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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-11-01 · 21 (1.11.1932) · p. Seite 326

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
21 (1.11.1932)
Date
1932-11-01
Page
Seite 326 (sequence 6)
Language
German
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326 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr..2 l streitung der Lehre von der Auserwähltheit der jüdischen Nation, genauer die Bestreitung des Beweises für die Auserwähltheit, den man in der Tatsache findet, daß sich die jüdische Nation, und keine andere, trotz des Verlustes ihres Staates, über die ganze Erde hin zerstreut, erhalten hat. Diese Tatsache ist nach Spinoza kein Wunder, sondern die natürliche Folge vor allem — der Riten, welche die jüdische Nation von den übrigen Völkern abgesondert haben, und sie dadurch bisher erhalten haben und für immer erhalten werden. Mit anderen Worten: die jüdische Nation verdankt ihre bisherige und zukünftige Erhaltung ihrem Gesetz, also ihrer Religion; und diese Religion soll sie preisgeben, um ihren Staat zu errichten, den sie nach dem Gesagten doch jedenfalls nicht um ihrer Erhaltung willen braucht? Der Widerspruch ist nur scheinbar; er läßt sich als scheinbar erweisen, auch wenn man ganz davon absieht, daß Spinoza wohl noch aus einem anderen Grund als dem Interesse an der Erhaltung der Nation den Juden die Errichtung ihres Staates hat empfehlen oder wünschen können. Spinoza unterscheidet offensichtlich zwischen den „Riten“ (den „Formen4, wie sie heute oft genannt werden) und den „Grundlagen der Religion“: diese sind seinem Rat zufolge zu verwerfen, jene aber beizubehalten. Die Grundlagen der Religion — das ist jener Geist des Gesetzes, der die politische Wiederherstellung unmöglich macht. Von diesem Geiste befreit, wird das Gesetz nicht nur die politische Wiederherstellung nicht beeinträchtigen, sondern den Bestand der nunmehr wieder politisch werdenden Nation weiter verbürgen. Das Gesetz als nationales Erhaltungsmittel oder als nationale Lebensform — wer kennt diese Ansicht vom Judentum nicht! Und ist ihr Spinoza nicht erstaunlich nahegekommen, so nahe, wie es in dem „unhistorischen“ 17. Jahrhundert nur irgend möglich war? Nur mit dem Unterschied freilich, daß er noch in dem Geist des Gesetzes ein Hemmnis für die Politisierung der jüd'schen Nation erblickt hat; nur mit dem weiteren Unterschied freilich, den man ebenfalls nicht ganz übersehen sollte, daß er diese Ansicht nicht als Jude, sondern als Neutraler geäußert, und nicht einmal geäußert, sondern nur so eben hingeworfen hat. Diese Bewandtnis also hätte es mit Spinozas Testament? Nicht so, nicht mit verdeckten Worten und mit mattem Herzen laßt uns von Spinoza Abschied nehmen, wenn wir denn von ihm als einem solchen, der einen „menschlich unbegreiflichen Verrat“ (Cohen) an unserer Nation auf dem Gewissen hat, Abschied nehmen müssen. Einen Augenblick lang wenigstens wollen wir von den populären Prinzipien absehen, kraft deren man Spinoza, sei es zu verdammen, sei es heiligzusprechen sich veranlaßt gesehen hat. Genug, daß niemand ihn popularisieren, in kleine Münze umwandeln, daß niemand ihn „kleinkriegen“ kann. Und dann fragen wir noch, ob wir ihm Verehrung schulden? Spinoza wird verehrt werden, solange es Menschen gibt, welche die Inschrift seines Siegelrings („caute“) zu würdigen wissen, oder, um es deutsch zu sagen, solange es Menschen gibt, die wissen, was damit gemeint ist, wenn man sagt: Unabhängigkeit. Nachbemerkung der Schriftleitung: In der Fülle widerspruchsvoller und einander aufhebender Urteile über Spinoza als Gestalt des Judentums kann der vorstehende Aufsatz den Anspruch erheben, den berühmten Streit gültig zu entscheiden. In leidenschaftlicher Anklage haben namentlich die großen jüdischen Lehrer Samuel David Luzzatto (gest. 1865, Professor am Collegium rabbinicum in Padua) in seinem hebräisch geschriebenen Werk Neged Spinoza und Herrmann Cohen s. A. (1915 im Jahrbuch für jüdische Geschichte) die Lehre Spinozas als unjüdisch verworfen, den „Zauber pantheistischer Blendung“ enthüllt und den „Unterschied zwischen der Lehre dieses Abtrünnigen und unseres Lehrers Moses“ im einzelnen gezeigt. Mit der ihm eigenen Zuverlässigkeit hat dann Leo Strauß in seinem bedeutenden Werk „Die Religionskritik Spinozas“ (Veröffentlichungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums; Berlin, Akademie-Verlag 1930) das Problem der Aufklärung und ihrer Kritik der Offenbarungsreligion in einer grundsätzlichen und philosophisch-historisch peniblen Untersuchung des „Theologisch-politischen Traktates“ behandelt. Strauß hat es überall verstanden, hinter subtilen Unstimmigkeiten der Theorien konkrete geschichtliche Situationen, also die Zeitbedingtheit der „mathematischen“ Wahrheiten, Spinozas aufzudecken, überall beruht diese Darstellung auf Quellen erster Ordnung, nicht auf der uferlosen und wenig ergiebigen Vermittlungsliteratur. Ein Anhang gibt Materialien zur Quellenanalyse da Costas und Spinozas, die von umfassender Gelehrsamkeit zeugen.. Man prüte etwa das außerordentliche Kapitel über die Kritik Spinozas an Maimonides (S. 129 ff.), namentlich über Spinozas „vorsichtige“ Distanz zum Judentum im Gegensatz zu der Verwurzelung der Ideen Maimunis in der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde. — So soll der Aufsatz von Leo Strauß ein Bollwerk gegen die uns bedrohenden Feuilletons und „gemeinverständlichen“ Zeitungsaufsätze zum bevorstehenden 300jährigen Geburtstag Spinozas im November dieses Jahres bilden. Dieser „sephardische Apikores“ ist von unserem Fleisch, ein Urbild tragischen jüdischen Schicksals, das unsere Besten grenzenlos einsam machte, durch das eigene Blut (wer will hier von Schuld sprechen) und durch die Ausweglosigkeit aus dem Irrgarten ewiger und eingebildeter, also gleich harter Gesetze. Ein großer Liberaler Zum Tode Karl Rothenbüchers Der Vossischen Zeitung vom 19. Oktober entnehmen wir den folgenden Nachruf von Dr. Fred Neumeyer, Privatdozent an der Universität Berlin. Ein großer „Liberaler“ ist von uns gegangen, der dienend im Alltag stand: Karl Rothenbücher, der Staatsrechtslehrer der Münchener Universität. Er hatte das große Glück, als Universitätslehrer seinen Studenten ein sichtbarer Anschauungsunterricht für die höchste Ausprägung des „liberalen Typs“ sein zu können. Und darum ist mit allem menschlichen Zauber zugleich eine große Chance des liberal-demokratischen Staatsbildes dahingegangen. Dieser Liberale war höchst unduldsam: unduldsam gegen alles Unklare, Halbe, Eitle und Mystifizierende. Sein sarkastischer Spott war bei Professoren nicht gefürchtet — denn er stand nie im Dienst zerstörerischer Absichten — wohl aber bekannt. Sokratischer Wahrheitsdurst als Wurzel seiner Skepsis, Schillerischer Freiheitsdrang als Wurzel seines liberalen Republikanismus, de-

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