Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 18 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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276 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 es die Richtung zur höheren Entwicklung finden läßt. Diese alten Geschichtsquellen in der Bibel, verschüttet unter Legenden und religiösen Spät-Konstruktionen, ermöglichen erst ein Verständnis der wirklichen Hergänge. Das Zweite, was mir eine besondere Schau der israelitischen Geschichte ermöglichte, ist ein zwanzigjähriges Leben in Palästina. Der alte Orient lebt noch im heutigen, und was wir in den alten Büchern lesen, gewinnt unmittelbare Verständlichkeit durch das, was wir in Palästina täglich um uns erleben. Die Gewohnheiten der Nomaden und des Bauern, die Formen von Gespräch und Verhandlung, des Volkes Brauch, Glauben und Aberglauben sind noch die gleichen wie vor 3000 Jahren. Vor allem aber ist das Land das gleiche, mit seinem Klima, seinen Bergen, Ebenen und Flußtälern, seinen Straßen und Siedlungspunkten. Lebendige Anschauung der Örtlichkeit öffnet die Augen für die Ereignisse, die hier abgerollt sind, für geographische Notwendigkeiten und Unmöglichkeiten. Geschichtsschreibung ist kein bloßes Zusammentragen von Tatsachen; daraus kann nur Chronistik erwachsen. Geschichtsschreibung ist die persönliche Vision dessen, der Geschichte schreibt. Seine Arbeit ist am ehesten vergleichbar der konstruktiven Arbeit des Architekten, der aus den Trümmern eines Bauwerks, unter sorgfältiger Sichtung und Wertung der Trümmerstücke, den einstigen Tempel in seiner Ganzheit vor seinem geistigen Auge erstehen läßt und seine Vision für andere aufzeichnet. Es ist ebensosehr eine künstlerische wie eine wissenschaftliche Arbeit. Da es eine objektive Geschichtsschreibung in dem Sinne, wie es eine mathematische oder physikalische Beschreibung von Tatbeständen gibt, schon wegen der irrationalen Natur der geistigen und seelischen Geschichtselemente nicht geben kann, ist es kein Vorwurf gegen eine Geschichtsdarstellung, wenn sie als subjektiv bezeichnet wird. Objektiv glaubt nur der zu sein, der als aufnehmendes Subjekt schwach ist. Höchste dem Menschen erreichbare Objektivität ist: das angeschaute Objekt unter vollständiger und gleichmäßiger Würdigung aller seiner Elemente, durch eine starke Subjektivität hindurchgehen zu lassen. Wer mehr glaubt geben zu können, täuscht sich und die anderen. Alles Vergangene ist tot. Um es wieder zum Leben zu erwecken, muß der Geschichtsschreiber den Geist der fernen Zeit, der aus den Zeugnissen und Überresten ihm entgegentritt, ganz als lebendigen in sich aufnehmen. Seine Darstellung muß den gegebenen Tatsachen gerecht werden, sie einheitlich schauen und zu einem Bilde formen, das durch sein inneres Leben Wahrheit verbürgt — soweit unsere halbblinden Augen Wahrheit zu sehen vermögen. Das will dieses Buch versuchen. Amtseinführung des Aschaffenburger Bezirlcsrabbiners Dr. Frifj Bloch In eindrucksvoller Weise vollzog sich am 28. August in der dicht gefüllten Aschaffenburger Synagoge die feierliche Amtseinführung des neu gewählten Rabbiners Dr. Fritz Bloch aus München, des Nachfolgers von Rabbiner Dr. Breuer, unter Teilnahme des Präsidenten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, der benachbarten Herren Rabbiner, Vertreter der Staatsregierung, der Stadt Aschaffenburg, der Schulen und zahlreicher Gemeindemitglieder aus Stadt und Bezirk. Nach Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden der Gemeinde, Diplom-Ingenieur Freund und durch Herrn Provinzial- Rabbiner Dr. Gradenwitz-Hanau, der das Rabbinat seit dem Heimgang Dr. Breuers vertretungsweise verwaltet hatte, entwarf der Rabbiner der Nachbar-Gemeinde Würzburg Dr. Hanover ein Bild von den richtig verstandenen Aufgaben und Zielen der rabbinischen Tätigkeit im Geiste des überlieferten Judentums. Er schloß mit den Worten des Priestersegens, den er namens der bayerischen Rabbiner-Konferenz dem neuen Kollegen entbot. Sodann ergriff der neu gewählte Rabbiner Dr. Bloch zu seiner feinsinnig durchdachten Antrittsrede das Wort. Er umriß vor allem die charakteristischen Eigenschaften des echten jüdischen Führers: Demut und Ergriffenheit; er sprach von der Verantwortung gegenüber seinen frommen Vorgängern, von dem alten heiligen Judenstolz und von der Aufgabe, stark im eigenen Denken alle Anschauungen zu verstehen und so in Wahrheit geistiger Führer zu werden. * Daran schloß sich die Rede des Präsidenten des Verbandes Bayer. Israelit. Gemeinden, Dr. Alfred Neumeyer, die wir im Wortlaut folgen lassen: Sehr geehrte Festversammlung! Sehr verehrter Herr Doktor! Im Namen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden* der öffentlich-rechtlichen Vertretung der Israeliten ImBayern, bringe ich Ihnen und den Gemeinden des Bezirks die herzlichsten Wünsche dar. Ich erinnere mich mit großer Freude an die Aufnahme, die unser Verband vor drei Jahren in der Gemeinde hier gefunden hat. Dankbar gedenke ich der Ausführungen des allverehrten Oberhauptes dieser Stadt, des Herrn Geheimrat Dr. Matt. Er hat auf die blühende jüdische Gemeinde hingewiesen und hervorgehoben, daß aus ihren Mitgliedern dem Leben der Gemeinde und des Staates wesentliche Kräfte zugegangen seien, er hat uns erzählt, daß in Aschaffenburg und in den umliegenden Orten, soweit unsere historischen Kenntnisse zurückreichen, schon immer Juden angesiedelt gewesen seien. In ausgezeichneter Weise hat der damalige Vorstand der Gemeinde, Herr Alexander Trier, dessen Ableben wir mit tiefem Schmerze beklagen, uns von der Geschichte der Juden in Aschaffenburg berichtet. Eine der merkwürdigsten Gestalten des Mittelalters, Benjamin von Tudela, hat im Jahre 1160 eine Reise unternommen, die ihn dreizehn Jahre lang durch drei Weltteile geführt hat. In seinem Reisetagebuch erzählt er, an welchen Orten er jüdische Gemeinden angetroffen, wer ihre Vorstände gewesen, wie groß ihre Mitgliederzahl und wie beschaffen ihre wirtschaftlichen Verhältnisse waren. Und da nennt er unter den Städten, in denen viele reiche und gelehrte Juden gewohnt haben, neben Regensburg, Bamberg und Würzburg auch Aschaffenburg.. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts lebte dahier der Gelehrte Rabbi Abraham, ein Zeitgenossen des Rabbi Meir aus Rothenburg. In einer Urkunde von 1335 wird die Synagoge erwähnt, die hinter dem Rathaus gelegen war. Nach wechselvollen Schicksalen standen die Juden in Aschaffenburg Ende des 18. Jahrhunderts unter der Herrschaft der kurfürstlich-mainzischen Regierung und unter der Aufsicht des Mainzer Landesrabbiners. Der erste selbständige Rabbiner in Aschaffenburg war Hillel Wolf Sondheimer um das Jahr 1800. Ihm folgten als Distriktsrabbiner