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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-09-15 · 18 (15.9.1932) · p. Seite 275

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
18 (15.9.1932)
Date
1932-09-15
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 275 Das alte Israel bis zum Tode König Salomos Das neue Geschichtswerk von Elias Auerbach „Wüste und gelobtes Land.*' Elias Auerbach, Wüste und Gelobtes Land. Geschichte Israels von den Anfängen bis zum Tode Salomos. Lexikonformat, XII u. 307 Seiten, mit 32 teils farbigen Bildern auf Tafeln, vielen Karten u. Skizzen im Text. Geheftet RM. 14.—, Ganzleinen RM. 16.—, Halbleder RM. 18.—. Berlin, Kurt Wolff Verlag A.G., 1932. In diesen Tagen erscheint im Kurt Wolff-Verlag ein, nach der ersten Durchsicht zu urteilen, ungewöhnlich bedeutsames Werk der jüdischen Geschichte. Darin behandelt der bekannte zionistische Vorkämpfer Dr. Elias Auerbach, der zwanzig Jahre als Arzt in Palästina gelebt hat, der Land und Leute aus eigener Anschauung genauestem kennt, die altisraelitische Geschichte in der geschulten Methode der europäischen Gelehrten und gleichzeitig ausgerüstet mit einem umfassenden jüdischen Wissen und einer ebenso großen, heißen Liebe zu seinem Gegenstand. Ehe wir in einer späteren Nummer eine fachliche Kritik dieses Werkes geben, das als erster Bänd einer Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart gedacht ist, soll das Vorwort des Verfassers seine Absichten zeigen. In diesem Buche soll der Versuch unternommen werden, die Geschichte des alten Israel, die ja nicht nur den Historiker, sondern jeden an geistigen Dingen teilnehmenden Menschen angeht, neu darzustellen. Sein Stoffgebiet ist die Epoche der Bibel, des Buches, das eines der Fundamente aller vom Mittelmeergebiet ausgehenden und über die ganze Erde gewanderten Kultur bildet. Darum wendet sich diese Darstellung nicht an den Fachgelehrten, sondern an jeden Gebildeten aller Völker. Aber sie will nicht im gewöhnlichen Sinne „populär“ sein, will nicht vereinfachen, glätten, auf leichte Formeln bringen, Schwierigkeiten verdecken, die großen Lücken unseres Wissens übertünchen; sie verlangt vom Leser geistige Mitarbeit, Geduld, Bruch mit liebgewordenen Kindervorstellungen, Hineindenken in Ungewohntes. Aufgebaut auf dem gewaltigen wissenschaftlichen Material, das Geschlechter von Forschern in mühsamer Arbeit ans Licht gefördert haben, verzichtet dieses Buch doch bewußt darauf, den Apparat der Gelehrsamkeit hörbar klappern zu lassen. Die altisraelitische Geschichte ist unzählige Male geschrieben worden. Und doch muß sie — das will dieses Buch zeigen — für unsere Zeit von neuem geschrieben werden. Die bisherigen Bearbeitungen rühren, begreiflicherweise, so gut wie alle von Theologen her, und diese gehen naturgemäß meist von dem sie beherrschenden religionsgeschichtlichen Gesichtspunkt aus. Nun ist es gewiß richtig, daß das heute noch so lebendige Interesse an der Geschichte Alt-Israels seinen Hauptgrund in der einzigartigen Bedeutung dieses. Volkes für die religiöse Entwicklung der Menschheit hat, und jede Geschichtsdarstellung wird diesen zentralen Problemen geistigen Werdens einen breiten Raum gewähren müssen. Aber gerade auch das Verständnis dieser Dinge wird eingeengt durch einseitige Beschränkung des Blickes auf das theologische. Denn die Geschichte eines Volkes ist ein verwickelter Ablauf, dessen Strom in gleicher Weise durch geographische, wirtschaftliche, soziale, nationale und seelische Bedingungen bestimmt und gelenkt wird. Es gilt die Geschichte Israels als wirkliche Volksgeschichte in weitestem Umfang neu zu erfassen. Darum wenden wir den Faktoren der Real-Geschichte besondere Aufmerksamkeit zu: der Herkunft aus der Wüste, der Umschichtung im Fruchtland, den geographischen Tatsachen, der militärischen und sozialen Organisation, dem Hineinwachsen in die Lebensformen der Umwelt. Aber ich bin weit entfernt von dem Glauben, daß allein durch das Zusammenwirken dieser „realen“, oder gar allein der wirtschaftlichen Faktoren die Geschichte eines Volkes eindeutig bestimmt ist. Hinter den äußeren Bedingungen, als real im höchsten Sinne, steht die besondere seelische Struktur des Stammes Israel, die geheimnisvolle Genialität dieser Rasse, ,die>alle äußerenJBedingungenweitgehend abwandelt, ja geradezu gegen sie sich durchsetzt. Gerade die Geschichte Israels ist vielleicht der klarste Beweis für die Unzulänglichkeit der „materialistischen Geschichtsauffassung“, indem unter den vielen Völkern, die über den gleichen Schauplatz der Geschichte gewandelt sind und unter dem gleichen Spiel der äußeren Kräfte gelebt haben, nur dieses eine Volk durch Einsatz einer besonderen Volkspersönlichkeit einen besonderen Ablauf der Geschichte erzwungen hat. Aber dieses Besondere der Volkspersönlichkeit Israels wird verzerrt, wenn man es wie bisher gewöhnlich, nur im Religiösen sieht. Wie wenige Gebildete wissen, daß in Israel zuerst der Begriff „Geschichte“ und das geschichtliche Denken auftaucht, daß in diesem Volk sich die Geburt der Geschichtsschreibung vollzieht! Kaum einer erkennt die ungeheure Tragweite der Tatsache, daß hier die älteste Buchstabenschrift ihre erste Stätte gefunden hat! Und endlich: wie die Hellenen das klassische Volk der bildenden Kirnst geworden sind, so sind die Israeliten das klassische Volk der erzählenden Kunst, und diese Gabe ist es vor allem, die dem Buch der Bücher auch für seinen Inhalt Weltgeltung verschafft hat. Daher muß die Geschichte Israels, um sa verstanden zu werden, wie unsere Zeit Geschichte versteht, in einem gewissen Umfang säkularisiert werden, sie muß nicht nur als „heilige Geschichte“, sondern als die Geschichte eines hochbegabten Volkes geschaut werden. Zwei Dinge haben mir die Möglichkeit einer solchen neuen Schau erleichtert. Das eine ist die grundlegende Erkenntnis von Art und Aufbau der älteren biblischen Geschichtsquellen, die Erkenntnis vor allem, daß uns hier in weit größerem Ausmaß, als bis jetzt geglaubt wurde, wirkliche Geschichtsquellen erster Ordnung und hohen Alters vorliegen. Die Quellen sind, obwohl durchweht von tiefer Religiosität, nicht religiöser sondern profangeschichtlicher Art. Sie geben das Leben selbst wieder als dramatisch bewegte Handlung handelnder Menschen, die durch alle natürlichen Kräfte in Bewegung gesetzt werden, auch-durch Hunger, Machtgier, Haß, Sinnlichkeit. Nur fern im Hintergründe des menschlichen Spiels steht die richtende Macht, die das Böse richtet, indem sie es sich selbst zerstören läßt, die das Gute richtet, indem sie

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