Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 17 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 17 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 259 Wir danken Herrn Rabbiner Dr. Freudenthal, daß er, der meisterhafte Geschichtsschreiber, hier Geschichte gemacht hat, die wir nunmehr schreiben können. Wir hoffen, daß sein durchgreifender Verstand und seine mannhafte Persönlichkeit der Gemeinde Nürnberg und dem ganzen Lande noch lange erhalten bleiben und daß wir in treuem, herzlichem Zusammenwirken unser Schifflein durch die erregten Zeiten steuern zur Ehre des Lenkers aller Zeiten und aller Dinge. Dahin gehen die innigsten Wünsche der Gemeinden des Landes und ihrer Vereinigung zum Jubelfeste des von uns allen so hochverehrten Mannes. Neue Aussprache über die Judenfrage Volksbürgertum und Staatsbürgerrecht Europäische Revue, Augustheft — Sonderheft: Die Judenfrage. Wie oft ist in der letzten Zeit der Versuch gemacht, durch die Kollektivarbeit „Sachverständiger“ oder von rede- und schriftbegabten Juden, Judenfreunden und Judengegnern eine Klärung in der Judenfrage herbeizuführen! Wir sind gewöhnt, daß bei solchen Unternehmungen bekannte Persönlichkeiten gute Aufsätze über ihre bekannten Ansichten, Stimmungen und Forschungsergebnisse veröffentlichen, ohne daß ein Zusammenklang und eine wirklich klärende Auseinandersetzung, ja überhaupt neue Erkenntnisse, sei es rein stofflicher Art, sei es über vorhandene Affekte und Meinungen, zustande kommen. Die „Europäische Revue“, herausgegeben von Karl Anton Prinz Rohan, betreut von einem Beirat unter dem Vorsitz des früheren Botschafters Dr. Wilhelm Solf, macht einen neuen Versuch in dieser Richtung. An der Spitze die vermittelnden klugen Einleitungssätze des Prinzen Roh an selbst, die deutlich machen, daß es nicht um eine Religions- und Konfessionsfrage geht. Auch der willentlich und rational an der deutschen Geschichte aktiv teilnehmende Jude begreift sie zutiefst in ihren letzten, irrationalen Wurzeln nicht; es gibt einen spezifisch „jüdischen Geist“, der wie der Hecht im Karpfenteich wirkt. Zu viele oder zu große Hechte machen aber den Karpfen Angst. Rezept: Erstens Takt auf jüdischer, selbstbewußte Leistung auf völkischer Seite sind die besten Mittel gegen katastrophische Zuspitzungen, die für beide Teile ein namenloses Unglück bedeuten würden. Und zweitens: Der Jude, der sich zu sich selbst bekennt, hebt damit selbst den größten Teil des Ärgernisses auf, das seine Mimikry erregt, und wird zu einem auch vom volksbürgerlichen Deutschen geschätzten, ja in vielen Fällen geliebten Mitbürger. — Rabbiner Leo Baeck erklärt sodann das Judentum als reine Menschheitserscheinung in seiner bekannten Weise, also das Judentum „als unendliche Forderung und als unendliches Ziel“. Er spricht von dem Klimawechsel der Emanzipation als einer Krisis sondergleichen, wie ihr kein Volk zuvor ausgesetzt war. „Er, der bis dahin ein Mensch jenseits der Stände, in seiner eigenen Exklusivität gewesen war, wurde nun ein bürgerlicher Mensch“; vor allem seiner Religion wurde der Lebensraum beengt. „Von dem alten reizvollen Ineinander, das für sein Wesen bezeichnend gewesen war, dem von Gläubigkeit und Intellekt, von Naivität und Dialektik, versank nur zu oft das Naive, das Gläubige, und es blieb die bloße Fähigkeit, die bloße Intelligenz, oft nur der bloße Witz.“ Eine Renaissance, ein Sichbesinnen des Judentums habe in neuerer Zeit begonnen. Völker und Staaten würden nach altem jüdischen Glauben, Besonders nach dem größten Mysterium, von dem der Römerbrief in seinem vielleicht ergreifendsten Satze spricht, Rechenschaft ablegen müssen für das Geschick der Gemeinde des Judentums in ihrer Mitte — an diesem Tage des Gerichts „teste David cum Sibylla“. — Weniger erbaulich ist, was Hans Blüher, der roger de bronze des deutschen Antisemitismus, über die „Einheit Israels in Blut und Glauben“ als über das dauernde Verhängnis und die dauernde Mahnung der christlichen Völker theologisiert. — Klar und erschütternd dagegen die unmittelbare, echte Theologie von „Jude,Heide,Christ“, die Pater Przywara bietet. — Mit seinem Beitrag „Zum Rassenproblem“ gibt Jakob Wassermann ein ungemein dichtes und leidenschaftliches Bekenntnis zum Judentum, weit über das früher von ihm zu dem Thema Gesagte hinaus: „Jude sein ist in heutiger Welt nichts anderes als die Verpflichtung zur Noblesse.“ — Der beste jüdische Beitrag der von Hans Kohn (Jerusalem): „Der Bewußte Jude, der seine Eigenart kennt und sich zu ihr bekennt, der ihren Wurzeln nachgeht und sie von ihnen aus zu beleben und zu erneuern trachtet, wird aus seiner Gestaltung als Jude, Deutscher und Mensch verantwortlich im deutschen Schicksal und im deutschen Raum stehen, die auch für ihn Schicksal und sein Raum sind. Sein Deutschsein, sein Judesein, sein Menschsein bilden eine Einheit, lebendig vollzogen in jeder Lage des Lebens. Eine Polarität bleibt hier bestehen, eine Spannung, die keine restlose Auflösung erlaubt. Aber diese Spannung muß getragen und ausgetragen, sie kann weder geleugnet noch zerrissen werden.“ — Die gewichtigste Stimme von der anderen Seite der Judengegner, die des jungen Herausgebers der jetzt meist gelesenen Zeitschrift „Deutsches Volkstum“: Albrecht Erich Günther über die politische Seite der Judenfrage. Günther stellt zuerst eine einheitliche jüdische Verantwortungsgemeinschaft fest, aus der es keinen Austritt und keine Ausrede gibt. Es bleibt sogar unerheblich, ob der Angesprochene die Zugehörigkeit zu dieser Verantwortungsgemeinschaft ablehnt; die Zugehörigkeit hängt nicht vom eigenen Willen ab; man kann auch wirksam auf sie angesprochen werden, wenn dies unerwünscht, sogar ungerecht erscheint.