Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1932-10-15 · 9 (15.10.1932) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1932
Issue
9 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
Seite 22 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9934493-9934606-9934613--334-2742000
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

22 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 9 psychologischen und physiologischen Entwicklung des Kindes entspricht, muß auch hier Anwendung finden. Der Religionsunterricht darf nicht ein Anhängsel, vielleicht noch ein lästiges, sein. Er ist ein Teil des Gesamtunterrichtes. Wie beginnt man nun mit dem Religionsunterricht? Im 1. Schuljahrdrittel sollen nur Sprechübungen gemacht werden mit den verschiedenen Ubungsformen. Befehle werden angegeben, ausgeführt usw. So nimmt das Kind einen Wortschatz an hebräischen Wörtern und Begriffen mit in das 2. Schul jahrdrittel, in dem das eigentliche Schreiben und Lesen beginnt. Der Unterricht in diesem Abschnitt vollzieht sich ohne Fibel; diese muß sich der Lehrer selbst zusammenstellen, anschließend eben an seinen Gesamtunterricht. Das erste Buch, das die Kinder in die Hand bekommen, ist ein hebräisches Lesebuch, eine Sammlung hebräischer Lesestücke aus der Literatur, ähnlich dem deutschen Lesebuch. Als Schrift kommt die Quadratschrift in Frage, für die eine besondere Liniatur noch zu schaffen ist. So wird das Kind am Ende des 1. Schuljahres das Lesen beherrschen, einen großen Wortschatz, Sprachgefühl und Sprachkenntnisse besitzen. Mit ihnen wird im 2. Schuljahr gearbeitet. Im 3. Schuljahr soll dann Chumesch auftreten. Aber hier heißt es, den Inhalt aus dem Text heraus zu verstehen, nicht ihn dem Kinde geben. Mit Sprachkraft, die sich das Kind in den zwei Jahren erworben hat, dringt es in den Text ein, der wohl unvorhergesehene Schwierigkeiten birgt, holt sich heraus, was zu erreichen ist. Das ist ein richtiger Arbeitsunterricht und hat nicht den geringsten Zusammenhang mit der alten Methode des bloßen Ubersetzens. Das Lesebuch bleibt in der Hand des Schülers, es soll den Stoff vertiefen. Aus all diesen berechtigten Forderungen stellte der Redner an die Versammlung kurze Anträge, betretend des Lehrplans, der Lehrmittel und der organisatorischen Eingliederung des Religionsunterrichtes. In der Hoffnung, durch diese Unterrichtsmethode Thora zu verbreiten und sie dadurch zu verherrlichen, schloß der Redner seine äußerst lehrreichen mit einer großen Gewissenhaftigkeit aufgebauten Ausführungen. Der Referent erntete dann auch den wohlverdienten Dank. Anschließend daran wurde eine Resolution angenommen, die dem jüdischen Lehrer zur Durchführung des Sprechunterrichts das Erlernen der lebendigen Sprache empfiehlt. Eine zentrale Beratungsstelle in Würzburg soll praktische Anweisungen hierfür geben. Damit nun diese Forderungen nicht im Sande verlaufen, wurde zur Durchführung dieser Erkenntnisse eine Kommission eingesetzt. Die Diskussion zeigte mit erfreulicher Deutlichkeit, daß man zwar über die Durchführung geteilter Meinung war, aber im Prinzip den vorgeschlagenen Weg für den richtigen hielt. Diese Feststellung berührte uns jüngere Lehrer besonders angenehm, und es ist daher schade, daß viele Junglehrer nicht die Initiative aufbrachten, zu dieser Tagung zu kommen. Die anschließende Diskussion, die den Inhalt des Vortrages mehr oder weniger berührte, stand auf hohem Niveau und trug zu dieser freundlichen Haltung der neuen Methode gegenüber viel bei. Aber trotz der interessanten Ausführungen konnte die Stimme des Vortragenden das Knurren des Magens nicht übertönen (auch nicht den Krach der in anliegenden Zimmern Essenden). So war man in Anbetracht dieser Alarmsignale recht froh, als der Vorsitzende die Mittagspause verkündete und die Fortsetzung des Vortrages nach der Pause versprach. Ein guter Beweis für den auch vom Referenten angeführten Satz: Im ein thora ein kemach, im ein kemach ein thora. selbst wenn kemach mit Aufschnitt belegte Brötchen bedeutet. Das Essen schmeckte ausgezeichnet und so lange dies der Fall ist, soll man sichs schmecken lassen. Daher dauerte es eine gewisse Zeit, bis die Kollegen den Weg von kemach zur Tora zurückfanden. Dann war jene erfreuliche Stimmung bemerkbar, von der oben die Rede war. Mit einem kurzen Schlußwort des Kollegen Berlinger war diese Angelegenheit beendet. Also, ein schöner Erfolg, Berlingerl (Das Referat selbst werden wir in der nächsten Nummer der Mitteilungen zum Abdruck bringen. (D. Schriftltg.) Ganz kurz gab Kassier