Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 21 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 327 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 327 mutige Weltliebe als Wurzel seiner Verachtung für alles eitel Aufgeputzte, das bestimmte geistige und politische Haltung dieses vorbildlichen Mannes. Ich sage absichtlich nicht „Führers“, denn schon der Gedanke, daß ein anderer einen Teil seiner sich selbst bestimmenden Freiheit ihm zuliebe aufgeben könne, ließ ihm das Führeramt oft verdächtig und als eine Versicherung auf Gegenseitigkeit erscheinen. Aber wie konnte er verehren: Goethe, Keller und Fontane, Dürer und Leibi, die Baumeister des bayerischen Rokoko, das waren die Ahnen, auf denen er sich geistig auferbaute. Joseph Conrad unter den Modernen, das mußte ein Mann nach seinem Geschmack sein. Försters-Enkel aus dem Spessart, trug er in sich Musik und Stille des Waldes, Innigkeit und Verschlossenheit der Landschaft. Aber alles Natürliche ist selbstverständlich. Selbstverständliche Deutschheit ließ ihm Nationalismus als Verirrung erscheinen. Weil er allen öffentlich geäußerten Gefühlen mißtraute, war er oft im Geselligen herb. Zu Hause aber vermochte der „Rauhbautz“ nicht zu allen Zeiten Gottfried Keller zu lesen, weil er ihm zu sehr ans Herz griff. Verfeinertes im Bereich des Empfindens, Zugespitztes im Bereich des Intellektuellen ließ er gelten, lehnte es aber für seine Person ab. Er wollte gar nicht alles akzeptieren, was „wertvoll“ war — er, der „Liberale“. Wenn jeder nur wußte, wo sein Platz war, da.in konnte er gar nicht wünschen, daß der andere mit ihm kollektiv empfand (ein aristokratischer Bestandteil des Liberalen überhaupt), wenn der Staat nur jedem die Möglichkeit gewährte, seinen Platz zu finden, dann hatte er noch lange zu tun, um menschenwürdiges Zusammenleben zu gewährleisten. Unwürdig des Menschen aber schien ihm jeder zu frühe Verzicht. „Gemeinschaft“ war ihm allzuleicht Verzicht auf Eigenständigkeit und notwendige Einsamkeit, „Dienst“ 869 kostenlose Ratschläge für Wintersportlerenthält der soeben erschienene, reich illustrierte Winter-Katalog 1932/33 des weltberühmten, großen und führenden Fachgeschäftes für Bekleidung und Ausrüstung in Wintersport: Sporthaus Schuster, München 2 M, Rosenstraße 6, der traditionellen Einkaufsstätte der zünftigen Sportler. Die gewaltige Organisation dieses Welt-Versandhauses liefert überall hin. Sie sparen viel Geld im Einkauf. — Schreiben Sie noch heute eine Postkarte zu 6 Pfennig um kostenlose und unverbindliche Zusendung des für Sie wichtigen und hochinteressanten Kataloges. Er enthält auch wieder ein Preisausschreiben. Sie beteiligen sich doch? war ihm allzuleicht Aufgabe der freien Selbstbestimmung. „Michael Kohlhaas“ — da lagen Grenzen seines Wesens sichtbar, die bockige Vereinzelung, die unfruchtbare Starrheit. Aber im Namen Kohlhaas liegt auch das Pathos solcher Erscheinung: der unbeugsame Stolz, der Glaube an den endlichen Sieg des Rechten. In diesem Sinn hat Karl Rothenbücher in der Zeit verwirrten Schreckens als Einziger seine Anklageschrift gegen Herrn von Kahr erhoben. In diesem Sinn hat er, gleich seinem Freunde Max Weber, den edelkommunistischen Studenten in der Münchener Rätezeit ebenso Trotz geboten wie den nationalsozialistischen nachher. Und — Seltenheit im heutigen Deutschland — er war von beiden Gegnern