Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 versität ausgewichen werden konnte. Niemals ist das gesamte Deutschland zentral — räumlich oder geistig — regiert worden. Die problematische Fülle und Gegensätzlichkeit der deutschen Dinge hat sich, von alten Zeiten angefangen, bis heute nicht abgeschwächt. Der römischen Kirche und den Theologenschulen des Luthertums und des Calvinismus sind die großen profanen Kräfte an die Seite getreten, welche die Aufklärungsphilosophie auf den Plan gerufen hat. Der Marxismus ist zur dritten Konfession des Reichs geworden. Unsere jüdische Gemeinschaft hat mit manchen anderen das gleiche Recht lebendigen Wirkens im Rahmen der Gesamtheit erlangt. Um so mehr wird es richtig sein, wenn der kritische Beobachter geschichtlicher Vorgänge zu dem Schluß kommt, daß auch die .politischen und sozialen Kämpfe unserer Tage, so wie ehemals die religiösen, nur dann glücklich beendet werden können, wenn man auf allen Seiten erkannt hat, daß keiner den anderen bei lebendigem Leib verschlingen kann. Alle diese Erwägungen, weiche die Grenzen des Möglichen abstecken sollen, können freilich nicht hindern, daß das Bild der Zeit sich ändert. Die Juden werden in dieser veränderten Zeit wieder einmal die heilsame Nötigung erfahren, daß sie zu den „Müttern“ des eigenen Wesens hinabsteigen müssen. Wenn von dort herauf neue Kraft geholt wird, wird es nicht notwendig sein, den falschen Propheten zu folgen, die uns eine „Eigenständigkeit“ verheißen, die nur ein besserer Name für Schutzjudentum ist. Dabei weiß der Kenner jüdischer Geschichte, daß der Name „Schutzjudentum“ ein lucus a non lucendo ist und tatsächlich die ungeschützte Preisgabe an die Willkür der Herrschenden bedeutet. Die Passivität der von mancher Seite empfohlenen „non-cooperation“, welche die Dinge, die verhängt sind, über sich ergehen lassen muß, ist psychologisch um so unmöglicher, je tiefer die Besinnung auf die Wurzeln jüdischer Art zurückgreift. Friede und Gerechtigkeit müssen nach jüdischer Überzeugung ohne alle Einschränkung verwirklicht werden wollen. In einer Zeit, in der solche hohen Güter bedroht sind, wird eine jüdische Gemeinschaft den Mut aufbringen müssen, zu ihnen zu stehen und im Kampf um sie dem wahren Frieden zu dienen. Ein Oespräch mif Alfred Adler über jüdische Erziehungsfragen Der Vertreter des Jüdischen Wochenblattes in Köln hatte bei der achttägigen Veranstaltung des Pädagogisch-psychologischen Instituts in München im August dieses Jahres Gelegenheit mit dem Begründer der Individualpsychologie Dr. Alfred Adler über aktuelle jüdische Erziehungsfragen zu sprechen. Die August-Vorträge von Alfred Adler, Klages und William Stern in den Räumen der Universität München waren auch von den Münchener Juden stark besucht. Das Kölner Jüdische Wochenblatt Nr. 47 vom 16. September 1932 gibt den Inhalt des Münchener Gesprächs mit Adler folgendermaßen wieder: Die Fragen lauteten: 1. Inwieweit kann man von einer spezifisch jüdischen Neurose sprechen? 2. Bringt das jüdische Kind infolge seiner Rassezugehörigkeit besondere Begabungen zu besonderen Leistungen, etwa intellektuellen, mit? Adler glaubt nicht an ein intensiveres personaleinwirkendes Minderwertigkeitsgefühl des Juden als es bei jeder anderen Minderheit (Neger, Polen in Deutschland, Proletarier, Zigeuner u. a.) auch vorhanden ist. Deshalb fallen für ihn auch Lösungen fort, die eine Stärkung, (oder mit dem individualpsychologischen Terminus ausgedrückt: eine Ermutigung) des Juden (jüd. Kindes) gerade auf dem Gebiet fordern, auf dem er seine Niederlage erlitten hatte, nämlich auf dem jüdischen Gebiet, d. h. er lehnt als Therapie eine Intensivierung des jüdischen Bewußtseins ab. Er ist der Meinung, daß die Ermutigung darin bestehe, in dem zu erziehenden jüdischem Kinde das Bewußsein der moralischen und kulturellen Unzulänglichkeit der Umwelt zu schaffen, die zu beheben später auch eine seiner Aufgaben sein soll. Der Antisemitismus sei eine Kulturschande, doch stelle er nur eine der sozialen und kulturellen Mängel dar. Das Primat in jeder Erziehungsarbeit sei der Kulturgemeinschaftsgedanke. Nur, wenn eine jüdische Bewegung sich diesen zur Aufgabe macht, ihn tagtäglich praktisch in die Wirklichkeit umsetzt, ihn quasi lebt, nur dann gesteht Adler ihr eine Existenzberechtigung zu. Den Glauben an eine angeborene Begabung lehnt er von seinem individualpsychologischen Standpunkt aus prinzipiell ab. (Devise: Grundsätzlich kann jeder jedes!) Er gibt zu, daß man in den ersten Schulklassen eine größere Gewecktheit des jüdischen Kindes feststellen kann, doch sei diese nicht auf eine angeborene Veranlagung zurückzuführen, vielmehr auf eine spezifische Milieubeeinflussung. Adler spricht von einer „jüdischen Atmosphäre“ in der jüdischen Familie, in der die Bezogenheit der Eltern zu den Kindern, besonders der Mutter, eine viel innigere und für den geistigen Erwerb weitaus fruchtbarere ist als in der nichtjüdischen Familie. Dies habe natürlich seine historischen Ursachen in der Exklusivität und Resistenz der Juden gegenüber ihrer Umgebung. (Eine üble Erscheinung ist die Verzärtelung; sie ist oft die Ursache einer Neurose, also eine „nichtjüdische“ Ursache.) Im übrigen sind Fähigkeit und Intelligenz das Ergebnis eines dauernden Trainings und stehen mit der Erziehung im Verhältnis einer direkten Proportion: je besser der Trainer (Milieu, Atmosphäre usw.), desto „geweckter“ der Mensch. Der Grad der Intelligenz hinge, wie es auch die experimentelle Psychologie schon seit langem bewiesen hätte, von der ökonomischen und sozialen Schichtung ab, der das betreffende Individuum angehöre. (Doch auch hier nicht unbedingt kausal, sondern als intermediäre Zone zwischen Ursache und Tat steht der Mensch!) — Der Gesichtspunkt des Lebensstandard im weitesten Umfange, also nicht nur des jüdischen Faktors, sei erst eine Gewähr für eine richtige Persönlichkeits- und Intelligenzdiagnose. —