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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-10-15 · 20 (15.10.1932) · p. Seite 309

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
20 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 309 eine prachtvolle, technisch und geschmacklich gleich hoch stehende Arbeit des 15. Jahrhunderts. Auf die selbstverständlich weit zahlreicheren hebräischen Drucke der Staatsbibliothek kann hier in gleicher Ausführlichkeit nicht eingegangen werden. Nur einige wenige Gruppen möchte ich herausgreifen. Merkwürdig ist zunächst, daß die Drucke vor 1500 (Inkunabeln) so schwach vertreten sind, merkwürdig deshalb, weil Me Sammler unserer Handschriften den Ankauf von Drucken durchaus nicht verschmäht haben (wie das vielfach bei den Bibliophilen des späten 15. Jahrhunderts der Fall war, die der vornehmeren und kostbareren Handschrift gegenüber im Drucke etwas Minderwertiges, des geschmackvollen Sammlers unwürdiges sahen), sondern vielmehr Drucke des 15. Jahrhunderts in lateinischer Sprache eifrig sammelten. Dem hebräischen Druck des 16. Jahrhunderts hat Widmannstetter sogar besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es kann also nicht Geringschätzung der Drucke gewesen sein, wenn bei ihnen Frühdrucke fast vollständig fehlen. Ich vermute eher, daß hebräische Inkunabeln der italienischen Druckstätten zu den Zeiten Widmannstetters und Fuggers schon recht schwer erhältlich waren, mögen daran nun kleine Auflagen, Zensurverfolgungen oder der häufige Ortswechsel der Drucker schuld gewesen sein. In Deutschland, wo Fugger seine Drucke im wesentlichen kaufte, mögen sie im Handel überhaupt kaum vorgekommen sein; die heute so seltenen hebräischen Frühdrucke der iberischen Halbinsel sind vermutlich weder nach Italien noch nach Deutschland gekommen. Wie dem sei, jedenfalls kenne ich nur vier hebräische Inkunabeln in unserem Besitz: als älteste des umstrittenen Jedaja ha-Penini mibchar ha-peninim, Soncino 1484; dann den Psalter, Neapel 1487; die Mischna, Neapel 1492; endlich das ganze Alte Test., Brescia 1494. Dem steht das 16. Jahrhundert, das ja eine Blütezeit des hebräischen Druckes gewesen ist, vor allem dank Widmannstetters Sammeltätigkeit in größtem Reichtum gegenüber. Zu den oberitalienischen und deutschen Drukken gesellen sich die frühen Konstantinopler und Saloniker; und neben den großen, z. T. heute noch wichtigen Textausgaben finden sich ausgefallene Merkwürdigkeiten wie die jüdischdeutsche Übersetzung des Machsor, die in Ichenhausen 1544 gedruckt wurde. Auch aus späterer Zeit besitzt die Staatsbibliothek auf dem Gebiet der „weiberdeutschen“ Literatur einige Unika. In der Bibliothek des Bayerischen Staates wird man nicht zuletzt jene hebräischen Drucke zu finden erwarten, die in Schwaben und Franken, in heute bayerischen Gebieten also, ans Licht getreten sind. Hat Schwaben in Augsburg, Ichenhausen, Thannhausen jüdischen Drukkern schon im 16. Jahrhundert eine Heimat geboten, so ist seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert das heutige Nordbayern besonders fruchtbar gewesen. In Sulzbach entstand eine hebräische Druckerei auf Anregung des an der Kabbala interessierten Herzogs Christian August; sie hat von 1684 bis etwa 1850 rund 300 Werke hervorgebracht; älter aber weniger langlebig war die Kunst in Wilhermsdorf, wo 1670 —1739 etwa 150 Werke erschienen, jünger aber zäher in Fürth, wo von 1691—1868 über 500 Werke herauskamen. Aus alten Beständen, durch einige neuere glückliche Käufe und nicht zuletzt durch dankenswerte Schenkungen besitzt die Staatsbibliothek zwar nicht alle aber doch sehr viele Erzeugnisse dieser Druckorte. Ist das hebräischeBuchdie Quelle der jüdischen Wissenschaft, so steht neben ihm, diese Quelle auswertend, die Wissenschaft vom Judentum. Auch sie ist gut vertreten und von Zunz und Steinschneider bis zu den großen Sammelwerken unserer Tage — der Jewish Encyclopedia, der neuen Encyclopaedia Judaica, den wertvollen Veröffentlichungen der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und der jüdischen Akademie wird bei manchen Lücken im einzelnen doch kein wirklich unentbehrliches Werk fehlen. Dürfen wir auf so reichen Besitz stolz sein, so wollen wir auch nicht verschweigen, was uns fehlt. Da ist an erster Stelle eine versäumte Gelegenheit zu beklagen: Abraham Merzbacher‘s Bibliothek hat, statt in ihrer Münchener Heimat verbleiben zu dürfen, nach Frankfurt a. M. auswandern müssen, wo sie heute die Stadtbibliothek ziert. Ein zweiter großer Mangel ist das fast völlige Fehlen der Literatur des Ostjudentums. Das erklärt sich daraus, daß diese streng in sich geschlossene Welt erst spät, eigentlich erst durch den Weltkrieg, in unsern Gesichtskreis getreten ist. So fehlt seine traditionelle hebräische Literatur, es fehlt — mit Ausnahme weniger Proben — die volkstümliche jiddische Literatur osteuropäischer wie amerikanischer Herkunft; es fehlen, und das ist vielleicht am meisten zu bedauern, die originalen Quellen zu Studium und Verständnis des Chassidismus, in dem wir doch die selbständigste und tiefste geistige Leistung des Ostjudentums sehen müssen. Und nicht viel besser ist es um eine andere Gruppe bestellt, die vor dem Krieg entstandene, durch den Zionismus und die Schaffung des jüdischen „national home“ in Palästina zu ungeahnter Blüte gediehene moderne hebräische Literatur. Mit unzureichenden Mitteln ringt die Staatsbibliothek darum, von ihr wenigstens Proben des Allerwichtigsten zu erwerben. So besitzt sie an hebräischen Zeitschriften allgemeinen Inhalts tekufah und tarbiz, dann die als bibliographische Quelle unentbehrliche kirjath sefer, als Spiegel eines neu entstehenden Rechtes die palästinensische hamischpat, endlich die leider eingegangene schöne Kunstzeitschrift Rimon. Von den Vätern des modernen Hebräisch besitzen wir Elieser ben Jehudas gewaltiges Lexikon, von Achad ha-am wenigstens Proben. Von den in hebräischer Sprache schreibenden lebenden Gelehrten sind Josef Klausners Werke neben der deutschen Übersetzung auch im Original vorhanden. Das alles sind aber nur Bruchstücke eines großen Ganzen; mögen es wenigstens Anfänge sein. Ein Wort Steinschneiders steht am Anfang dieser Zeilen, ein Wort von ihm soll sie schließen: er hat im Jahre 1875 über unsere Sammlung den Segenswunsch ausgesprochen „daß ihr neben ihrem unleugbaren Reichtum und der durch eine liberale Verwaltung gewährten leichten Benutzungsmöglichkeit im 19. Jahrhundert, die Mittel gegönnt sein mögen, sie in dem Maßstab zu erweitern, in welchem sie im 16. Jahrhundert angelegt worden.“

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