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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-11-01 · 21 (1.11.1932) · p. Seite 328

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
21 (1.11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 328 (sequence 8)
Language
German
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328 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 aristokratischen Dasein in engen Konventikeln heraus und wird zur revolutionierenden Bewegung des Weltjudentums in Deutschland, Polen, Italien, Marokko, in der Türkei, in Persien, in Jemen usw. Der neue Glaube lautet: Der „Tikkun“, die Ausbesserung des Makels der Welt wird den Zusammenbruch der Gewalt des Bösen, die Katastrophe der historischen Ordnung herbeiführen, die nichts anderes als die Kehrseite der messianischen Erlösung ist. Dieser Chiliasmus wird jetzt zum Mittelpunkt der kabbalistischen Lehre und erfüllt 300 Jahre von 1500 bis 1800 die jüdische Welt trotz aller Enttäuschungen, die man mit den Gestalten des falschen Messias erlebt. Die Vertreter und Schriftwerke solcher Kabbalah, die schlechthin die jüdischen Generationen in Jahrhunderten in allen Weltteilen beherrschte, behandelt Scholem mit erstaunlicher Sachkunde. Die zentrale Gestalt Isaak Lurias (Ari, 1543—1572) interessiert uns vielleicht am meisten; sein System ist ganz auf Meditationen gestellt und versagt sich auch in der Lehre von der Weltentstehung von einem bestimmten Punkte an jeder Kontrolle der ratio. Die contemplatio Lurias und seiner Schüler, besonders des viel schreibenden Chajim Vital (gest. 1620), findet ihren höchsten Ausdruck in der Gebetsmystik, die sich immer nachdrücklicher als die stärkste, aber auch gefährlichste Kraft der neuen Richtung behauptet, um schließlich alle anderen Disziplinen der Kabbala fast ganz aufzusaugen. Die Bearbeitung der Halacha-Mystik nimmt nun große Dimensionen an. Volksglaube und mystische Spekulation mischen sich stark, und eine Anzahl neuer religiöser Gebräuche werden seit 1600 kodifiziert. Alle diese Tendenzen finden ihren klassischen Ausdruck in zwei Werken, die mehr als alle anderen die Physiognomie des Judentums bestimmen: im „Schelah“ (Sch’ne Luchot ha- Berit) des Jesaia Horowitz (gest. 1630) bei den Aschkenasim, und im „Chemdat Jamim“ eines Ende des 17. Jahrhunderts in Jerusalem schreibenden Anonymus bei den Sefardim. Die Umgestaltung der Liturgie unter diesen Einflüssen ist bekanntlich sehr bedeutend und wird noch heute von westlichen Orthodoxen ohne Wissen um die Herkunft für sakrosankt gehalten. Durch den Streit Eibeschitz-Emden wird die Kabbala in Deutschland aufs Schwerste kompromittiert, ihre Anhänger werden verwirrt und.desorientiert. Die letzten nennenswerten deutschen Ausläufer sind Nathan Adler in Frankfurt am Main (gest. 1800) und einige Schüler Akiba Egers in Posen. Indirekt knüpft an die Mystik, aber unter bewußter Ausschaltung ihrer kabbalistischen Formen, Samson Raphael Hirsch an. In Polen beherrschte die lurianische Kabbala alle religiösen Kräfte unbeschränkt. Schon aus diesen kurzen Schlagworten über den ersten kürzeren Teil mag erhellen, welch ungeheure Wichtigkeit den Forschungen Scholems zukommt. Wir können uns in diesen Blättern mit dem Hauptteil seines außerordentlichen Kabbala- Aufsatzes in der Encyclopaedie — mehr ein umfassendes eigenes Werk als ein „Aufsatz“ — nicht befassen: Dieser Hauptteil enthält die Lehren der Kabbala, und zwar quellenmäßig in 11 selten inhaltsreichen Abschnitten,- in etwa 60 enggedruckten 57zeiligen Spalten. Der vierte Schlußabschnitt über die Wirkungen der Kabbala auf das Judentum — sie bildete wohlgemerkt von 1500—1800 die eigentliche Theorie des Judentums (um das Wort „Theologie“ zu vermeiden) — enthält neue Ergebnisse von geradezu einschneidender Bedeutung für unsere Erkenntnis des Judentums und seines Werdegangs. Wir sehen nun ganz deutlich (wenn Scholem selbst auch diese Folgerung nicht zieht): Das im Talmud niedergelegte System der Pflichtenlehre bedurfte von 1500 bis 1800 einer besonderen Sinngebung und ideoilojgischen Ergänzung, damit das Judentum durch diesen nun verdoppelten Panzer gegen die Außenwelt in der