Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 19 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 Radikale Politik Bemerkungen zu einem Buch von Wilhelm von Schramm Von Dr. Werner Cahnmann Das literarische Bild des neuen deutschen Nationalismus ist nicht einheitlich. Hinter den lauten Äußerungen, die aus der demagogischen Massenbewegung des Nationalsozialismus zu uns dringen, steht die „Dritte Front“ der radikalen Intellektuellenschaft, die sich um die Zeitschriften „Die Tat“ von Hans Zehrer und Ferdinand Fried, „Der Ring“ von Heinrich von Gleichen und „Deutsches Volkstum“ von Wilhelm Stapel gruppiert. Ob in dem Gewirr romantischer, reaktionärer und sozialistischer Gefühlsabtönungen innerhalb des Nationalsozialismus eine geistige Grundlinie erkannt werden kann, muß bezweifelt werden. Die allenfalls festzustellenden Elemente sind jedenfalls primitiv genug: Eine Mischung aus der Vulgärökonomie Feders und der dilettierenden Rassenlehre Günthers. Dabei gebührt Günther — trotz allem offiziellen Gerede über die Brechung der Zinsknechtschaft als „stählerne Achse, um die sich alles dreht“ — entschieden der Vorrang. Wenigstens war es bis heute so. Durch ihn und seine, freilich recht ideenlose, Nachfolge von H. St. Chamberlain ist der Nationalsozialismus mit dem Kreis um Richard Wagner und damit mit den inneren Triebkräften der wilhelminischen Epoche verbunden, durch Rosenbergs großen Band über den „Mythos des 20. Jahrhunderts“ mit den literarischen Kräften der jungen Rechten, die überall im Deuschland von heute am Werk sind. In diesem weiteren Zusammenhang bezeichnet Rosenberg den christusfeindlichen, heidnisch-mystischen Flügel, der von altgermanischer Mythologie zu moderner Eugenik die krause Brücke schlägt. Auf der anderen Seite der „Dritten Front“, deren literarische Bemühungen insgesamt von Moeller van den Brucks Schrift „Das dritte Reich“ ihren Ausgang nehmen, stehen die betont evangelischen Christen, die in Luthers Leben und Lehre die Inkarnation deutschen Menschentums sehen wollen. Wilhelm Stapel ist in seiner Schrift „Der christliche Staatsmann“ und in vielen Aufsätzen ihr wirksamer Wortführer. Eine Zurücklenkung vom Christlichen ins Mystische bedeutet das an dieser Stelle (Gemeinde-Ztg. v. 15. Juni 1932, S. 178 f.) besprochene Buch von Friedrich Hielscher, das den bezeichnenden Titel „Das Reich“ führt. In der säkularen Linie des Reichsgedankens von Meister Eckart und Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zu Goethe und Nietzsche, die Hielscher aufzeigen will, ist „Rom“, im Sinne der Ideenführung, die der deutsche Nationalismus seit den Zeiten des Kulturkampfes einhält, der Erbfeind eines von klarer Erfassung seines Grundgedankens freilich weit entfernten „deutschen Christentums“. Gegenüber allen diesen Erscheinungen aus dem „Aufbruch der Nation“ ist der deutsche Katholizismus, der seit dem Ausscheiden Österreichs aus dem Reichsverband geschwächt war, niemals ganz und gar „aus dem Turm“ herausgekommen. Es ist infolgedessen nicht verwunderlich, daß die Kräfte innerhalb des deutschen Katholizismus, die mit den Gedankenrichtungen des neuen deutschen Nationalismus ideengeschichtliche „Gleichzeitigkeit“ aufweisen, der öffentlichen Meinung nicht so, wie sie sollten, aufgefallen sind. Man muß wissen, daß die in Wien erscheinende Zeitschrift „Schönere Zukunft“ seit Jahren versucht, den reichsdeutschen politischen Katholizismus von einer, wie sie meint, zu sehr auf die taktischen Erfordernisse des parlamentarischen Systems eingestellten opportunistischen Haltung abzubringen. Sie will die Katholiken des deutschen Sprachgebietes zurückführen zu den Grundsätzen katholischer Soziologie, die aus der Staatslehre des Heiligen Thomas von Aquino hergeleitet sind, in neueren Zeiten sich an der Person des österreichischen Sozialpolitikers Freiherrn von Vogelsang und des ungarischen Bischofs Prohaska orientiert haben und deren repräsentativste Persönlichkeit in der Gegenwart der Wiener Nationalökonom Othmar Spann ist. Seine „universalistische“ Lehre vom „Wahren Staat“ kann man ebenso oft von katholischen, wie von völkischen und von nationalsozialistischen Schriftstellern zitiert finden. Auf literarischem Boden wirkt in ähnlicher Weise Josef Nadler, der Verfasser der großen „Literaturgeschichte der deutschen Volksstämme und Landschaften“.; Wilhelm von Schramm setzt mit seiner Schrift „R a - dikalePoliti k“, die im Verlag von DunckerundHumb 1 o t erschienen ist und den Untertitel „Die Welt diesseits und jenseits des Bolschewismus“ führt, die so auf gezeigte Linie des katholischen Schrifttums fort, indem er in die Broschürenliteratur der „Dritten Front“ den Fanfarenton der katholisch-politischen Romantik hineinträgt. Daß er im Vorwort sich auf Eugen Rosenstock, einen konvertierten Juden, Verfasser des Werkes „Die Europäischen Revolutionen“ (darüber ausführlich Gemeinde- Ztg. vom 1. Januar 1932, S. 3 ff.) auf den katholischen Staatsrechtslehrer Carl Schmitt und den erwähnten Wiener Soziologen Othmar Spann beruft, macht seine selbstgewählte Einreihung in die gegenwärtige Bewegung klar und deutlich. Schramm gründet seine Anschauungen auf die politischen und sozialen Thesen der deutschen Romantik, besonders auf Novalis, Fichte und Baader, die schon vor 100 Jahren dem liberalen und ökonomistischen Denken des Zeitalters die Kritik einer an dem Idealbild des Mittelalters orientierten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung entgegengestellt haben. Heute, wo alles, was damals zukunftsversprechend erschien, in sich zusammensinkt, — so meint Schramm — muß an Stelle des auflösenden Prinzips der „Freiheit“ das aufbauende Grundgesetz der „Lehre“ treten — eine geschlossene Glaubensmacht, die keine anderen Götter neben sich duldet. Der russische Bolschewismus ist eine solche hierarchisch streng geordnete Macht, wenn auch die negative Macht des Anti-Christ, die gegen alle Ungläubigen und Ketzer notwendigerweise herrschsüchtig und unduldsam sein muß. Aber noch in der Negation des Marxismus-Leninismus der Sowjets ist die geistige Herkunft aus der chrislichen Vorstellung des „1000jährigen Reichs“ und aus den kritischen Ideengängen der deutschen Romantik erkennbar. In der festgefügten und nur von einigen vorwiegend jüdischen Intellektuellen um Trotzki berannten Einheit der sowjet-russischen Anti-Kirche erlebt der Geist des atheistischen Liberalismus seinen Höhepunkt und zugleich seinen Umschlag — eine Gedankenführung, mit der Schramm beweist, daß er von der dialektischen Methode des Marx-Engelsschen Hegelianismus gelernt hat. In diesem Sinn erblickt er in Rußland „das fortgeschrittenste Land der Welt“, während er Frankreich als das „zurückgebliebenste“ ansieht. „Die Welt jenseits des Bolschewismus“, auf die dieser selbst hindeutet, hat ihre Heimat in Deutschland. In Deutschland erwartet Schramm wie Moeller van den Bruck und alle, die ihm gefolgt sind — die Entscheidung in dem Kampf um das neue Gesicht des gesamten Erdkreises. Zu diesem Kampf sind freilich die verschiedenen Parteirichtungen in Deutschland in sehr ungleicher Weise aufgerufen. Der Kommunismus erkennt im Intellekt das Notwendige am schärfsten, aber er ist den Seelenkräften der deutschen Geschichte fern und abhängig von Moskau. Die Sozialdemokratie ist der Erbe des kulturellen Liberalismus und damit für Schramm eine reaktionäre und notwendigerweise abbröckelnde Macht. Seine Sympathie gehört dem politischen Katholizismus als dem besonnenen „Lenker“ und dem Nationalsozialismus als der gärenden, emotionalen Gewalt der deutschen Zukunft. In Hitler und seiner Bewegung melde sich „nach mehr als einem Jahrhundert der Verdrängung und Verbildung die deutsche Natur wieder zum Wort“, aber „der deutsche Geist“ habe dort noch keine Stätte gefunden. Was die judenfeindliche Einstellung des Nationalsozialismus betrifft, so beobachtet Schramm richtig, daß dieser „den Klassenkampf nur rassenmäßig getarnt“ und die „Großbourgeoisie mit dem Judentum identifiziert“ habe, ohne aber für seinen Kampf leitende Ideen gefunden zu haben. Es muß allerdings gesagt werden, daß auch diese Erklärung noch viel zu viel an „leitenden Ideen“ in den Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung hineingeheimnist. Der Nationalsozialismus meint mit dem „Juden“ nicht allein den „Kapitalisten“, sondern auch den „Marxisten“, ja die Verkörperung des Schlechten ohne alle Einschränkung. Von allem, was der Mensch an sich selbst hassen kann, befreit er sich dadurch, daß er es in ein Gegenbild alles Menschlichen transponiert. Da-