Hellmann die erfreuliche Nachricht, daß ein Überschuß von.. der Betrag ist ja heute Nebensache, wenn es nur ein Mehr von ein paar Mark ist — vorhanden sei. Keinem Finanzminister der Welt ist das in der letzten Zeit gelungen! Um aber diejenigen „beruhigen“ zu können, die behaupten: ja Euch Lehrer geht es gut, Ihr könnt „sogar“ Eure Jahresbeiträge noch bezahlen, dafür sorgen jene Rückständigen aus dem Jahre 1931. „Man muß aus allen Lagen Vorteile ziehen“, denken sich die notorischen Nichtbezahler. Nach kurzem Referat des Kollegen Dr. Bamberger (Würzburg) wurde der Arbeitsplan für die Fortbildungskonferenzen debattelos angenommen. Einstimmigkeit in allen Punkten. Nun folgte eine in warmen Worten gefaßte Ansprache „unseres“ Steinhardt. Mit Ergriffenheit vernahmen wir dessen Worte, die eine tiefe Verbundenheit mit den bayerischen Kollegen ausdrückten und die uns zeigten, daß Steinhardt eben „unser“ Steinhardt ist. Dann kamen noch einige Wünsche mit sich daran anschließendem Geplänkel, die nicht mehr die Beachtung der Versammlung fanden. Es ging nämlich auf 5 Uhr zu und es entsprach der Meinung der Anwesenden, als der Vorsitzende gegen 5 Uhr die Versammlung schloß. Reicher Beifall fiel jedoch nicht für das Schließen, sondern für den gesamten glänzenden Verlauf, der durch die Einsicht und die Tatkraft der Leitung, durch die sehr guten Ausführungen der Referenten und, last not least, durch die rege Anteilnahme und Selbstdisziplin der anwesenden Mitglieder gewährleistet wurde. Es war eine gelungene Tagung, von der jeder profitierte. Und das ist um so erfreulicher, als die geleistete Arbeit lescheim schomaijjm war. Berichte aus den Bezirkskonferenzen (Fortsetzung) 5. Regensburg A) Am 18. Oktober 1931 wurde für die Kollegen des Regierungsbezirkes Oberpfalz und Niederbayern die „Regensburger Bezirkskonferenz“ mit dem Sitze in Regensburg ins Leben gerufen. Sie umfaßt fogende Gemeinden: Regensburg, Amberg, Weiden, Neumarkt, Cham, Floß und Straubing. Zahl der Mitglieder bzw. Teilnehmer beträgt 12. In der ersten Zeit wurde in monatlichen Abständen die Konferenz einberufen. Wegen der großen räumlichen Entfernung aber und den damit verbundenen großen Unkosten werden nun die Konferenzen durchschnittlich alle zwei Monate abgehalten. B) behandelter Stoff: I. Mischnah: Jebomous. II. Chochmas odom. III. Hebr. Grammatik (Vorträge in Aussicht genommen). IV. Wissenschaftliche Vorträge: 1. Das Kalenderwesen, Dr. Weinberg; 2. Philosophische Abhandlungen (More nebuchim), Maimonides, L. Godlewsky. V. Besprechung von Standesfragen und Vereinsangelegenheiten. Godlewsky (Amberg) 6. Burgpreppach Im Berichtsjahre fanden sechs Fortbildungskonferenzen in Burgpreppach, Hofheim und Ermershausen statt. Unsere Konferenzarbeiten bestanden im Lernen von Talmud: Megilloh und Pesochim, Mischna: Pesochim und Beza und Schulchan oruch: Trauervorschriften und Vorschriften über Chanukoh. Von der Erstattung größerer Referate wurde in diesem Jahre abgesehen. Blumenthal, Hofheim Bezirkskonferenz Fürth Die nächste Konferenz findet am Sonntag, dem 30. Oktober statt. Blumenthal. Trostlose Zustände Aus Pressenachrichten über die in Oberhof stattgefundene vorbereitende Besprechung über Gründung eines Reichsverbandes erhalten wir Kenntnis von den trostlosen Zuständen, welche in einzelnen jüdischen Gemeinden Thüringens herrschen. So wird um nur ein einziges Beispiel anzuführen, in Sondershausen für die vorhandenen 20 jüdischen Kinder kein Religionsunterricht erteilt. Es müßten doch alle Kräfte eingesetzt werden, um solchen krassen Ubelständen gegenüber sofortige Abhilfe zu schaf- Veränderungen im Kultusministerium Am 1. August trat Herr Ministerialrat Johann Lex in den dauernden Ruhestand. Mit der gesamten bayerischen Lehrerschaft danken auch wir dem hervorragenden Schulmanne, der, als erster aus dem Volksschullehrerstand hervorgegangene Fachreferent, sich um das bayerische Schulwesen, insbesondere als Schöpfer der neuen Lehrerordnung, unvergängliche Verdienste erworben hat. Auch die jüdische Schule und der jüdische Religionsunterricht fanden bei ihm stets volles Verständnis und wohlwollende Förderung. Zu seinem Nachfolger wurde der schon bisher im Ministerium tätige Oberregierungsrat, Herr Dr. Orth, ernannt. Der juristische Referent für das Volksschulwesen, Herr Ministerialrat Ludwig Osthelder, wurde zum Regierungspräsidenten der Pfalz ernannt. Wir verlieren in ihm einen Mann, der den Bedürfnissen der jüdischen Volksschule und des jüdischen Lehrerstandes in her-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.