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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-10-01 · 19 (1.10.1932) · p. Seite 298

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
19 (1.10.1932)
Date
1932-10-01
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 allein nichts zu schaffen. Eine starke jüdische Bevölkerung in Palästina und die Lösung der Bodenfrage bleiben die Grundlagen des Zionismus. Nachum G o 1 d m a n n hält darauf sein Referat über „Das jüdische Volk nach dem Weltkrieg“. Er bespricht die Lage in Ost. Mittel- und Westeuropa und in Amerika. Sie ist überall kritisch. In Rußland leide das Judentum unter dem Kommunismus mehr als anderswo unter dem Antisemitismus. Die Position des deutschen Judentums sei zusammengebrochen, der Glaube an das Heilmittel der Emanzipation überall und für immer verloren. Auch in Amerika besteht ein jüdisches Problem, Antisemitismus und Wirtschaftsnot. Goldmann kommt zum Schluß, daß es keine Lösungsmöglichkeit für die Judenfrage in der Diaspora gibt. Das dritte Referat hält Kurt Blumenfeld über „Die zionistische Aufgabe im heutigen Deutschland“. Er bespricht zunächst die politische Entwicklung in Deutschland und setzt sich mit den modernen Theorien vom „totalen“ Staat (die Berichterstattung der ITA macht daraus einen „brutalen“ Staat) auseinander. „Wir verlangen nicht politische Rechte einer nationalen Minderheit, sondern das Maß.freier Entwicklung, um uns nach eigenem Befinden auszuleben.“ — Der Zionismus wünscht die jüdische Schule, in sonstigen Dingen absolute bürgerliche Gleichberechtigung. Die Juden verdanken große Werte der deutschen Welt und wissen, daß ihre Beziehungen zum Deutschtum nicht allein ein Vertragsverhältnis sei. Auch er kommt zum Schluß, daß es eine endgültige Lösung der Judenfrage nur im Zionismus und in Palästina gibt, zu dem auch der jüdische Liberalismus, den er nicht verloren gibt, aus dem Assimilationsgedanken herauskommen müsse. In der Aussprache, die sich an die Referate anschließt, ergreift u. a. auch Alfons Paquet das Wort. Er spricht in sympathischer Weise von der Bedeutung des geistigen Funkens, der von jeher aus dem Judentum auch für die nicht jüdische Welt hervorleuchtet. Er glaubt, daß die deutschen Intellektuellen, die heute vom Sturme mitgerissen sind, eines Tages zur Besinnung kommen. In der weiteren Diskussion kommen alle Fraktionen zu Wort. Den Standpunkt des Misrachi vertritt Dr. R a b i n, Breslau. Die Misrachisten, besonders die in Palästina, sind auf die zionistische Organisation und ihre Führung sehr schlecht zu sprechen. Sonntag abend sprach Prof. Dr. S. Brodetzky über „Die politische Lage des Zionismus“. Er polemisierte gegen den Revisionismus und tadelt die scharfe Opposition gegen England. Der Aufbau Palästinas sei auch im Interesse der Araber. Darauf entwickelte Dr. Artur R u p p i n in einem längeren Referat seinen Aufbauplan. Die Zahl der Juden in Palästina hat sich seit Ende des Krieges verdreifacht, die Siedlungen, die Ausfuhr usw. haben sich ungeheuer vermehrt. Die jüdischen Siedlungen besitzen alle technischen Einrichtungen der Neuzeit. Auch die Industrie macht große Fortschritte. Eine Enteignung von Arabern war nie geplant, da der Boden nur von Beduinen oder von Pächtern gekauft wurde. 55 000 jüdische Familien hätten in der palästinensischen Landwirtschaft hoch genügend Platz, ohne jemand zu verdrängen. Mit RM. 4000.— kann ein Arbeiter angesiedelt werden und eine bescheidene, aber gesicherte Existenz aufgebaut werden. In den nächsten fünf Jahren kann sich die jüdische Bevölkerung in Palästina um 75 000 jüdische Seelen vermehren. Die einstimmig angenommenen Entschließungen der Tagung sagen der Gefährdung der jüdischen Ehre und der jüdischen Rechte den schärfsten Kampf an. Jeder Nationalismus, der auf der Überzeugung der Minderwertigkeit anderer nationaler Gruppen beruht, wird verworfen. Vom deutschen Staat wird volle Gleichberechtigung der Juden verlangt. Die weiteren Beschlüsse betreffen die Aufbringung von Alija-Geldern, Unterstützung von Haschschara-Schulen und Makkabi-Vereinen. Der Delegiertentag schließt mit den Wahlen ab. Kurt Blumenfeld wird einstimmig zum Vorsitzenden der Zionistisches Vereinigung für Deutschland wiedergewählt. In den Landesvorstand werden Mitglieder aller Fraktionen in dem Maße, wie sie auf dem Delegiertentag vertreten sind, hineingewählt. Mit einer Schlußrede Blumenfelds geht der Delegiertentag zu Ende. Zu den gewählten Vorsitzenden der Frankfurter. Tagung gehörte Herr Bernhard Lustig aus München. In den engeren geschäftsführenden Ausschuß wurde Herr J.