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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-15 · 16 (15.8.1932) · p. Seite 251

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.8.1932)
Date
1932-08-15
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 251 Virzüglicht Betten . ..p Hotel Bayerischer Hof Dienst am BastÜ Augsburg nicht beachteten nördlichen Kunststrom aufmerksam, während die altorientalisch-hellenistisch-römische, europäisch gewordene Welt überschätzt worden sei. Strzygowski will nicht weniger als das bisherige Gewebe der Geschichtsschreibung in Kette und Schuß auflösen, die Kette, die Denkmäler, beibehalten und sie, nicht wie bisher vom Machtstandpunkt, d. h. geleitet vom herrschenden Mittelmeerglauben und seiner Alleingültigkeit, sondern jetzt vom Norden aus ansehen und sie unter Berücksichtigung der Lücken neu zusammenfügen. Die widernatürliche, an Selbstmord grenzende Abkehr der Wissenschaft von allem Glauben an die Schöpferkraft des Nordens müsse gebrochen werden, „bevor Rom, seine weltliche sowohl wie die kirchliche Macht und die des Humanismus diesen Zusammenhang geradezu gewaltsam in Vergessenheit gebracht haben“. Die darauf folgende konzentrierte Darstellung der schöpferischen Kunst des Nordens, begleitet von sehr instruktiven Bildern, sollte jeder, der für die großen kunst- und kulturhistorischen Zusammenhänge in der sichtbaren Welt Verständnis aufbringt, aufmerksam lesen. Wir müssen uns hier vor einem Urteil im Handumdrehen hüten. Aber zum Schlüsse dieses Referats wollen wir doch nicht unerwähnt lassen, daß neuerdings die orientalisch gerichtete Herkunftslehre der Frühkulturen in dem Straßburger Orientalisten Karst einen ernsthaften Verfechter gefunden hat. Sein großartiges Werk über die vorgeschichtlichen Mittelmeervölker, nach Ursprung, Schichtung und Verwandtschaft (Origines Mediterraneae, Heidelberg, Winter, 1931) ist mit seinen ethnologisch-linguistischen Forschungen gerade gegenüber Wirth sehr geeignet, das Gegengewicht zu den nordischen Arktis-Theorien zu bilden, aus denen das Primat des nordischen Menschen besonders auch für außerwissenschaftliche Zwecke sehr beqeum abgeleitet wurde. F. Aus der Gemeinde München Richard Willstätter 60 Jahre Der berühmte deutsche, der israelitischen Kultusgemeinde München angehörende Chemiker Professor Richard Willstätter.vollendete am 13. August das 60. Lebensjahr. In den Tageszeitungen ist zu diesem Tag ausführlich daran erinnert worden, in welch besonderem Maße Willstätter zur Erhöhung des Ansehens deutscher Wissenschaft in der Kulturwelt beigetragen hat. Der vor 60 Jahren in Karlsruhe geborene große Gelehrte verdankt München das wissenschaftliche Rüstzeug. Dort war er Schüler des berühmten Chemikers v. Bayer; in München hatte er seit 1916 den Lehrstuhl für Chemie inne, bis zu seinem Rücktritt im Jahre 1925. 1915 wurde er mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Bahnbrechend waren seine Erforschungen der Alkaloide sowie seine Untersuchungen über die chemische Zusammensetzung des Blattgrüns und über den Farbstoff der Pflanzen. In der Pflanzenzelle wird durch Zusammenwirken von Eiweißstoffen, Fermenten und Chlorophyll (Blattgrün) aus , der Kohlensäure der Luft, unter Mitwirkung des Sonnenlichtes Zucker, Stärke und alle die anderen wichtigen Nährmittel fabriziert. Die Erforschung des Chlorophylls ist identisch mit der Enthüllung eines der tiefsten und für die Technik der Zukunft vielleicht wichtigsten Lebensgeheimnisse unseres Planeten. Es ist heute noch nicht abzusehen, welche Folgen (die Aufklärung der chemischen Konstitution des Chlorophylls für spätere Zeiten haben wird. Wir lassen Willstätter über seine Berufs- und Gelehrtenarbeit selbst sprechen: „Viel wichtiger ist das Erleben der Arbeit. Für den Forscher ist es etwas unbeschreiblich Schönes, in tiefe Rätsel einzudringen, unter Überwindung von Schwierigkeiten, wofür alles an bekannten Mitteln unzulänglich erscheint, so weit vorzudringen, daß sich die Schleier von den Geheimnissen der Natur ein wenig weiter und weiter lüften lassen. Diese Empfindung von Glück beim Ringen um die Erkenntnis schwächt sich kaum mit zunehmendem Alter ab; erlebe ich doch heute in einer Arbeit über Fermente der farblosen Blutkörper ähnliche Spannung und ähnliche Freude des Eindringens wie vor mehr als einem Menschenalter bei meinen Anfängerarbeiten. Die Wissenschaft, die zu dauerndem Fortschritt beiträgt, ist darin der Kunst und sogar der Religion verwandt, daß sie mit ihren Errungenschaften der ganzen Menschheit dient. Immer habe ich es für das Wichtigste gehalten und darin Beruhigung gefunden, nicht nutzlos leben zu müssen und nicht vom Schauplatz des Lebens abtreten zu sollen, ohne zu den fortwirkenden Gütern der Menschheit beigetragen zu haben, wenn auch nur in dem bescheidenen Maße, das meiner Begabung und meinen Lebensumständen)entspricht. Ich bin Chemiker geworden, weil mich von früher Jugend an die stofflichen, Erscheinungen in der Natur stark anzogen. Meinen Beruf habe ich früh gewählt, obwohl ich nicht im mindesten frühreif war und obwohl meine Schulnoten, in allen Fächern gleich waren, und ich habe auch von Anfang an die Absicht gehegt, mein Leben wissenschaftlicher Arbeit zu widmen. Mein eigentliches Fach ist organische Chemie. Aber ich bin mit der Zeit immer mehr über die Grenzen dieses Gebietes hinausgewandert, zu Problemen der Pflanzenphysiologie, namentlich zu Aufgaben der physiologischen Chemie und auch der anorganischen Chemie. Meine Jugendarbeiten behandelten hauptsächlich die Konstitution und die Synthese einiger Pflanzenbasen, nämlich des Atropins und des Kokains. «Daran schlossen sich Untersuchungen an über synthetische Farbstoffe und über das Wesen der farbgebenden Atomgruppen. Jene Arbeiten und andere waren vorbereitend für schwierigere und größere Aufgaben: Untersuchungen über Chlorophyll, das in den wesentlichen Zügen seiner Konstitution klargelegt wurde, und über seine Funktion im Prozesse des Aufbaus pflanzlicher Materie, Studien über den Blutfarbstoff, Untersuchungen über die Farbstoffe der Blüten und der Früchte. Meine letzte größere Arbeitsaufgabe betraf die Natur und Wirkungsweise der Fermente, namentlich derjenigen, die am Zucker-, Eiweiß- und Fettumsatz des Körpers Anteil haben. Sehr häufig war es mir vergönnt, ohne irgendwelche Rücksicht auf Erfolg zu arbeiten, nur zur Freude.“

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