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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-09-01 · 17 (1.9.1932) · p. Seite 263

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
17 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 263 beiden amerikanischen Gelehrten haben sie alle gesammelt und sich jahrelang darum bemüht, aus diesen Handschriften den ursprünglichen Wortlaut des Werkes wiederherzustellen. Der erste Band umfaßt die Scholien vom 1. Buch Moses bis zum 2. Buch Samuels. Sprengling und Graham haben es für das Beste gehalten, je auf einer Seite eine photographische Wiedergabe der Florentiner Handschrift zu bieten und auf der Gegenseite dazu eine Übersetzung und die nötigen Bemerkungen zu bieten. Man ist so in die angenehme Lage versetzt, daß man die Handschrift vor Augen hat und sich seine Gedanken darüber machen kann, ob man den Herausgebern zustimmen will oder nicht. Was sind Scholien und welches ist der Wert ihrer Veröffentlichung? So fragt man mit Recht. Barhebräus fährt in seinem Buche dem Wortlaut der syrischen Bibel nach und macht dazu seine Bemerkungen, indem er bald mitteilt, daß die griechische Übersetzung hier abweiche, bald eine Reihe von verschiedeenn,zu seinen Zeiten gangbaren und beachteten Auslegungen bietet. So erfährt man einerseits zur theologischen Geistesgeschichte allerlei, was das Verständnis der dogmatischen und kirchenpolitischen Verhältnisse erhellen kann, auf der andern Seite wird Stoff zur Feststellung der ursprünglichen Form der wichtigen syrischen Bibelübersetzung dargeboten. Denn dies ist das letzte Ziel der beiden Amerikaner; ihnen schwebt die seit Jahrhunderten schwebende, nie befriedigend gelöste Aufgabe vor, einen wissenschaftlich brauchbaren Text der syrischen Bibel herzustellen. Möge ihre Kraft reichen, dieses hohe Ziel zu erlangen! So reiht sich diese Forschung ein in einen großen Zusammenhang. Seit Jahrzehnten ist man daran, den Text der verschiedenen Bibeltexte durch theologisch-philologische Bearbeitung sicher zu stellen. Vielleicht ist auf dem Gebiete des hebräischen Alten Testamentes darin ein gewisser, freilich nicht allzu umfassender, Abschluß erreicht. Für das griechische Alte Testament ist wenigstens der Stoff gesammelt, aber die eigentliche Septuagintaforschung ist noch zu leisten. Für das griechische Neue Testament ist wohl der ganze Stoff jetzt gesammelt, seine Bearbeitung ist noch im Gange. Die lateinische Bibel, welche als Vulgata die Grundlage des Katholizismus bildet, ist seit langem unter der Arbeit von Benediktinern, die 1926 einen ersten Band vorlegten, der trotz aller Sorgfalt nicht ungeteilten Beifall finden konnte, weil die zaghafte kritische Arbeit, die hier getan wurde, wohl kaum zum Ziele führt. Sind erst einmal diese vier Texte, der hebräische, der griechische, der lateinische und der syrische, wissenschaftlich abschließend durchgearbeitet, dann wird man über manches mit größerer Sicherheit urteilen können, was jetzt notwendig noch in der Schwebe bleiben muß. Daß amerikanische Tätigkeit hier an einem wichtigen Punkte nicht nur sachkundig eingesetzt, sondern auch zu Ergebnissen gelangt ist, die dieser Forschung alle Ehre machen, erfüllt uns mit Freude. Die Forderung der jüdischen „Eigenständigkeit" und Kulturautonomie Karl Lieblich, Was geschieht mit den Juden? öffentliche Frage an Adolf Hitler. 1932. Im Zonen- Verlag zu Stuttgart. Vor kurzem (Gemeinde-Zeitung Nr. 11 vom 1. Juni 1932; S. 169 f.) waren hier gegen die energisch erhobene Forderung des badischen Amtsgerichtsrates Hugo Marx nach Beseitigung der formalen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der deutschen Juden Einwendungen gemacht. Die Juden müßten nach Marx die Rechte nationaler Minderheiten beanspruchen; das sei heute die wahre Forderung nach Gleichberechtigung in einer den sozialen Denkformen unserer Zeit angepaßten Gestalt, von der ihr Urheber glaubt, daß sie auf einem höheren Niveau liegt und die Gewähr für höhere Sicherheit bietet als die Gleichberechtigung wie sie bisher gefordert wurde. Wir haben damals die Frage der jüdischen „Kultur-Autonomie^* als moderner Form der Eingliederung der Juden in den deutschen Staat grundsätzlich behandelt. Hugo Marx hatte sich die neue Theorie des heute führenden Staatsrechtslehrers Carl Schmitt von der Wendung zum „totalen Staat“ zu eigen gemacht und der Zeitneigung folgend den politischen Liberalimus für endgültig tot erklärt. Es ist bezeichnend, daß jetzt ein junger süddeutscher Jude, Karl Lieblich, der sich als Erzähler und als Sprecher für die junge jüdische Generation (in der Schrift „Wir Jungen Juden“) einen Namen gemacht hat, eine ähnliche Forderung wie Hugo Marx, der süddeutsche jüdische Richter, erhebt. In einer mit viel Elan, in einer angenehm direkten Sprache ohne Spur von Amts- und Zeitungsdeutsch vorgetragenen Rede wirbt der Verfasser für einen „Bund für Neues Judentum“, der nichts Geringeres will als „die Schaffung eines jüdischen Weltvolkes“. Nach Einbuße der religiösen Gemeinschaft tut Volkswerdung not: Die Religionsgemeinden werden in Volksgemeinden umgewandelt, unter Wahrung ihrer Selbständigkeit nach innen wie ihrer bisherigen staatlichen Mitgliedschaft, also ihrer öffentlich-rechtlichen Eigenschaft nach außen. Der einzelne Jude bleibt nach wie vor durch seine Staatsbürgerschaft verpflichtet und berechtigt. Die Volksgemeinden schließen sich in jedem Land zu einem Volksverband zusammen, die Volksverbände bilden das jüdische Weltvolk. Die bisherigen Organe, Gemeinden, Verbände bleiben, werden aber aus religiösen zu völkischen Gebilden mit dem „obersten Volksrat“, der bisherigen Jewish Agency. Die politischen Folgerungen einer solchen Umwandlung sieht der Verfasser in einem erhöhten und absolut gesicherten Schutz der „Weltminderheit“; statt im Fall von Gefahren für eine landsmannschaftliche Judenheit, etwa für die rumänischen Juden, das „Weltgewissen“ anzurufen, sind die Juden nun als jüdische Weltminderheit, als „interterritoriale Nation“ vertraglich garantiert und geschützt; unsere heutige bürgerliche Einzelstellung wird nicht berührt, ja auf diese Weise gestärkt. „Ohne zu übertreiben“, meint der Verfasser,

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