Epoche seiner tiefsten Erniedrigung und Bedrängnis vor der Vernichtung bewahrt blieb. Eine Sonderausgabe von Scholems „Kabbala" aus dem 9. Band der E J, erweitert um seine ergänzenden einführenden Arbeiten zu dem Thema, sind ein dringendes Bedürfnis; einer solchen Ausgabe wird ein ungewöhnlich großer innerer und äußerer Erfolg beschieden sein. F. Aus der Oemeinde München In der Reihe der Vorträge in der Synagoge wird am Sonntag, den 6. November 17 Uhr, Herr Rabbiner Dr. B. Jacob, Hamburg das Thema . „Der Gott der Rache“ behandeln. Der Vortrag wird von Gesängen umrahmt, die Fräulein Berny-Bloch darbieten wird. An der Orgel Herr Schallt Freier Eintritt für jedermann. Freiwilliger Arbeitsdienst. Es ist beabsichtigt ab Mitte November im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes eine Gruppe von Mädchen im Alter von 18 bis 25 Jahren im Kinderheim der Isr. Jugendhilfe, Antonienstraße 7, in Haushalt, Kochen und Nähen zu beschäftigen. Anmeldung und Auskunfterteilung: jüdischer Arbeitsnachweis, Herzog-Maxstraße 5 I, Tel. 92 8 83. Vier Sinfoniekonzerte mit den Münchener Philharmonikern unter Leitung von Max Reiter Die vier Orchesterkonzerte unter Leitung Max Reiters dürften namentlich in jüdischen Kreisen allgemeinem Interesse begegnen. Der junge, hervorragend begabte Dirigent, der selbst Mitglied der jüdischen Gemeinde München ist, wurde nach einer Mitteilung der Tageszeitungen erst kürzlich zum 1. Dirigenten der Societä Concerti sinfonici in Mailand ernannt und hat damit die nach dem Augusteo in Rom prominenteste Konzertdirigentenstelle Italiens erlangt. Diese ehrenvolle Berufung sowohl als auch seine durchweg interessanten Münchener Programme mit hervorragenden Solisten rechtfertigen regsten Besuch der vier Münchener Abende am 2. November im Odeon, am 14. Dezember, 7. März und 4. April 1933 in der Tonhalle. Heinrich Schalits neue Komposition in Berlin Am 16. September 32 wurde in der Synagoge Lützowstraße-Berlin ein volltsändiger F'reitag-Äbend-Gottesdienst des Münchener Komponisten Heinrich Schalit zu Gehör gebracht. Seit Jahrzehnten zum ersten Male hörte man in einer Orgel-Synagoge eine Musik, deren Gesinnung und Instinkt als jüdisch-kultisch zu bezeichnen ist. Nicht nur ein Musiker hat hier geschaffen, sondern ein jüdischer Meister, ein jüdischer Mensch, der versucht aus der hebräischen Sprache, ihrem Wortrhythmus, ihrem -Sprachakzent, das ihr innewohnende Melos zum Klingen zu bringen. Daher zum ersten Male eine völlig richtige Betonung des hebräischen Textes. Auch die hebräische Metrik, die Symmetrie und Assymmetrie der Diktion ist berücksichtigt, so daß die musikalische Form nicht die Wortform sinnlos zerstört, sondern aus ihr herauswächst. Schabt steht musikalisch auf der Grenze zur Moderne. Durch die. Verwendung der Kirchentonarten und einer ihnen gemäßen Harmonie erreicht er eine ganz eigentümlich weihevolle Stimmung. Als besonders gelungen seien u. a. der Eingangschor, der l‘cho daudi und der Haschkiwenu hervorgehoben. Der Solopart des Vorbeters ist besonders reich und dankbar bedacht. Oberkantor John, der sehr schön sang und der verstärkte Chor der Synagoge unter Leitung des dienstältesten Chordirigenten Alexander Weinbaum gaben das Werk eindrucksvoll wieder. Das Gotteshaus war überraschend gefüllt, wie an einem hohen Feiertage, ein Beweis, daß die Erneuerung der synagogischen Musik.breitestem Interesse begegnet. Dr. Oskar Guttmann-Berlin. Ein ausführlicher Aufsatz von Dr. Hermann Schildberger in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 29. September beschäftigt sich mit Schalits neuem Freitagabend-Gottesdienst; wir entnehmen aus diesem Artikel: Der Münchener Komponist Schabt schlägt nun mit seiner Komposition einen neuen Weg ein; wir erleben überraschenderweise nicht etwa den Versuch einer Lösung, wir müssen vielmehr erkennen, daß Schabt bereits eine Lösung gefunden hat. Es ist ihm die Synthese aus alten, wertvollen, synagogalen Melodien und einer durchaus modernen Tonsprache, aus dem orientalisch-jüdischen Melos und einem heutigen harmonischen Empfinden, die Vereinigung dieser sonst einander wider-

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