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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-09-15 · 18 (15.9.1932) · p. Seite 274

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
18 (15.9.1932)
Date
1932-09-15
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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2?4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 peinlich richtenden Wägens (eben als Elohim) beginnt Gott seine Richtertätigkeit, zur Stunde aber, da Israel den Scholar zur Hand nimmt, erhebt er sich vom Stuhl der Strenge und läßt sich auf dem Stuhl der Milde nieder. (Waj. v. 29). Dem bußbereiten Adam setzt Gott das Strafmaß herab und spricht zu ihm: Das soll ein Zeichen sein für deine Kinder. Wie du heute vor mir im Gericht standest und in Gnaden dich entferntest, so sollen an diesem Tage deine Kinder vor mir im Gericht stehen und in Gnaden entlassen werden (ib). An Rosch-Haschono ward Kajin zum Brudermörder. Da das Urteil ewiger Ruhelosigkeit über ihn erging, bekannte er seine Schuld und erreichte, daß seine Strafe ermäßigt wurde. Denn also heißt es: er wohnte im Lande Nod. „Wenn ich ihm nicht verzeihen würde“, meint Gott „würde vor allen Bußfertigen die Tür zugeschlagen sein“. (Jalk. 59). Dem erleichterten Herzens Davonschreitenden begegnet Adam und befragt ihn über den Ausfall des Gerichts. „Ich habe Buße getan, mich entlastet und bin mit Gott ins Reine gekommen“ bemerkt Kajin. „ Ist so groß die Kraft der Buße?“ meint der Vater, und birgt das Gesicht in den Händen. Dann wallt sein Herz über vor Freude und er dichtet den Sabbatpsalm: „Gut ist‘s, dem Ewigen zu bekennen“. (Wäj. r. 29. Jalk. 839). Alles hängt von der Buße ab. Die Gewalt und Korrektionskraft der Buße ist in den Worten des Midrasch ausgedrückt: Sieben Dinge sind vor der Welt geschaffen worden, Himmelsthron, Heiligtum, Thora und Paradies, Buße, Gehinna und der Name des Messias (b. Ned. 39). Das heißt nicht anders als daß das sittliche Reich mitsamt seinen Weisungen und Werkmitteln, seinen Beglückungen und Bedrohlichkeiten vor allem Stoffgestalteten da war und diesem als sein Zweck und Sinn zugrundeliegt. Thora und Buße, die in dieser Reihe auftreten, entsprechen sich im gewissen Sinn. Die Buße ist das subjektive Korrelat zur Thora, dem objektiven Erziehungsweg. Vermöge der in ihr .zum Ausdruck gelangenden seeleneigenen Potenzen, die das sittliche Richtungsgefühl umlagernden Erlebnisse und Erschütterungen wird ja ebensowohl erst der sich selbst überlassene Weg des Menschen als Irrweg, als Ver-gehen, erkannt, wird Sünde als Sünde erst offenbar gemacht, als der in der Thora gewiesene Weg Gottes als der richtige Weg legitimiert und verherrlicht. Der Scholar Der nächste Sinn des Lärmblasens ist Huldigung. Gott weilt ja heute bei seinem Volke als der die Heerschaaren musternde König. Die Hörner künden das jubelnde Signal der erschienenen Königsmacht. „Sie schmetterten mit den Trompeten beim Aufbruch des Zeltes wegen der Freude, die sie an ihrem König hatten“ (Sip. zu 4. B. Mos. 23ai). Die sündenbewußte Seele vernimmt allerdings mehr das Leidvolle, Klagende im Ton. Da erhebt sich das Bild der Sara,' deren Tod die Bibel unmittelbar den Vorgängen um Isaks Opferung folgen läßt. Als Abraham von Moriah kam, fand er Sara im Sterben. Des Satans lügenhafte, aufregende Schilderungen hatten ihre Seele mit