Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 geschichte und der germanischen Vorgeschichte ist das Kapitel über die Runen in der bekannten, im ganzen zuverlässigen großen „Geschichte der Schrift“ von Hans .lensen (1923, 8. 178 fr.) und vielleicht noch mehr die germanistischen Erläuterungen zu Tacitus Germania in der neuen Ausgabe von Reeb (Tacitus 'Germania; mit Beiträgen von Dopsch, Reis. Schumacher, unter Mitarbeit von Klenk, herausgegeben und erläutert von Reeb, Teubner 1930; besonders S. 135 ff.). Es seien hier vor allem die früher sehr beachteten „Runen-Studien“ des bekannten Berliner jüdischen Germanisten R. M. Meyer aus dem Jahre 1896 der Vergessenheit entrissen: R. M. Meyer schloß aus dem Umstand, daß sich 11 Runen-Zeichen nur schwierig aus dem Lateinischen erklären lassen und auf Grund‘der notae der Tacitus-Stelle (cap. 10 Germania) auf die Existenz eines Ur-Runen-Alphabets bei den Germanen, das akrophonisch aus Ideogrammen entstanden ist, aber durch die lateinische Unzial-Schrift des 2. und 3. Jahrhunderts beeinflußt worden sei. Auch daran sei erinnert, daß die ältesten Runen-Inschriften wie die semitischen Schriften?um Teil noch linksläufig sind. Neckel macht dann noch weiter sehr fördernde wissenschaftliche Anmerkungen zu Wirths Verkündigung von der uratlantischen Hochstellung der Frau und zeigt schlüssig für die Germanen („über die allein ich ein fachmännisches Urteil zu haben beanspruchen darf auf Grund meiner Kenntnis der sonst leider vielfach zu wenig bekannten Quellen“), daß die herrschende Lehre der wissenschaftlichen Rechtsgeschichte, wonach die Rechtsstellung der Frau sich nach und nach gehoben hat, hier keine Geltung habe; die weitergehende Folgerung daraus gegen den Fortschritts- und Entwicklungsglauben zugunsten von Wirths Verfallsthese scheint dagegen sehr fragwürdig. Neckel beweist vor allem, daß die Kirche mit ihrem mosaischen Satz „Er soll dein Herr sein“, mit dem Konzilsschlagwort „Mulier non homo“ und der weltfremden Weisheit vom Weibe als dem Gefäß der Sünde die Stellung der Frau nicht gehoben, sondern herabgedrückt habe. Die Doktrin der Rechtshistoriker von der allmählichen gesellschaftlichen Hebung der Frau vom Besitzstücke zur Gleichberechtigung könne jetzt einwandfrei widerlegt werden. „Die altgermanische Ehefrau erscheint im großen Ganzen als gleichberechtigte Genossin ihres Gatten.“ Die unschätzbaren isländischen Quellen und die alten Volksrechte bestätigen die Charakteristik des römischen Berichterstatters Tacitus von der hohen Ehrung der altgermanischen Frau. Nur im Vorübergehen sei hier weiter angemerkt, daß Neckel aus den ihm zugänglichen altnordischen Befunden der Kalenderhypothese von Wirth nicht so ablehnend gegenübersteht wie die herrschende Wissenschaft, die über Zeitmessung und Kalenderwesen in Nordeuropa noch heute besagt, daß. abgesehen von unbedeutenden Anfängen wie Beobachtung der Mondphasen zwecks Terminfestsetzung, dies alles aus der südlichen Mittelmeerkultur, besonders der klassischen Antike stamme. Am problematischsten bleibt, was Wirth als Religion und Weltanschauung seiner arktisch-atlantischen Urzeit sieht. In dem Unternehmen Herman Wirths, die bisher wissenschaftlich als unüberschreitbar angesehene Mauer zwischen Vorgeschichte und Geschichte niederzureißen und unseren geschichtlichen Ausblick um 15 000 Jahre rückwärts zu erweitern, spielt natürlich der philosophisch-historische und streng naturwissenschaftliche Weg eine weit geringere Rolle als die schöpferische Intuition. Mittels ihrer glaubt Wirth die wesenhaften Momente der Vorgeschichte erfaßt zu haben und findet in Einheit von Urschrift, Urkultur und Ursymbolik die homogenen Ausdrücke für die im Sonnenlauf der weißen Rasse offenbaren kosmischen Vorstellungen. Die Urschriftgeschichte ist nach Wirth eine Ursymbolgeschichte, eine Lehre geistig-sinnbildlicher Zeichen und vergeistigter Urbilder, die eine uralte Kunde vom Weltall in einer Kalenderwissenschaft ausdrücken. Wirth sieht hier den Ausdruck einer erstmalig zu vollem geistigen Bewußtsein gelangten Menschheit offenbart, eine urgeschichtliche Vorstufe des geschichtlich überlieferten Christentums; im einzelnen Zeichen, etwa einem Felsenritz, sieht Wirth schon eine schriftliche Quelle. Er sieht die Urschrift als Ideogrammschrift, entsprechend der chinesischen Schrift an. Die arktisch-atlantische kalendarische Kultsymbolik, die Wirth entwirrt, die von ihm angenommene „Dauerüberlieferung