Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 291 mit wird das Schwert gegen den Träger gekehrt, jeder Weg zur Erlösung verschüttet und alle Bahnen der Zerstörung sind frei gegeben. Mag der Nationalsozialismus „Natur“ sein — im Judenpunkt überschreitet er die feine und gefährliche Grenze, die zwischen dem Elementaren und dem Barbarischen gesetzt ist. Die Erwartung Schramms zielt auf das Kommen eines großen sakralen Reichs der Deutschen. Man darf eine solche Erwartung nicht gering achten oder sie als „nationalistisch“ im überkommenen Sinn dieses zum Zentralgötzen unserer Zeit gewordenen Begriffs ansehen. Von dem Mystiker Friedrich Bielscher bis zu dem Wirtschaftspolitiker Giselher Wirsing, der als Sprecher des „Tat“-Kreises die Schrift „Zwischeneuropa und die deutsche Zukunft“ verfaßt hat und so auch bei Schramm umschließt der Gedanke des „Reichs“ den Willen zu einer übervölkischen, föderativen Organisation des innereuropäischen Bereichs vom Rhein bis hinein in den westslawischen Osten, wobei den Deutschen weniger die Rolle des Herrschens als die Aufgabe des Erweckens und Erhaltens zukommen soll. Der Gedanke der Einung der sozialen und nationalen Gruppen, in die das heutige Europa zerklüftet ist, in-einem christlichen Reich des Friedens, ist wert, daß eine hochgestimmte Jugend sich für ihn einsetzt. Um so höher aber das Ziel, um so mehr ist kritische Nüchternheit auf dem Weg zu ihm notwendig. Es besteht die Gefahr, daß imperialistische Unterdrückung fremder Volkstümer nach außen durch Berufung auf ein solches Ziel verdeckt wird und daß nach innen reaktionäre und volksfeindliche Gewalten im angemaßten Namen des Christentums die Macht ergreifen. Die Gefahr, die aus schönem, geistigem Enthusiasmus herkommt, ist um so größer, je mehr man sich dem Mittelpünkt des wirtschaftlichen ijnd politischen Geschehens nähert. Bei seinem Lehrer Rosenstock hätte Schramm nachlesen können, daß man die zu jedem mitteleuropäischen Aufbau notwendige Zustimmung der Tschechen mit Scheiterhaufen für Ketzer nicht erzwingt. In die Problematik der sozialen Spannungen ist er, ebenso, wie alle anderen Literaten des jungen Nationalismus, nicht eingedrungen. Man muß zum Beweis dessen die Sätze auf Seite 91 nachlesen: „Es ist kein Zweifel, daß ein Zusammenschluß der Betriebe und Werke unter wirklichen Führern als lebendige Organismen zu einer Neueinstellung von vielen Arbeitslosen führen könnte. Vernunft, Rücksicht auf die Gesamtheit im engeren und weiteren Sinn — das ist wahre Rationalisierung. Selbstverständlich müßten dann auf der einen Seite die Preisbindungen, auf der anderen die Tarifverträge fallen. Grundsätzlich hat man sich mit den gegebenen Mitteln und auf dem gegebenen Raum einzurichten. Die Parasiten in jedem Wirtschaftsgebiet müßten durch die neuen Standesautoritäten ausgeschaltet, die parasitären Gewinne und die übertriebenen Gehälter beseitigt werden. Ein besser verteilter Gemeingewinn müßte an Stelle des überspannten Einzelgewinnes treten. Es braucht auf allen Gebieten einen organischen Zusammenschluß nach der Mitte: der Wirtschaftsführer muß sich den Arbeitern, dieArbeiter wieder dem Wirtschaftsführer nähern, jeder Betrieb und jedes Werk eine lebendige Arbeits- und Schicksalsgemeinschaft bilden.“ ' Diese Sätze vermitteln den peinlichen Eindruck des Dilettantischen. Wenn man Schramm folgen wollte, wäre das Problem der Arbeitsbeschaffung recht einfach. Den Widerspruch zwischen der ökonomisch-liberalen Forderung nach Aufhebung von Preisbindungen und Tarifverträgen und dem unmittelbar darnach ausgesprochenen Verlangen nach Autarkie, das eine sozialistische Planwirtschaft in sich schließt, bemerkt er gar nicht! So schön wird die Welt auch in einem künftigen Zeitalter nicht sein, daß man im Namen einer hohen Geisteslehre Früchte des Wohlstands da ernten kann, wo man die Gesetze wirtschaftlicher Rationalität mißachtet hat. Auf Seite 56 ff. spricht Schramm von der Stellung der Juden in seinem neuen Zeitalter. Er sieht in der „plakathaften Vereinfachung“ des Kampfes der Nationalsozialisten gegen „das“ Judentum den äußeren Ausdruck seiner Feindschaft gegen die herrschende Groß-Bourgeoisie, mit der er das Judentum überall versippt sieht. Diese