tödlichem Entsetzen erfüllt. Sechs Wehlaute stieß Sara aus entsprechend den 6 Schofarstößen (Waj. r. 20). Dreimal entstürzt der Tränenquell ihren Augen, drei Seufzer entringen sich ihrer Brust entsprechend den drei Stößen und den dreifach gebrochenen Schofartönen (P. R. El. 32). Warum schließt sich der Bericht vom Hinscheiden der Sara an den Bericht von Isaks Opferung? Das will heißen: Als Abraham heimkehrte, fand er Sara tot infolge der Ränke des Widersachers. Darum bläst man am Rosch- Haschono ein Lärmblasen, damit der Tod der Sara eine Entsühnung sei, denn Teruo bedeutet Stöhnen und Jammern (P. R. El. 20). So schmerzvoll auch der Klang ist, als ob alles Judenleid darin gesammelt wäre, so verhütet doch seine Flüchtigkeit Hoffnungslosigkeit. Denn wie der Ton durch das Horn hindurchflieht von einem zum andern Ende, so hält Gott nicht die Anklagen des Klägers fest. Sie ziehen von Ohr zu Ohr hindurch, sofern nur Israel seine Tatgesinnung von Grund auf ändert (Jalk. Til. 831). Der Scholar deutet in jeder Weise auf Wechsel und Wende, allein der Name, der an das aramäische Wort für „Schönheit“ erinnert. „Macht ihr eure Taten schön“, spricht Gott, „so richte ich meine Weise nach der des Schofars, dessen Ton zu einem Ende hineingeht und am anderen Ende ausschwingt (Waj. r. 29). Mit dieser urnwendung, die der Scholar an den Menschen und an Gott bewirkt, vollzieht sich eine Wandlung an ihm selbst, an seinem Symbolgehalt. War er bis zum Brennpunkt der Krise der strenge Sündenherold und Leidverkünder, so wird er nun geradezu zum Symbol der Hilfe und Erlösung, daß, wer ihn im Traume schaut, auf Hilfe rechnen kann (b. Ber. 54. Jalk. 436). Überall, wo in den „Schriften“ Scholar vorkommt, bedeutet es ein gutes Zeichen für Israel (Mech. Jithro 4, Jalk. Til. 754). Die Enderlösung In seiner letzten Tiefe jedoch erfüllt sich die Erlösungsbedeutung des Schofars am Horizont der Geschichte, da die Menschenseele aus dem Leidgeflecht von Irrung, Sünde und Gewalt endgültig herausgehoben wird. Denn „jener Tag“, an dem in die große Posaune gestoßen wird (Jes. 27ia), ist kein anderer als der erste Tischri (b. Rosch hasch 10. Jalk 436). Diese abschließende Wandlung zur Freiheit verknüpft sich abermals mit jener Großtat der Liebe, durch die Anspruch der Erlösung für Israel gewonnen wurde. Ein Widder, aus dem Dorngebüsch hervorspringend, war das bestätigende Zeichen des höchsten göttlichen Wohlgefallens und Vertrauens. Die Erscheinung des Widders beendigte den schmerzvollen Prozeß des göttlichen Erkundens und Erprobens und des menschlichen Nachgehens und Erweisens. Im Scheitelpunkt des Geschehens besitzt er mit Recht die Aufmerksamkeit des Midrasch. Wie Gestrüpp das Tier festhält, so ist Israel fortgesetzt gehemmt und umstrickt von Not und Sünde. Endlich wird es in ferner Zeit, wenn der Strom der Geschichte zur Ruhe kommt (so achar 1. B. M. 27i» „nach allen Geschehnissen“), durch die Hörner des Widders erlöst. (Waj. r. 29). R. Channina ben Dosa sagt: Von dem Widder, den Abraham statt seines Sohnes Isaak darbrachte, ging kein Teil verloren. Die Sehnen bildeten die zehn Saiten der Davidsharfe, sein Fell diente Elia als Lendenschurz, sein linkes Horn bildete den Scholar, der am Sinai erklang, das rechte bleibt aufbewahrt für die Enderlösung (P. R. El. 32, Jalk 324, 436).

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