Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 20 (15.10.1932)
- Date
- 1932-10-15
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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308 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Tierkreisbild aus dem Machsor cod. hebr. 3 (deutsch, 15. Jahrhundert) Zum erstenmal veröffentlicht i MM R. N. Rabbinowitz willen die schöne aus Spanien stammende Bibelhandschrift aus dem 12. oder 13. Jahrhundert (cod. 392) genannt sei, noch einmal einen größeren Zuwachs gebracht, als im Jahr 1858 die Bibliothek des Pariser Orientalisten und Bibliophilen Etienne Quatremere erworben wurde, mit der 37 hebräische Handschriften zu uns kamen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts kamen aus Ägypten mit einem Papyruskauf sehr alte Pergamentfragmente biblischen Inhalts, die vielleicht aus der bekannten Geniza von Kairo stammen. Unsere hervorragend reichen Kabbalistischen Bestände wurden erst durch zwei im Handel erworbene Stücke vermehrt, dann durch ein drittes, Mose Cordovero’s Einführung in die Kabbala, das 1902 mit einer aus Sana in Yemen erworbenen Sammlung arabischer Handschriften zu uns kam. Die einstweilen letzte größere Vermehrung brachte das Jahr 1909, als mit andern Handschriften der Provinzialbibliothek Neuburg a. D. auch acht hebräische Codices an die Staatsbibliothek abgeliefert wurden, die einst im Besitze des Kurfürsten Ott Heinrich (1502 — 1559) gewesen waren. Einige davon stammen von der Hand des schon erwähnten christlichen Hebraisten Johannes B. Böschenstein (1472 —1540), der, wenn auch an Reuchlin’s Bedeutung nicht heranreichend, sich doch in einem nicht leichten Leben manche Verdienste um die Verbreitung hebräischer Kenntnisse in christlichen Kreisen erworben hat; zur Kenntnis seiner Lebensgeschichte und seiner Arbeitsweise tragen diese Handschriften, die erst zum Teil wissenschaftlich ausgeschöpft sind, nicht unwesentlich bei. Nach dem geschichtlichen Überblick mag eine ganz kurze Überschau zeigen, wie sich unsere Handschriften inhaltlich gruppieren. Es fallen, um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen, auf die Bibel 20, auf Exegese 50, auf Grammatik und Lexikographie 25, auf Dichtung und Rhetorik 15, auf Liturgie über 10, Halacha 40, Midrasch 12, Philosophie über 40, Kabbala über 60, Mathematik und Astronomie 35, Medizin 45 Bände. So gleichmäßig vollständig sind die einzelnen Gebiete vertreten, daß Steinschneider sagen konnte, es fehle fast keine klassische Schrift des Mittelalters. Diesem inneren Wert entspricht auch die äußere Ausstattung: alle Schriftformen sind vom 10. Jahrhundert abwärts in ihrer Entwicklung zu verfolgen, vielfach in prachtvollen Beispielen. Der Bilderschmuck beschränkt sich nicht auf Federzeichnungen und bunte Ausmalung von Anfangsworten; es sind vielmehr zahlreiche Handschriften mit reichen und kunstvollen figürlichen Malereien geziert. Um nur die wichtigsten zu nennen, verweise ioh auf den schon erwähnten cod. 392 mit feinsten Ornamenten spanisch-maurischen Stils aus dem 14. Jahrhundert, wenn nicht früher, ferner auf die beiden Machsorhandschriften deutscher. Herkunft cod. 4 des 14. und cod. 3 des 15. Jahrhunderts, von deren Bilderschmuck wir 3 Beispiele zeigen, dann die bedeutenden Illustrationen zur Bibel in cod. 5, süddeutscher Herkunft aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ferner die schöne Zierseite mit Kampfszenen im Stil französicsher Gotik in Jsak Corbeil’s amude golah, cod. 135, endlich die reich ausgemalte Osterhagade des 15. Jahrhunderts, cod. 200, die sich neben ihren bekannteren Schwestern in Darmstadt und im Germanischen Museum wohl sehen lassen kann. Auch die E i n b a n d k u n s t ist gut vertreten. Die stattlichen grünen Lederbände freilich, in die Fugger’s Handschriften gekleidet sind, haben — trotz der hebräischen Schrift auf ihren Deckeln — keine Beziehung zur spezifisch jüdischen Kunstübung, sowenig wie die typisch italienischen Bände des 15. Jahrhunderts (z. B. cod. 126 oder 338), die sich in Widmannstetters Handschriften finden. Charakteristisch ist aber der schöne spanische Einband des 15. Jahrhunderts an cod. 373, der als Vorbild für den Verlegereinband des Strack’schen Facsimiles der Pferseehandschrift gedient hat. Er ist in Blindpressung mit einem geometrischen Muster maurischen Stils geziert, wie wir es auch auf andern spanischen Bänden derselben Zeit finden. Die Technik des Lederschnittes endlich, die* von jüdischen Kunsthandwerkern des späten Mittelalters in Deutschland verhältnismäßig häufig geübt wurde (wofür trotz Husungs verdienstlicher Forschungen die Gründe noch nicht ganz klar sind), ist in zwei wichtigen Beispielen, cod. 86 und 212, vertreten; der erste, aus dem 14. Jahrhundert, von charaktervoller Derbheit, der zweite, gefertigt von dem bekannten Mei'r Jaffe aus Ulm, von dem jetzt 13 Arbeiten bekannt sind,