Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 17 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 „kann man sagen, daß erst nach der Durchführung dieses Planes der letzte Rest von Ghetto ausgemerzt und überwunden sein wird.“ Religion bleibt „Privatsache“. „Wir verlangen, daß Religion aufhören muß, amtlich den Begriff des Juden, der Idee nach den Inbegriff des jüdischen Volkes zu bilden.“ „Auf religiösem Gebiet ist der Bund für Neues Judentum von der Unnahbarkeit des Ewigen überzeugt und verweist auf die selbstgeschaffene sittliche Ordnung der Menschen. Dementsprechend fordert er Befreiung von allen zu Äußerlichkeit erstarrten Riten. Die Synagoge soll im höchsten Sinne zur Schule werden, der Gottesdienst in der Darheiligung edelsten Geistesgutes bestehen.“ „Bleiben sollen die Rabbiner, aber nicht als Zaunhüter eines leeren Gartens, sondern als Berater, Prediger, Tröster und Gelehrte, also als Meister im alten Sinne des Wortes und als Pfähle des Haltes für hoch und gering. Bleiben soll endlich auch die Synagoge, aber nicht als Kerzengruft der Thorarollen, sondern als schlichte, lebendige Stätte seelischer Gemeinschaft, als Bühne und Schule erlesenen Geistes, von der herab nicht nur das Wort des Geistlichen im eigentlichen Sinn, sondern alle ausgewählt schöpferischen jüdischen Kräfte künftig ihr Bestes geben.“ Die Abgrenzung dieses „Neuen Bundes“ gegen die Grundsätze des Zentralvereins ist ohne weiteres deutlich. Aber warum bei solcher Verwandtschaft der Voraussetzungen nicht einfach „Zionismus“? Lieblich antwortet: „Deshalb, weil der wirkliche Zionismus die Einwanderung nach Palästina braucht, während wir hier in deutscher, französischer, amerikanischer Erde heimatlich verwurzelt sind.“ Gerade die „Welthingabe“ sei jüdisches Lebenselement, während der Zionismus die jüdische „Volkheit“ zum Zwerg verkrüppeln läßt und ihrer Auserwähltheit beraubt. Vielleicht noch deutlicher als im ersten Teil der Programmentwicklung der „jungjüdischen Bewegung“ wird in dem zweiten Teil der neuen Schrift Lieblichs klar, worum es sich hier handelt. In diesem zweiten Teil richtet der Verfasser die „Öffentliche Frage“ an Adolf Hitler: „Was geschieht mit den Juden?“ Er klärt uns und den Adressaten über Folgendes auf: Die „jungjüdische Bewegung“ wurde Ende 1930 von sieben Menschen ins Leben gerufen und umfaßt heute (zweite Hälfte 1932) noch kaum dreißig erklärte Mitglieder. Allerdings zählen Männer wie Simon Dubnow, der Verfasser der Jüdischen Weltgeschichte, und Germain-Levy, der Pariser Rabbiner und Führer des freisinnigen französischen Judentums zu ihr. Und dann wird Hitler wie folgt angesprochen: „Sie selbst beurteilen die Sache, die mit dieser Schrift im politischen Kampfring erscheint, nicht nach der geringen Zahl ihrer Jünger, dessen bin ich sicher. Haben Sie doch selbst erlebt, daß Heilsgrundsätze erst dann Aussicht erlangen, aufgegriffen und verbreitet zu werden, wenn die bisherigen Scheingüter im unbarmherzigen Licht ihrer Mißwirtschaft, in der Not des Alltags ihre Tünche verlieren.“ Es folgt eine Charakterisierung der westeuropäischen, besonders der deutschen Judenheit und ihrer Richtungen: die Strömungen des „liberalen“ Judentums, also des Zentralvereins, und die des Zionismus seien Flucht vor der Wirklichkeit, beide aus einem Minderwertigkeitsgefühl erwachsen. Vor allem distanziert sich der Verfasser aufs schärfste vom Zionismus, dem „Heimstätten-Verein“ mit seiner enttäuschten und wirklichkeitsfremden Traumhoffnung des Eigenlandes. Der einzige Ausweg im Sinne des Befreiungskampfes der nationalsozialistischen Bewegung und gleichzeitig der Erneuerung der jüdischen Volkheit sei die „kulturelle Autonomie“, die „Eigenständigkeit des jüdischen Volksteils unter Aufrechterhaltung seiner Staatsbürgerschaft“. Erstaunlich die Schlußsätze dieses offenen Briefes an Hitler: „Dies ist in rohem Umriß die Neugestaltung der deutsch-jüdischen Beziehung, von der ich mir für beide Teile eine segensreiche Weiterentwicklung verspreche. Deshalb hielt ich es für meine Pflicht, meine Vorschläge zur Kenntnis der deutschen Öffentlichkeit und im besonderen zu Ihrer Kenntnis zu bringen, mag ihre Aufnahme im allgemeinen, im Bereich des Hakenkreuzes und bei meinen Volksgenossen sein wie sie will. Sie selbst haben sich ebenso fraglos in den Dienst Ihrer Schicksalsaufgabe gestellt, und daraus schöpfe ich die Hoffnung, daß mein Vorgehen, wenn überhaupt, so bei Ihnen Verständnis findet. Nur von Ihrer Seite auch kann ich mir eine ernstliche und innerlich beteiligte Förderung meines Gedankens vorstellen, da Sie es unternommen haben, Neues und von Grund auf Erneuerndes zu versuchen. So lege ich denn diese Schrift und die Beantwortung ihrer Frage mit Vertrauen in Ihre Hand e." Die letzten Sätze muß man zweimal lesen, um seine Fassung wiederzugewinnen, auch wenn man starke Proben — von jüdischem Optimismus gewohnt ist. Die Frage der „Kultur-Autonomie“ für die deutschen Juden wäre rasch erledigt: der eindeutige Wille der weitaus überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden aller, auch der zionistischen Richtungen, steht dem Gedanken entgegen. Außerdem beruht diese Forderung auf zwar sehr populären Tagesstimmungen und auf Pseudo-Einsichten vom Ende der heutigen Gesellschaftsstruktur und freien Verkehrswirtschaft, vom organisch gegliederten Ständestaat und was uns sonst täglich in der „Tat“, im „Deutschen Volkstum“ und in unzähligen ähnlichen modischen Organen vorgesetzt wird. In der realen Situation und Bereitschaft der deutschen und europäischen Juden hat die Forderung der Kulturautonomie keinerlei Grundlagen: viel zu weit ist die Integration dieser Juden innerhalb der verschiedenen Nationalitäten, mit denen sie Zusammenleben, vorgeschritten, zu fest sind sie mit Sprache und Kultur ihrer Länder verwachsen. Dagegen möchten wir zu den vertrauensvollen Fragen an Hitler keine Stellung nehmen. Über Geschmacksfragen läßt sich nicht streiten. Der allergrößte Teil der deutschen Juden, denen Lieblich Selbstbewußtsein und den Mut, „sich zu stellen“, abspricht, setzt in ganz andere Kräfte und Mächte Vertrauen als sie von Hitler vertreten werden. Wir halten die in großer Aufmachung soeben an die Öffentlichkeit gelangten Gedanken von