gleich geachtet, von manchen verehrt. Er, der als Erstchargierter des feudalen „Schwaben“-Korps sich nie betrunken hatte, — er wollte es nicht, — er hat sein ganzes Leben den Mut gezeigt, er selber zu sein. „Kabbala in der Encyclopaedia Judaica Gerhard Scholem, Kabbala. Sonderdruck aus der Encyclopaedia Judaica Bd. IX, 630—731 (Berlin 1932). In dem eben erschienen neunten Band der E J fällt diese umfangreiche Abhandlung von über 100 Seiten auf, in der die jüdische Geheimlehre und Mystik von ihrem besten Kenner aus ersten Quellen in gedrängter Form übersichtlich und vollkommen neu behandelt wird. Das einleitende Kapitel umgrenzt die Erscheinung und erklärt ihren Namen. Das Paradox des Zusammenfalls von Intuition und Tradition und ihre schon im Namen gelegene Verbindung mit einer historischen Kategorie (Kabbala — das durch Tradition Empfangene) weisen auf konstitutionelle Unterschiede zu der in viel stärkerem Maße geschichtsfremden Mystik anderer Völker und Religionen, mit der sie sonst freilich auch vieles gemeinsam hat. — Der nächste Hauptabschnitt ist der historischen Entwicklung gewidmet, zunächst der Vorgeschichte: Die Zeit der Entstehung des Christentums im Zusammenhang mit dem allgemeinen hellenistischen Synkretismus. Die Fragen nach dem Urstoff, die Mittelsubstanzen (Hypostasen), die Schechina als Milderung der strengen Transzendez Gottes, die Adam-Spekulation (Verstrickung des Urmenschen in das dunkle Reich der Materie), die Merkaba-Mystik, die anthropomorphistische Mystik („Schiur Koma“ — das Maß des Körpers), die „Metatron“-Vorstellung (Metatron ist der vorweltliche und nach seiner Inkarnation wieder in den Himmel als höchster Engel erhobene Henoch), die Aonen-Mythologie erfahren eine diese schwierigen Gebiete erhellende Behandlung. Es folgt die Beschreibung der Mystik vom 5. bis 11. Jahrhundert mit ihrem babylonischen Zentrum (interessant in diesem Zeitraum die Spuren einer physiognomischen Disziplin und einer ziemlich detaillierten Technik der Ekstase, namentlich der Anfänge der Gebetsmystik). Vom 8. Jahrhundert gelangt die mystische Bewegung auch nach Italien, Spanien und Frankreich; bei der Wanderung verliert sie dien ekstatischen Charakter und wird erbaulich-beschaulich. Durch die Familie der Kalonymiden wird die Geheimlehre nach Deutschland verpflanzt. Die Mystik des deutschen Chassidismus dieser Epoche ist ausgesprochen eklektisch. Das zeitgenössische Christentum des Mittelalters hinterläßt mit seiner Bußdisziplin und seinen asketischen Tendenzen deutliche Spuren auch im Judentum. Die zwei letzten größten Teile des geschichtlichen Abschnittes enthalten die Entwicklungsgeschichte der Kabbala in den beiden Hauptepochen ihrer stärksten Herrschaft: Vom 12. Jahrhundert bis 1492 und von da bis zur Gegenwart. Um 1200 zeigt sich die Kabbala voll ausgebildet. In der Provence und in Spanien sind ab 1200 ihre geistigen Zentren. Als Abfassungszeit des Hauptteiles des „Sohar“ weißt Scholem die Zeit -zwischen 1240 und 1280 nach. Die Autorenfrage des Hauptteiles ist völlig ungeklärt trotz der Einheitlichkeit nach Sprache, literarischer Form und Gedankenwelt. Nirgends findet man Werke und Verfasser der spanischen und französischen Kabbala bis 1492 so genau aus ersten Quellen behandelt. Mit der Vertreibung aus Spanien tritt ein völliger Wandel auch in der Kabbala ein. Sie tritt aus ihrem abgeschiedenen