Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 18 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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280 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 und Verhandlungen die rückhaltlose Anerkennung des unantastbaren Lebensrechtes des gesetzestreuen Judentums innerhalb der alten Frankfurter Gemeinde. Besonders interessant ist in dem Festheft die Wirksamkeit der drei bedeutenden Rabbiner Marcus Horovitz (gestorben 1910), Nehemias Nobel (gestorben 1922) und des jetzt amtierenden Gemeinderabbiners Jakob Hoffmann zu verfolgen. Interessant auch die Motive der in der Gemeinde verbleibenden Mitglieder der Religionsgesellschaft, namentlich die Haltung des Würzburger Rabbiners S. B. Bamberger, der — der strengsten orthodoxen Richtung angehörend — das Verbleiben im Gemeindeverband für durchaus zulässig erklärte. Die Synagoge am Börneplatz ist das sichtbarste Zeichen dafür, daß die Einheitsgemeinde die Lebensrechte des traditionellen Judentums in Deutschland nicht antastet, sondern im Gegenteil stärkt und befestigt. Vereine Jüdischer Schachklub „Lasker“ Am Montag, 12. September abends ^9 Uhr beginnen wieder unsere wöchentlichen Spielabende in den Räumen Herzog- Rudolf-Straße 1/1 Rgb. (Kindergarten). Wir bitten um zahlreiches Erscheinen, denn die Frequenz im September entscheidet über die Weiterführung unseres Spielbetriebes überhaupt. I. A.: Dr. Silber. Büchersdiau Josef Kastein, Uriei da Costa oder die Tragödie der Gesinnung. 340 Seiten mit 12 Kupfertiefdrücken auf Tafeln. Kart. RM. 7.—, Leinenband RM. 8.50. Berlin (Rowohlt) 1932. Kasteins problematische Geschichte der Juden, von der hier wiederholt ausführlich die Rede war, ließ das bedeutendere ältere Werk des gleichen Verfassers über den falschen Messias von Ismir Sabbatai Zewi nicht in Vergessenheit geraten. Das neue, dritte Werk Kasteins über Uriei da Costa bestätigt, daß die Stärke dieses jüdischen Schriftstellers in der Zeichnung merkwürdiger Lebensbilder und Einzelschicksale besteht. Wir müssen uns hier vorläufig mit der Voranzeige des Werkes begnügen. Jedes der zwölf Kapitel ist wieder außerordentlich packend; Diktion und allgemeines Geschichtsurteil haben nichts an blitzender und herausfordernder Zuspitzung verloren. Wieder leidet darunter die eigentliche geschichtliche Wahrheit. Kastein kann nicht unbeteiligt, überlegen, ruhig und objektiv bleiben. Er wird immer wieder von einer Vision vermeintlicher Ähnlichkeit der Situationen geblendet und erliegt oft dieser Gefahr des Historikers, dem nun einmal die Aufgabe gestellt ist, die Eigenbegrifflichkeit und Einmaligkeit einer Konstellation, eines Schnittpunktes geistiger Linien und Schicksale zu finden und der nicht immer wieder zu sich selbst pathetisch zurückkehren darf. Es gibt keine Seite in diesem Buch, die nicht fesselt, aber auch keine, die nicht zum Widerspruch reizt. Denn der bescheidenere echte Historiker muß sich überwinden, sein Ich und seine eigene Gegenwart abzublenden. Und gerade das fällt Kastein nicht ein. Wir wollen später noch ausführlicher auf das hochinteressante Buch zurückkommen. F. Ernst Cassirer, Goethe und die geschichtliche Welt. Berlin (Verlag Bruno Cassirer) 1932. Goethes Wissensdrang und unstillbare Erkenntnislust war zeitlebens der Natur und nicht der Geschichte zugewandt. Die Naturwissenschaften — so erklärt er — sind die einzigen, die uns auf einen sicheren, festen Grund führen. Das Gefühl des ruhigen Vertrauens und der gläubigen Hingabe verläßt Goethe sofort, sobald er den Boden der Geschichte betritt. Er verwirft den Anspruch der Geschichte auf Wissenschaftlichkeit und enthüllt ihn als Trugbild. „Wie wenig enthält auch die ausführlichste Geschichte, gegen das Leben eines Volkes gehalten? Und von dem wenigen, wie weniges ist wahr? Und von dem Wahren, ist irgend etwas über allen Zweifel hinaus?“, so wird Goethe nicht müde den jungen Historiker Heinrich Luden mephistophelisch zu befragen, als dieser ihm bei Antritt seiner Jenenser Professur 1806 seine Aufwartung macht. Wird doch jeder nur das gewahr, was seinen eigenen Vor-Meinungen und Vor-Urteilen entspricht, während die Überschau der Schicksale der Menschheit, der Kulturkreise und der Gesetze, die in der geisig-geschichtlichen Welt waren, nur selten gelingt. „Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleib’ im Dunkeln unerfahren Mag von Tag zu Tage leben!“ Aus der vorzüglichen Analyse Cassirers wird klar, daß Goethe trotz aller Skepsis nicht nur tief von echt-historischem Geist durchdrungen und mit genialem Sinn- und Sachverständnis alles fremde Sein erfaßte, sondern wie reich er an historischen Einzeleinsichten war. Seine poetischen Gestaltungen historischer Stoffe (Goetz, Egmont, Entwürfe zu Caesar, Sokrates, Mahomet) drängen immer wieder zur Lösung des gleichen tragischen Grundproblems: Die heroische Kraft des Willens des Genius wird in der Ausführung gehemmt, die reinste ideellste Absicht durchkreuzt und vereitelt: Abfall von der eigenen Mission beim Eingreifen in die Welt. Auch die höchste religiöse Konzeption wird vom Irdischen „angesteckt“ und „in den gemeinen Staub“ herabgezogen. Fortsetzung Seite 283. Die führenden Mineralquellen Süddeutschlands Goldene Staatsmedaille ✓ K* «r j? J* Prospekte nnd Vertreternachweis durch die Mineralbrunnen A.-G. in Bad Ube'kingen. 4r