Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 293 Jacob Bernays Dem Andenken eines längst Entschlafenen Von Felix Perles Den äußeren Anlaß zur Abfassung dieses Artikels gibt mir eine eben erschienene, Sigmund Freud gewidmete Veröffentlichung,1) die eine empfindliche Lücke der Gelehrtengeschichte ausfüllt. Verbreitet sie doch neues Licht über eine der vielseitigsten und originellsten Köpfe des deutschen Judentums in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der leider —: außerhalb der engsten Fachkreise — in unverdiente Vergessenheit geraten ist. Dazu hat außer der ihm eigenen fast ängstlichen Bescheidenheit sicher auch die Vielseitigkeit seiner geistigen Interessen beigetragen, da es schon bei seinen Lebzeiten nur wenigen vergönnt war, ihm auf allen Gebieten zu folgen. Wenngleich er seinem Hauptfach nach Forscher auf dem Gebiete der klassischen Philologie und Philosophie war, darf man doch ohne Übertreibung sagen, daß ihm nichts Menschliches fremd war. Denn er verband mit der von den Berufensten einmütig anerkannten Autorität auf seinem Gebiet2 eine tiefe, fast bis zum Tode täglich gepflegte Kenntnis des jüdischen Schrifttums (sowohl Bibel als auch Talmud) und eine geradezu universelle Kenntnis der modernen Sprachen und Literaturen. Wenngleich JakobBernays keine unmittelbaren Beziehungen zu München hatte, können wir doch eine Reihe von Verbindungslinien feststellen, die seine Gestalt auch den Lesern der B. I. G. Z. näherbringen. Schon sein Vater, der als einer der ersten deutschen Rabbiner jüdische und allgemeine Bildung zu vermählen suchte, der „Chacha m“ IsaakB.ernaysin Hamburg (starb 1849) hat schon in jungen Jahren sich in München aufgehalten, wo er namentlich dem christlichen Professor Kalb nähertrat. Dann verband ihn enge Freundschaft mit PaulHeyse, der seit 1854 in München lebte und bis 1878 im Briefwechsel mit ihm stand. Die zahlreichen von Fraenkel mitgeteilten Briefe zeigen, wie tiefen Einfluß er auch auf den Dichter Heyse ausgeübt hat. Einer seiner hervorragendsten Schüler in der Breslauer Zeit (1855—1861) war mein Vater, der (nicht nur wissenschaftlich) seines Geistes einen Hauch verspürt hat. Endlich ist auch Jakob Bernays jüngerer Bruder Michael zu nennen, der Professor der Literaturgeschichte an der Münchener Universität 1873 — 1890 war, doch seit seinem Übertritt zum Christentum keinerlei Beziehungen mehr zu ihm hatte. 1 Jacob Bernays. Ein Lebensbild in Briefen, herausgegeben von Michael Fraenkel, Breslau. Verlag von M. u. H. Marcus 1932. 172 S.' 2 Sein Lehrer und Freund F. W. R i t s c h e 1 hat nach dem Zeugnis von Schaarschmidt (S. 14) geäußert, daß er B. für einen viel bedeutenderen Philologen halte als er selbst sei. Bevor auf das neue Werk von Michael Fraenkel eingegangen werden soll, sei auf einige ältere Würdigungen des großen Mannes hingewiesen, von denen die ersten beiden aus der Feder zweier Fachgelehrten flössen, die aber auch auf die schönen, rein menschlichen Züge im Bilde des vorzeitig Abgerufenen eingehen und aus denen darum je eine Stelle hier mitgeteilt sei: Theodor Gomperz3: „Jakob Bernays war strenggläubiger Jude und ein hingebungsvoller Jünger hellenischer Bildung. In dem Mischungsverhältnis dieser zwei Faktoren liegt vorzugsweise das Geheimnis seiner Individualität beschlossen. Dem religiösen Element verblieb die Führung. Die Wechselwirkung der beiden Geistesmächte, ihr Widerstreit und ihre gelegentliche Übereinstimmung standen im Mittelpunkt seiner Interessen. Daneben zog ihn die angeborene dialektische Schärfe zu Aristoteles hin, während der frühgewonnene Einblick in orientalisches Schrifttum seinen Gesichtskreis über die Grenzen der antiken Welt hinaus erweitert und seine Teilnahme an universalhistorischen Bestrebungen geweckt hatte. Aus den Meisterwerken moderner Literaturen sog er reiche Geistesnahrung; am meisten verdankt der Hellenist dem griechischsten unter den Modernen, Goethe, dessen Einwirkung in dem gleichgewobenen Ebenmaß seiner durchsichtigen Perioden nicht minder als in der naturalistischen Ader zu erkennen ist, welche hier und da das Felsgestein seiner theistischen Denkweise durchsetzt hat.“ Hermann Usener bemerkt im Vorwort zu seiner Ausgabe der gesammelten Ausgabe von Jakob Bernays (2 Bde., Berlin 1885): „Er lebte dahin wie ein Weiser des Altertums. Der ebenmäßige Fluß des äußeren Daseins spiegelte sich wieder in einer fast nie gestörten Ruhe und Heiterkeit des Gemüts. Die Treue, mit der er an Glaube und Gesetz seiner Väter festhielt, hatte ihm früh geholfen, auf die Ehren dieser Welt zu verzichten. Er schien keine Forderungen an das Leben zu haben, an das was die Menschen Leben nennen. Er hat sich davon allmählich fast ganz zurückgezogen. Nicht um Einsiedler zu werden: Davor bewahrte ihn seine mitteilsame, liebenswürdige, offene Natur. Sondern um alle Lebenskraft in sich zurückzuwenden und das innere Dasein zu erhöhen. /Das einzige und eigentliche Bedürfnis seines Lebens war, mit den Größten, die gedacht und geschaffen, sich in Berührung zu setzen. Auch wissenschaftliche Tätigkeit hatte für ihn nur soweit Wert und Reiz, als sie diesem Bedürfnis Genüge tat. 3 Beilage zur „Allg. Zeitung“ München 1881 Nr. 308 — 309 CAFE | ipir DER VORNEHME AUFENTHALT IM KONDITOREI 1A I I 1 STADTZENTRUM ■ WEINSTRASSE 4 TÄGL. GEÖFFNET WM VON 8 UHR VORM. ■ BIS 1 UHR NACHTS >