-R. Dr. Elias Straus (München) wiedergewählt. Vereine „Schochtim-Verband Bayerns“ Die Herren Kollegen werden hiermit ersucht, die fälligen Mitgliedsbeiträge pro zweites Halbjahr 1932 und die noch zum Teile rückständigen Beiträge für das erste Halbjahr in Höhe von zusammen RM. 8.— auf das Postscheckkonto 36559 (unter J. Lubinski) Amt Nürnberg einzuzahlen. Schweinfurt, den 8. Sept. 1932. Lubinski, Kassier. Erklärung. Vor kurzem ist ein „Fragebogen des Jüdischen Jugendheims“ verteilt worden. Es wird festgestellt, daß dieser Fragebogen weder vom Jugendheim, noch von irgendeiner sonstigen offiziellen Stelle veranlaßt worden ist. München, den 23. September 1932. Arbeitsausschuß des Jüdischen Jugendheim, Heim der Jüdischen Jugend, e. V. Jüdischer Lehrerverein für Bayern Neujahrswunschenthebumgliste 2 Frau Ida Dingfelder (München), Berlinger (Schweinfurt), Kissinger Jos., Kissinger M. (Frankemvinheim), Bierschild (Prischenstadt), Weinstock (Teilheim), Stein (Haßfurt), Neumann (Wertheim), Grünbaum (Oppach), Strauß (Windheim), Frank (Fischach), Berliner (Hörstein), Heß (Miltenberg), Schloß (Aschaffenburg), Wechsler (Alzenau), Bein (Nürnberg). Bücherschau Von Busserl zu Heidegger. Kritik der phänomenologischen Philosophie. Von Julius Kraft, Privatdozent der Philosophie an der Universität Frankfurt a. M. Leipzig (Hans Buske) 1932. 124 Seiten. Preis 5.40 RM. ■Nur wer weiß und miterlebt hat, welche Verheerungen der Freiburger Philosophie-Professor Martin Heidegger in der Erziehung der akademischen Jugend zu einem klaren und einfachen, aber scharfen Denken angerichtet hat, kann die außerordentliche Bedeutung des neuen Buches von Julius Kraft ermessen. Dieses Buch wird, wenn sich der Heideggersche Wortnebel verflüchtigt hat, als eine befreiende Tat von geistesgeschichtlichem Rang erster Ordnung in späterer Zeit gewürdigt werden. Martin Heidegger hat in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ eine Zusammenstellung der aristotelischen Seinserklärung (womit der Fachausdruck Ontologie provisorisch umschrieben sei) mit dem Historismus versucht. Die Elemente, aus denen Heideggers Leistung zusammengesetzt ist, sind leicht in reinerer, klarerer Form in den Werken Diltheys und Simmels (in einer unendlich saubereren und subtileren Sprache) wiederzufinden. Heideggers Modephilosophie mußte unserm gesamten „geistigen“ Nationalsozialismus und Edel-Antisemitismus das verhüllende „ideelle“ Bekleidungsstück liefern, in welchen sich brutalster Nihilismus imponierend und wahrhaft „geistig“ ausnimmt. Diese „Existenzialphilosophie“ ist auch die Grundlegung der neuen, den Rechtsstaat auflösenden Staatstheorien. Deshalb ist Krafts Kritik so wichtig. Heideggers bombastische Umschreibung trivialer Alltagsweisheiten wird nach ihrer doppelten Funktion erkannt: ihnen den Schein philosophischen Tiefsinns und außerdem manchem Leser den metaphysischen Schauer zu verschaffen. Kraft zitiert mit Recht gleich zu Anfang die Warnung Franz Brentanos, des Ahnherrn aller fruchtbaren Gedanken der Phänomenologie: Wer die Erfolge des Neuplatonismus kennt, der weiß, wie wenig der Schluß von der Größe eines philosophischen Anhangs auf die Größe der Philosophie beweist. Der Inhaltdes Buches von Kraft läßt sich für Laien gemeinverständlich so zusammenfassen: Die phänomenologische Schulentwickung hat mit Husserls Aufruf zur Philosophie als strenger Wissenschaft begonnen und mit Heideggers Metaphysik (die sich ausdrücklich von der wissenschaftlichen Philosophie lossagt) geendet. Dieser Umschlag einer wissenschaftlichen Bemühung und Gesamthaltung in ihr erklärtes Gegenteil bliebe ein unlösbares Rätsel, wenn nicht bereits in dem phänomenologischen Grundansatz, der Lehre von

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