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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-10-15 · 20 (15.10.1932) · p. Seite 307

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
20 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
Seite 307 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 307 Schon an Umfang weit stattlicher, an Wert unvergleichlich ist die Sammlung des humanistisch und orientalistisch gebildeten Diplomaten Widmanstetter (1506—1557), die der Herzog 1558 erwarb. Seine wissenschaftlichen Verdienste liegen auf dem Gebiet der Erforschung der syrischen Sprache. Als Sammler hat er darüber hinaus hebräische und arabische Codices mit Eifer und Geschick aufgespürt. Beim Sammeln der ersteren haben ihm seine Beziehungen zu jüdischen Gelehrten, deren Umgang er in Neapel, Rom und Venedig eifrig suchte. 147 Handschriften hat er zusammengebracht, meist Originale, manche auch in seinem Auftrag angefertigte Abschriften. Im Vordergrund seiner Interessen stand die Kabbalistik, doch hat ihn auch das Gesamtgebiet der Naturwissenschaften stark angezogen. Von besonderen Kostbarkeiten seines Besitzes nenne ich cod. hebr. 36, eine mathematische, und cod. 111, eine medizinische Sammelhandschrift, letztere aus dem 14. Jahrhundert, ferner cod. 343, eine Sammlung astronomischer Abhandlungen in Abschrift des 15. Jahrhunderts von spanischer Hand, wie viele seiner Codices. Auch zwei unserer ältesten Handschriften, cod. 6 (Talmudtraktate) und cod. 205, beide aus dem 10. Jahrhundert, stammen aus seiner Bibliothek. War Widmanstetter zwar ohne tiefe hebräische Gelehrtheit, aber doch leidenschaftlich auch am Inhalt seiner Schätze interessiert, wie uns seine eigenhändigen Eintragungen noch heute beweisen, so war Johann Jakob Fugger (1516^1595), dessen Bibliothek 1571 in den Besitz des Herzogs überging, mehr der reiche Bibliophile, dessen Sammlererfolg wenigstens auf diesem Gebiet eher auf seinen großen Mitteln als auf seinen persönlichen Kenntnissen beruhte. Freilich fehlen auch bei ihm Stücke ersten Ranges nicht: ich nenne cod. 5, eine reich illuminierte Privathandschrift von Raschis Bibelkommentar, geschrieben 1233 in Würzburg. Aber die Mehrzahl seiner Handschriften stammen erst aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Es sind Abschriften, die für ihn in Oberitalien meist in Venedig, von nicht immer gewissenhaften Schreibern gemacht und teils dort, teils in seiner Heimat Augsburg für ihn prächtig in grünes Leder gebunden wurden. Der Wert dieser Abschriften besteht trotz mancher Flüchtigkeit der Copisten darin, daß sie die hebräische Literatur des Mittelalters in relativer Vollständigkeit wiedergeben, in einer Vollständigkeit, die einem Sammler zu erreichen nicht möglich gewesen wäre, wenn er sich auf Originalhandschriften versteift hätte. Was im 17. und 18. Jahrhundert an hebräischen Handschriften in die Bibliothek gekommen ist, vermag ich im einzelnen nicht zu sagen. Manches, darunter vielleicht die später zu besprechende Schöne Osterhagade, wird mit der Mannheimer Bibliothek den Weg nach München gefunden haben. Sicher ist, daß die Klosteraufhebung zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der unsere Bibliothek ihren unvergleichlichen Reichtum an lateinischen Handschriften verdankt, unsere hebräischen Codices nur um wenige Stücke, darunter allerdings um eines allerersten Ranges, vermehrt hat. Aus Ebersberg kamen zwei Handschriften biblischen und liturgischen Inhalts, cod. 400 und 401, von denen eine auf Böschenstein zurückgeht, der uns noch später begegnen wird. Aus St. Emeram in Regensburg kam ein Pentateuch, cod. 382. Das Wichtigste kam aus Polling ■»!'• Tierkreisbild aus dem Machsor cod. hebr. 3 (deutsch, 15. Jahrhundert) Zum erstenmal veröffentlicht bei Weilheim, dessen Augustinerchorherrenstift in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts reges Interesse an orientalischen Studien gezeigt hatte: neben dem unbedeutenden cod. 204 kamen von dort die beiden Bände des schönen Machsor (cod. hebr. 3) aus dem 15. Jahrhundert, von dessen feinem Bilderschmuck die beiden hier wiedergegebenen Tierkreiszeichen eine Probe sind; von dort endlich kam ein Stück, das zu den kostbarsten Besitztümern der Staatsbibliothek überhaupt gehört, ich meine unsern cod. hebr. 95, die vollständige Abschrift des babylonischen Talmud, die, in Nordfrankreich 1342 geschrieben, von dort nach Padua, von Italien nach Schwaben wunderte, im 18. Jahrhundert in Pfersee bei Augsburg in Privatbesitz war, wovon ihr der Name „Pferseehandschrift“ geblieben ist; gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dort ans Kloster Polling verkauft, kam sie von dort durch die Säkularisation 1806 in die Staatsbibliothek. Als wichtigster Talmudhandschrift ist ihr 1912 die Ehre einer vollständigen Lichtdruckreproduktion zu Teil geworden, zunächst um das wichtige Stück in der ganzen Welt benutzbar zu machen, dann aber auch um Form und Inhalt soweit wie möglich zu erhalten, wenn ein Unglück, das uns erspart bleiben möge, je dem unersetzlichen Original den Untergang bringen sollte. Das 19. Jahrhundert hat neben einigen glücklichen Einzelerwerbungen, von denen auch um des Vorbesitzers

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