Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 21 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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324 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 ten, in einen Konflikt, in dem beide Gegner im Recht waren: die jüdische Gemeinde, welche die Existenzbedingung des Judentums in der Zerstreuung oder, wie andere sagen, die jüdische „Form“ retten mußte, und Spinoza, der den Gehalt dieser „Form“, das „unterirdische Judentum“, aus seiner Erstarrung zu lösen und damit die Wiedergeburt der jüdischen Nation in die Wege zu leiten berufen war. Man bedurfte mehrerer Jahrhunderte, bis man Spinozas Kritik am Gesetz geschmeidig genug gemacht hatte, um das Gesetz anerkennen zu können, ohne an seine Offenbartheit zu glauben. Am Ende dieser Entwicklung steht ein Geschlecht, freien Geistes genug, um Spinozas Kritik am Gesetz aufnehmen zu können, und noch freier als er, insofern es über die rohe Alternative: göttlich oder menschlich?, offenbart oder von Menschen erdacht? hinaus ist. Der recht verstandene Spinoza steht nicht nur nicht außerhalb des Judentums — er gehört ihm vielmehr als einer seiner größten Lehrer an. Wer Spinozas Kritik am Gesetz kennt, der weiß, daß diese Kritik ohne die Grundlegung der modernen Philosophie nicht möglich gewesen wäre. Zwar beruft sich Spinoza, um die Autorität der Bibel zu erschüttern, auch auf gewisse Schwierigkeiten des Bibeltextes; aber damit er aus diesen Schwierigkeiten, die längst vor ihm bekannt waren, die Konsequenz ziehen konnte: also hat Moses die Thora nicht geschrieben, und die weitere Konsequenz: also ist die Thora nicht offenbart, also hat die Thora keine Verbindlichkeit, dazu mußte er die philosophische Kritik am Gesetz voraussetzen, die, wenigstens so wie sie bei ihm vorliegt, an die Grundlegung der modernen Philosophie gebunden ist. Ist nun aber diese Grundlegung zweifelhaft geworden, so ist damit auch Spinozas Kritik am Gesetz zweifelhaft geworden; und damit also auch, ob er als ein Lehrer des Judentums artgesehen werden darf. Aber muß denn ein großer Mann, den man verehren will, notwendig ein großer Lehrer sein? Sollte es nicht beispielsweise auch große und darum verehrungswürdige Irrlehrer geben? Und wenn dieser große Irrlehrer — hinsichtlich dessen es zudem ja noch gar nicht feststeht, daß er ein Irrlehrer war — ein Jude ist: hat die jüdische Natio dann nicht das Recht und die Pflicht, sich seiner stolz und dankbar zu erinnern? Spinoza war Jude. Die Tatsache ist beglaubigt, daß er als Jude geboren und erzogen worden ist. Aber sollen wir die Namen anderer, Spinoza am Ende ebenbürtiger Männer nennen, die ebenfalls als Juden geboren und erzogen worden sind, und deren stolz und dankbar als Jude zu gedenken sich schwerlich ein Jude untersteht? Wir brauchen diese Namen nicht zu nennen und können doch .den Satz für bewiesen halten, daß die jüdische Herkunft und Erziehung eines großen Mannes, für sich genommen, kein Recht dazu gibt, seine Größe für das Judentum in Anspruch zu nehmen. Sieht man also von der Tatsache ab, daß Spinoza als Jude geboren und erzogen worden ist, aus der sich vielleicht nicht allzu viel schließen läßt, und begnügt man sich außerdem nicht mit unbestimmten Vermutungen über die jüdische Geistesart Spinozas, will man also klar und deutlich wissen, wo denn bei Spinoza das Judentum steckt, d. h. welche maßgebenden Gedanken Spinozas eigentümlich jüdisches Gepräge tragen, so wird man sich mit dem ihnen gebührenden Vertrauen an die ' Gelehrten wenden, welche die jüdischen Quellen der Lehre Spinozas zu ermitteln versucht haben. Die kritische Betrachtung dessen, was bei diesen Bemühungen herausgekommen ist, führt zu dem Ergebnis: Spinoza steht ohne Zweifel in der stärksten literarischen Abhängigkeit von jüdischen Autoren;' er hat ursprünglich die philosophische Tradition nur durch die Vermittlung der jüdischen Philosophie des Mittelalters kennengelernt. Aber was er von dieser Philosophie gelernt hat, das sind Einsichten oder Meinungen, die er ebenso gut aus der nichtjüdischen (islamischen und christlichen) Philosophie des Mittelalters hätte aufnehmen können; es ist das Gemeingut der europäisch-mediterranen Tradition. Und selbst wenn sich einmal herausstellen sollte, daß eine zentrale Lehre Spinozas sich so, wie sie sich bei ihm findet, nur bei dem oder jenem jüdischen Philosophen oder Theologen der Vergangenheit findet, dann bliebe immer noch zu beweisen, daß diese Lehre wirklich eigentümlich jüdisch ist und daß sie nicht ebensogut auch von einem Griechen oder Muslim oder Christen hätte erdacht werden können. Spinoza übernimmt als „guter Europäer“, der er ist, aus der jüdischen Tradition das gemein-europäische Gedankengut, das sie ihm zuführte — nicht mehr. Damit glauben wir die Frage beantwortet zu haben: ob es dem Juden als Juden zustehe, Spinoza zu verehren. Nicht dem Judentum gehört Spinoza an, sondern der kleinen Schar überlegener Geister, die Nietzsche als die „guten Europäer“ bezeichnet hat. Dieser Gemeinschaft gehören alle Philosophen des 17. Jahrhunderts an; aber Spinoza doch in einer besonderen Weise: Spinoza ist nicht Jude geblieben, während Descartes, Hobbes und Leibniz Christen geblieben sind. Es geschieht also nicht in Spinozas Sinn, daß er in das Pantheon der jüdischen Nation aufgenommen wird. Unter diesen Umständen scheint es uns ein elementares Gebot der jüdischen Selbstachtung zu sein, daß wir Juden endlich wieder darauf verzichten, Spinoza für uns in Anspruch zu nehmen. Damit liefern wir ihn ja keineswegs unseren Feinden aus, sondern belassen wir ihn jener fernen und fremden Gemeinschaft von „Neutralen“, als die man mit keinem geringen Recht die Gemeinschaft der „guten Europäer“ bezeichnen darf. Dies zu tun, gebietet außerdem die Achtung, die wir Spinoza auch dann schulden, wenn wir ihm keine Verehrung schulden: die Achtung vor Spinoza verlangt, daß wir seinen letzten Willen ernstnehmen; und sein letzter Wille war die auf dem Bruch mit dem Judentum beruhende Neutralität gegenüber der jüdischen Nation. Cafe r|TY Wein- Eig.Konditorei BA B B B STRASSE NR. 4 Vornehmer Aufenthalt im Stadtzentrum. Nachmittag im Roten Salon 5-Uhr-Tee, Konzert und Tanz. Abends ab 8 Uhr Tanz. Stimmung und Humor. Es spielt die Salon-Kapelle van Bergh