Groß-Bourgeoisie war der Träger des Liberalismus. Man kann darüber hinwegsehen, daß die „Vereinfachung“ hier ebenso sehr auf Seiten des Herrn von Schramm zu finden ist. Wesentlich ist, was auf Seite 60 gesagt wird: .. „Es ist aufschlußreich, wie sich das Judentum in den Zeiten des Nationalismus verhält. Soweit es noch immer äußeren Einfluß und persönliche Machtmittel besitzt, schließt es vielfach die Augen und hält noch unentwegt am alten, längst ausgehöhlten Liberalismus fest. Die ihren Naturinstinkten noch nicht entfremdeten Juden haben indessen die neuen Tendenzen bereits erkannt. Sie suchen den Schutz, den früher die Fürsten, dann die bürgerliche Gesellschaft gewährten, heute bereits bei den universal gerichteten Mächten: entweder beim Bolschewismus oder bei der katholischen Kirche. Diese Juden werden bald wieder Schutzbürger sein wie vor der Emanzipation. In den Großstädten, vor allem in Berlin und im protestantischen Norden, werden die Kommunisten den meisten jüdischen Zuzug erhalten, die überhaupt das bourgeoise Erbe anzutreten scheinen, während sich die Juden im konserva- . tiveren Süddeutschland mehr und mehr in den Schutz der katholischen Kirche und ihrer politischen Vertretung begeben werden. Als Avantgarde des Liberalismus und seiner „Ideale“ haben die Juden keine Bedeutung mehr. Ihre Zeit ist vorüber, wie die ihnen günstige Liberalität und die Macht des Geldes inzwischen vorüber ist. Ihre Hoffnungen waren umsonst. Sie werden sich wie in Rußland entweder der Kirche beugen müssen oder als Fremde unter den Völkern leben. Rasse ist nur ein naturalistischem Vorurteil, doch an der Lehre scheiden sich die Geister. Da gibt es keine Freiheit, sondern nur Entscheidung, ob man innerhalb oder außerhalb stehen will. In diesem Sinne hat, analog dem Mittelalter auch Sowjetrußland das sogenannte Judenproblem gelöst. Der Antisemitismus ist eine inferiore Angelegenheit; aber auf einer klaren Scheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen ruht die Ordnung und innere Geschlossenheit der Reiche und der Völker. „Gewissensfreiheit“ gibt es nur außerhalb der Gemeinschaft. Die Kommunisten, zu denen wir uns jetzt wenden werden, wissen das sehr genau und haben immer darnach gehandelt.“ Die in solchen Sätzen bekundete Einstellung zu Juden und Judentum ist eine notwendige Folge der Gesamteinstellung Schramms. Schramm will gewiß kein Judenfeind sein, aber er zeigt gerade deshalb die große Gefahr, die für die jüdische Gemeinschaft heraufziehen würde, wenn seine Vorstellungen die Tatsachen einer kommenden Zeit werden sollten. Eben hierin ist es begründet, daß Schramms „Judentheorie“ nicht von jüdischen, sondern von allgemeinen Gedankengängen her gefaßt werden muß. Dabei ist es gleichgültig, ob das Idealbild, das Schramm von einer künftigen Gesellschaft entrollt, geteilt wird oder nicht. Über Staatsutopien kann nicht gestritten werden. Man müßte das Gespräch zwischen dem Groß-Inquisitor und seinem hohen Gefangenen wiederholen, das Dostojewski erzählt und in dem die Argumente auf beiden Seiten gleich schwer wiegen. Aber Schramm soll sich einmal überlegen, ob es ihm eine Lust wäre, zu leben, wenn die Geister sich nicht mehr regen, im Reiche des Groß-Inquisitors — und ob Aussicht besteht, daß die Völker Europas so leben wollten. Ich meine, daß Schramm die geschichtlichen Kräfte verkennt, aus denen Europa nicht erst seit Ulrich von Hutten geworden ist. Niemals ist im abendländischen Bereich die Kirche Staat oder gar der „totale“ Staat Kirche gewesen. Der Streit zwischen imperium und sacerdotium erfüllt die mittelalterlichen Jahrhunderte. Es beweist den kurzen Atem des Liberalismus, wenn er die Menschenrechte stets einzig und allein auf 1789 gründen will. Man hat den Eindruck, daß Schramm und alle, die ebenso sprechen und schreiben wie er, nicht daran denken, welche Folgen es haben würde, wenn eine einzige Lehre die Herrschaft über den vielfältigen Erdteil an sich reißen wollte. Barbarische Kräfte der Zerstörung würden in einem Krieg aller gegen alle die Oberhand gewinnen. Die „teutsche Libertät“ beruht seit dem Westfälischen Frieden auf dem Umstand, daß dem Satz „cuius regio eins religio“ von Territorium zu Territorium und von Universität zu Uni-