Hilfe“, Versicherungs-Verein A. G. für Mitglieder der jüdischen Gemeinden des deutschen Reiches ins Leben gerufen worden. die „Hilfe“ ist ein gemeinnütziges, kein geschäftliches auf Gewinn abzielendes Unternehmen. Sie ist allein dazu bestimmt, die ihr gestellten Aufgaben dadurch zu erfüllen, daß sie mit kleinsten Beiträgen es allen Schichten der jüdischen Bevölkerung möglich macht, sich an ihr zu beteiligen und so wenig stens der Familie den dringendsten Schutz zu gewähren. Die Erfahrungen sind noch zu jung, um ein abschließendes Urteil zu bilden. Aber der große Zulauf aus allen jüdischen Kreisen beweist doch, daß mit dieser Gründung eine aus den Zeitverhältnissen notwendig gewordene Einrichtung geschaffen wurde. Fest steht, daß neben dieser Einrichtung noch neue Wege gefunken werden müssen, um Vorsorge in jeder nur möglichen Form zu treffen. Die Vorbereitungen hierzu sind im Gange und schon in kurzer Zeit wird die jüdische Öffentlichkeit davon unterrichtet werden. .. Iwria-Darlehenskasse E.V., München Wie wir in unserer letzten Nummer schon kurz melden konnten, ist die Eintragung des unter Mitwirkung der Kultusgemeinde ins Leben gerufenen Vereins „Iwria Darlehenskasse“ in das Vereinsregister anfangs Oktober erfolgt. Die Kasse hat bereits ihre Tätigkeit aufgenommen. Zweck der Kasse ist die Gewährung und Beschaffung von Darlehen an Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München, insbesondere an Kleingewerbetreibende. Die Darlehen sollen nur für wirtschaftlich-produktive Zwecke gegeben werden. Die Darlehensnehmer haben für die zu gewährenden Kredite volle Sicherheit entweder durch Pfand oder durch selbstschuldnerische Bürgschaft von Personen zu bestellen, die für den dreifachen Darlehensbetrag unbedingt gut sein müssen. Gegen Sicherungsübereignungen dürfen Darlehen nicht gewährt werden. Um mit den einstweilen nicht erheblichen Mitteln der Darlehenskasse (RM. 20 000.—) möglichst weiten Kreisen helfen zu können, sollen die zu gewährenden Darlehen in der Regel RM. 500.— nicht übersteigen. Falls die Geschäftsführung glaubt in ganz besonders gelagerten Fällen einen größeren Betrag befürworten zu können, muß sie vor Gewährung des Kredites die Zustimmung des Kassenvorstandes einholen. Zinsen werden den Kreditsuchenden nicht berechnet. Sie zahlen an die Kasse nur einen Verwaltungskostenbeitrag, der so niedrig bemessen ist, daß durch ihn vermutlich kaum die der Kasse erwachsenden Spesen gedeckt werden können. Die zu gewährenden Darlehen sind im Regelfälle innerhalb 6 Monaten, in Ausnahmefällen längstens innerhalb eines Jahres durch Teilzahlungen zu tilgen, weiche in bezug auf Höhe und Termin bei Gewährung des Darlehens fest vereinbart werden. Falls eine Tilgungsrate nicht fristgemäß zurückbezahlt wird, sind die späteren Raten, auch wenn hierfür der Kasse noch länger laufende Wechsel übergeben worden sind, sofort fällig. Die Geschäftsführer und Mitarbeiter sind bezüglich der Personen und Verhältnisse, der Darlehensnehmer und Bürgen zur Verschwiegenheit verpflichtet. Da trotz des erst kurzen Bestehens der Kasse schon etwa 30 Personen Kreditgesuche eingereicht haben und auch schon namhafte Beträge ausgeliehen worden sind, ist damit wohl der Beweis erbracht, daß die Darlehenskasse einem wirklichen Bedürfnisse entspricht. Es wäre sehr erfreulich, wenn noch recht viele Gemeindemitglieder dem Verein beitreten und dauich seine Leistungsfähigkeit erhöhen würden. Der Mitgliedsbeitrag beläuft sich einmalig auf mindestens RM. 100.—. Die Geschäftsstelle befindet sich Herzog-Max-Straße 3/1. Die Geschäftsstunden sind: Dienstag, abend 18 bis 19 Uhr, Freitag, vormittag 8 bis 9.30 Uhr. Aus bayerischen Gemeinden Bad Kissingen. Amtseinführung des neuen Rabbiners Die feierliche Amtseinführung des neuen Rabbiners Dr. Max Ephraim fand am Tag vor Rosch Haschonoh in der Synagoge statt. Außer der Gemeinde nahmen hiesige Vertreter des Staates und der Stadt, der Kirchen- und Schulbehörden an der Feier teil. Sie wurde mit einem Chorgesang eingeleitet. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Bretzfelder, begrüßte die Gemeinde und die Ehrengäste. Oberbürgermeister Dr. P o 11 w e i n hob in seiner Ansprache hervor, daß der neue Rabbiner einmütig zum geistlichen Führer der Israelitischen Kultusgemeinde bestellt worden sei. Im Namen der Stadtverwaltung und der übrigen bei der Feier vertretenen Behörden könne er zusichern, daß sie den neuen Rabbiner nach jeder Richtung hin unterstützen würden. Den besonders gearteten Verhältnissen der Badestadt möge er seine besondere Aufmerksamkeit zu wenden und dahin wirken, daß das friedliche Zusammenarbeiten der Konfessionen wie bisher auch in Zukunft so bleiben möge. In seiner Antrittsrede gab Herr Rabbiner Dr. Ephraim zunächst den tiefen Gefühlen des Dankes gegen Gott Ausdruck für die Gnade, an dieser Stätte, an der große