der Kultsymbolik“, vor allem seine epigraphische Kulturkreislehre müssen in den großen Wirthschen Kompositionen „Aufgang der Menschheit“ und „Die Heilige Urschrift der Menschheit“ selbst nachgelesen werden. Es ist verständlich, daß der an reinliche Kopfsitten gewöhnte Gelehrte unserer Zone und Epoche sich einigermaßen mit Grausen vor solchen Visionen wendet, die merkwürdigerweise immer wieder sehr unduldsam an unsere Logik und an unseren Scharfsinn appellieren. Was hält nun doch große Gelehrte wie Neckel, Konrad Theodor Preuß, Strzygowski nicht ab, Wirths Lehren den Eintritt in die Zunft der Gelehrten zu ebnen und ihnen gegenüber die Anforderungen der Wissenschaft außer Kraft zu setzen? Sprechen wir nicht von einem anti-„mittelmeerischen“ Affekt! Auch mit dem in der Wissenschaftsgeschichte beobachteten ewigen Kampf im Namen des Ingenium gegen das acumen und im Namen des acumen gegen das Ingenium ist wenig erklärt. Aber in dem ewigen Unvollendetsein der wissenschaftlichen Wege und Ziele dürfen die betretenen und erlaubten Pfade hie und da verlassen werden. Vor den Fallgruben der Tageseffekte, der geistigen Moden und politischen Leidenschaften wird gewarnt! Ob Wirth in die eine oder andere hineingefallen ist, soll hier nicht ausgemacht werden. Wir haben uns hier allein der außerordentlichen Belehrung zu erfreuen, die uns in der vorliegenden Sammlung tadelloser, feiner Gelehrtenarbeiten, die für Wirth eintreten, geboten wird. Und mehr als eine schmackhafte Empfehlung dieser wertvollen Sammelarbeit kann in diesen Blättern nicht gegeben werden. Nur Strzygowskis Verteidigung der Lebensarbeit von Wirth vor dem Richterstuhl der Wissenschaft soll hier noch zur Unterstützung unserer hohen Meinung von dem vorliegenden Gemeinschaftswerk genannt werden. Dieser auf der Höhe seines Gelehrtenruhmes stehende Wiener Kunstforscher ist heute einer der wenigen anerkanten Vertreter der modernen Kunstwissenschaft, der über das fragliche Gebiet hinausragend uns über wahre Zusammenhänge und Ziele der Geisteswissenschaften überhaupt belehren darf. Der heute siebzigjährige Ordinarius und Vorstand des Kunsthistorischen Instituts der Universität Wien gehört zu den wirkungsstärksten und universalsten Kunstforschern, die die im 19. Jahrhundert entstandene Kunstwissenschaft hervorgebracht hat. Nur Wölfflins „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe“ und Worringers „Abstraktion und Einfühlung“ sind an Wirkungsstärke mit seinem älteren Hauptwerk „Orient oder Rom“ zu vergleichen. Darin wird bewiesen, daß die mittelalterliche Baukunst nicht aus der spätrömischen Antike, sondern aus dem hellenistischen Osten stammt. Im Zusammenhang mit den Wirthschen Arbeiten stehen seine späteren Hauptwerke: „Die altslavische Kunst“ und vor allem das monumentale Werk „Asiens bildende Kunst“. Strzygowski kommt zu folgendem Endergebnis: Die nordische Kunst geht von Mittelasien aus und wird von frühgeschichtlichen nordischen Nomadenvölkern, die ja keine feste monumentale Baukunst haben können, als Zierkunst, die sich hauptsächlich in Textilien und ferner im Metall- und Holzgerät ausdrückt, in eine ganze Reihe von Ländern gestreut. Diese „Nordkunst“, der wir in Irland wie auf dem Balkan, in Spanien, im Gebiet der heutigen Türkei, in Schweden und im Kaukasus begegnen, ist im Gegensatz zur „Südkunst“ durchaus naturfremd, sie liebt nicht die Darstellung des Menschen oder der Natur, ihr ist die geometrische Ornamentik, die Arabeske, das Geflechtmuster, die phantastische Ranke eigentümlich, und sie schafft damit Werke höchster Schönheit. Allzu einseitig war bisher nur die Südkunst bekannt und geschätzt: die Südkunst, eine eigentliche Machtkunst, entstanden aus der politischen Situation, ausgehend als orientalische Wesensform aus dem alten Babylon und am stärksten und dauerndsten wirksam geworden in den großen Städten der griechischen Antike und in Rom. Diese Südkunst habe die den Nordländern eigentümliche Kunstsprache unterdrückt und mit ihren Hauptprotektoren Kirche und Staat verbündet, besonders in Zeiten der Karolinger und des Barocks, auf nordischem Boden gegen die Veranlagung der Nordländer gewirkt. So ist es nicht zu verwundern, wenn jetzt Strzygowski für Wirth von der Seite der vergleichenden Forschung auf dem Gebiete der bildenden Kunst eintritt. In dem Nachweis der kunstgeschichtlichen Bestandstatsachen macht er noch einmal wie in seinen großen Werken eindringlich auf den bis jetzt