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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-09-01 · 17 (1.9.1932) · p. Seite 262

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
17 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
Seite 262 (sequence 6)
Language
German
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262 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 17 brecht Erich Günther, der in seinen eigenen schön klingenden juristisch-theologischen Deklamationen tief verstrikt ist. — Der Gesamteindruck der dreizehn Abhandlungen zur Judenfrage im Augustheft der „Europäischen Revue“ ist ein positiver. Nicht daß das Problem dadurch entwirrt wird. Aber die Positionen, die weniger Erkenntnisse als Versuche der Existenzbehauptung oder Abneigungen sind, werden allmählich geklärt, gerinnen zu Tatsachen, die man hinnehmen muß und von denen man sich frei und unbekümmert zu neuen wirklich schöpferisch geistigen Taten wenden darf. F. Ein neues Grundwerlc zur Erforschung des ursprünglichen Bibeltexfes Scholien des Barhebräus Von Professor Ludwig Köhler, o. Professor für Altes Testament an der Universität Zürich Vorbemerkung der Schriftleitung: Wer heute Einblick hat in die zwar stille, Gottseidank höchst unpopuläre und doch gewaltige Arbeit, die zur Vorbereitung der einwandfreien hebräischen, syrischen, griechischen und lateinischen Bibeltexte am Werke ist, weiß zuversichtlich, daß als Ergebnis einer methodischen Text- und Handschriftenvergleichung mehr für die Erfassung des ursprünglichen Wortlautes der alttestamentlichen Urkunden herauskommt als durch die literarkritische Quellenscheidung, die am Ende ihrer Weisheit ist. Neben der Septuaginta- und Vulgataforschung hat der syrische Text des Alten Testaments besonderen Anspruch auf Beachtung. Aus der Abweichung der syrischen Bibel vom Wortlaut des hebräischen und griechischen Textes sind höchst wichtige Folgerungen für den Urtext zu ziehen. Der amerikanischen Forschung gebührt das Verdienst, hier in neuester Zeit bahnbrechende Arbeit geleistet zu haben. Der gemeinverständliche Bericht des berühmten Alttestamentlers Professor Ludwig Köhler darüber in einer der letzten Nummern der „Neuen Züricher Zeitung“, den wir im Folgenden abdrucken, soll die jüdische Aufmerksamkeit auf diese Fragen lenken. Zwei amerikanische Freunde, Martin Spreng- 1 i n g, von deutschlutherischer Herkunft, und William Crighton Graham, ursprünglich Canadier, beide Professoren an der Universität von Chicago, legen mir einen stattlichen Quartband „Barhebraeus* Scholia on the Old Testament, Part I (The University of Chicago Press, Chicago, Illinois) auf den Tisch und erinnern mich so auf die freundlichste Weise an die schöne Zeit, die ich vor vier Jahren als Gastprofessor an der Chicagoer Universität zubrachte. Der Tatkraft der Ägyptologen James H. Breasted vor allem ist das große Oriental Institute zu verdanken, wor wir, Hebräisten, Arabisten, Syrologen, Ägyptologen und Assyriologen, alle unter einem Dach, ein jeder mit eigenem großen Arbeitszimmer und fast vollständiger Handbibliothek ausgestattet, dazu über ein kleines aber erlesenes ägyptologisches und assyriologisches Museum bei Tag und bei Nacht unbeschränkt verfügend, fröhlich und in wetteiferndem Austausch zusammenarbeiteten. Die beiden saßen damals fleißig über der Vorbereitung des Bandes, den sie jetzt in die Welt hinausgesandt, und wir andern sahen sie über Schwierigkeiten seufzen, über Fortschritte sich freuen. Barhebräus heißt eigentlich Johannes, so steht es auch auf seinem Grabstein; als er Bischof wurde, nahm er den Namen Gregor an; in der Literatur heißt er auch Abulfaradsch. Entweder sein Vater, der Arzt Aharon, oder schon dessen Vorfahren sind vom Judentum zum Christentum übergetreten. Dieser Übertritt trug dem Sohn den Übernamen Barhebräus, der Sohn des Hebräers, ein. Er ist 1226 in der kappadozischen Stadt Melitene geboren; seine Muttersprache war das Syrische, doch lernte er früh das Arabische und auch die Anfänge des Griechischen. Vor den Tataren flüchtete er 1244 mit dem Vater nach Antiochien, wo er sich dem Mönchsleben zuwandte. Dann studierte er Medizin und Rhetorik. Doch wurde er schon zwei Jahre später zum Bischof berufen, stieg dann rasch weiter auf der kirchlichen Stufenleiter, wurde Maphrian, d. h. Inhaber der höchsten geistlichen Gerichtsbarkeit, über die Nestorianer von Chaldäa, Assyrien und Mesopotamien und starb am 30. Juli 1286 in Adharbeidschan. Seine Leiche wurde in einem Kloster bei Mosul beigesetzt. Wir kennen sein Leben aus seinen eigenen Angaben in seinen Schriften. Um dieser Schriften willen ist er noch heute mit Recht berühmt, wenn sie sich auch nicht durch eigenen Wert, sondern vielmehr durch eine Fülle von übermitteltem Stoff auszeichnen, der ohne sie verloren wäre. Sie sind sehr zahlreich; sie umfassen auch eine große Breite der Gebiete, denn Philosophie, Theologie, Medizin, Mathematik, Astronomie, Geschichte und die Grammatik der syrischen Sprache, dieser großen Kulturgutmittlerin, sind darin fast gleichmäßig bedacht. Zum Teil sind sie arabisch, in der Mehrheit aber syrisch verfaßt, so daß Barhebräus am Ende der syrischen Literatur den letzten großen Gipfel des Schriftstellertums darstellt. Unter seinen Büchern fehlt eigentümlicherweise auch eines nicht, das heute wohl kaum ein gebildeter Laie, geschweige denn ein Kleriker mit seinem Namen decken wollte, eine Sammlung von Witzen und lustigen Geschichten, welche die Grenze des Erzählbaren nicht nur oft streifen, sondern häufig überschreiten. „Unter Anrufung Gottes um Hilfe für meine Schwachheit beginne ich das Buch der Schatzkammer der Geheimnisse zu schreiben, über die Auslegung des ganzen Wortlautes der Bibel, eines der Werke unseres Vaters, seiner Seeligkeit des Herrn Gregor, des Maphrians des Ostens, der seinen Ruhm bei Gott hat.“ So schreibt der Schreiber am Anfang seiner Abschrift, die heute als eine Kostbarkeit in Florenz liegt und 1278 entstand. Es gibt eine Reihe solcher Abschriften; die wichtigsten finden sich in Florenz, Berlin, im Vatikan und Jerusalem. Die

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