Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 249 Ist die semitische Herkunft des Alphabets und unseres Schriftsystems widerlegt? Zu den Forschungen von Herman Wirth Was bedeutet Herman Wirth für die Wissenschaft? Unter Mitwirkung von 7 Fachgelehrten von Prof. Dr. Alfred Baeumler. Gr.-8°. 94 Seiten und 8 Seiten Abbildungen. Geh. 3.80 RM. Leipzig, Koehler & Amelang, 1932. Die Hauptthese der beiden großen universalen Werke von Herman Wirth „Aufgang der Menschheit“ (1928) und „Die Heilige Urschrift der Menschheit“ (bisher 6 Lieferungen bei Koehler & Amelang) ist — zunächst primitiv ausgedrückt — die, daß es eine Verbindung zwischen der grauesten Zeitenferne und uns gibt, und zwar eine Dauerüberlieferung, die keine ernst zu nehmende Distanz ist. Das Zeichensystem, das Herman Wirth entdeckt hat, verändert sich zwar im Laufe der Jahrtausende, bleibt aber seinem Gehalte nach wesentlich gleich. Nach Wirth gibt es keine Höherentwicklung, keinen Fortschritt, wohl aber einen Rückschritt. Das Vollkommene steht am Anfang. Zwei in den historisch-philologischen Fächern seit rund anderthalb Jahrhundert herrschenden Leitmotiven ist Wirths Lehre entgegengesetzt: der Entwicklungs- oder- Fortschrittshypothese und dem Satze Ex Oriente lux. Statt des Fortschritts glaubt er an unausgesetzten Verfall und an die Stelle des Orients als Wiege der Kultur setzt er den arktischen Norden. Das Erstaunliche und Charakteristische der Forschungen von Wirth ist ein Stoff reich tum, den nur die Zusammenarbeit_vieler Einzelwissenschaften mittels Spezialgutachten kontrollieren und ordnen kann. Von sechs verschiedenen Fachstandpunkten, von dem der. Geologie, der Vorgeschichte, der Anthropologie, der Völkerkunde, der germanischen und der orientalischen Philologie, wurde es vor nicht allzulanger Zeit unternommen, nachzuweisen, Wirths Werk sei wissenschaftlich wertlos und vor der Beschäftigung mit ihm zu warnen. Den Ton gibt in dieser gegen Wirth gerichteten Sammelarbeit ein Satz aus dem Vorwort des Geologen Wiegers an: „Der Aufgang der Menschheit ist ein Buch voller Trugschlüsse, voller Behauptungen, voller Verneinungen wissenschaftlicher Tatsachen, es ist die Kundgebung eines von einer religiösen Idee beherrschten Mannes, dem das kritische Vermögen fehlte, seine Irrtümer zu erkennen. Wirths ,Aufgang der Menschheit4 ist eine Dichtung, ist vielleicht ein persönliches Glaubensbekenntnis, aber es ist keine wissenschaftliche .Forschung4.“ Dagegen stehen nun unter der Führung von Professor Baeumler sieben namhafte Gelehrte von anerkanntem Rang in ihrem Fach auf und vertreten die Ansicht, daß man die Verwischung der Grenzen zwischen Vorgeschichte und Geschichte, zwischen symbolforschender und historisch-kritischer Methode, also die Mythisierung der Geschichte nicht als „unwissenschaftlich44 bezeichnen dürfe. Bachofen und Dacque sind in der Wissenschaftsgeschichte vor Wirth die typischen Vertreter einer Vorstellungsweise, der die historisch-kritische Methode entweder fremd ist oder nicht genügt. Von höchster Bedeutung und fesselndem Interesse ist unter den sieben Abhandlungen der Beitrag des berühmten Berliner Vertreters der nordgermanischen Philologie, des besten Kenners der altgermanischen Kultur, den wir heute haben, Professor Gustav Neckel; sein Beitrag über die Geschichte der Schrift, namentlich über Wirths Verfallsthese und in diesem Zusammenhang seine rechts-historischen Bemerkungen über die „Entwicklung“ der Stellung der Frau in der Gesellschaft sollten Anlaß bieten, die herkömmlichen Lehren zu überprüfen und weiterzubilden. Wirth läßt nämlich auch die alte Anschauung, daß die Germanen ihr Alphabet aus dem Mittelmeergebiet, also wie die Griechen und Römer von den semitischen Phöniziern erhalten haben, nicht mehr gelten. Neckel sagt dazu: „Auch die Anhänger der Lehre von der Entstehung der Runen aus südlichen Duellen haben nur einzelnes beigebracht, was für ihre Zwecke beweisend. erscheinen konnte, und diese Lehre beruht daher bis heute nur auf einzelnen Anhaltspunkten.“ Und Neckel führt weiter aus, daß die drei Entstehungsthesen, die lateinische, die griechischlateinische und die keltische, einander widerlegt hätten. „Die ältere Lehre des Oie Worm, wonach die Ähnlichkeit der Runen mit den mittelmeerischen Alphabetzeichen auf Urverwandtschaft beruht, erheischt von neuem Beachtung. Oie Worm sah die Urform in dem hebräischen Alphabet, von dem Griechisch, Lateinisch und Runisch unabhängig voneinander ausgegangen seien. Er kannte noch nicht die runenähnlichen und unmittelbar runengleichen Ritzungen der nordeuropäischen Bronze- und Steinzeit, vollends nicht deren erst von Wirth erschlossenen Gegenstücke in Nordamerika, noch die — ebenfalls von Wirth aufgezeigte — weltweite Verbreitung der Manurune.“ „Wenn nun Wirth“, fährt Neckel fort» „gestützt auf diese neueren Funde, das Uralphabet bei seinen Nordatlantikern sucht, im Runenfuthark dessen getreueste Fortsetzung sieht und in den südlichen und ostasiatischen Schriftsystemen entfernte Ausläufer der gleichen nordatlantischen Urform, so ist diese weitausgreifende Hypothese gewiß außerordentlich kühn, sie gibt im einzelnen Anlaß zu mancherlei Bedenken, die Völkerwanderungslehre, mit der er sie verknüpft, ist eine außerordentlich unsichere Position, aber sie hat das Verdienst, die Dinge einmal von einer ganz neuen Seite zu zeigen und es dadurch eindrücklich zu machen, wie hochgradig hypothetisch auch die bisher herrschenden Anschauungen von der Heimat und der Verbreitung der Schrift sich darstellen. Gewiß können letztere sich einstweilen noch darauf berufen, daß die von ihnen bei Ableitung der Runen verglichenen Größen beiderseits Alphabete und die Lautwerte der in diesen enthaltenen Zeichen bekannt sind, während die von Wirth und anderen anderswoher beigebrachten „Urrunen“ vereinzelt angetroffen werden und bisher höchst unsicher gedeutet werden konnten. Dies scheint der Hauptgrund, weshalb die Mehrzahl der Gelehrten noch immer an der Annahme festhält, die Schrift sei von Süden und Osten nach Norden und Westen gewandert, indem sie übersehen, daß die Fülle der dieser Anschauung entgegenstehenden Befunde und Materialien trotz der Zerstreutheit und vielfacher Unklarheit der letzteren Berücksichtigung und Einarbeitung gebieterisch verlangt, und daß Herman Wirth diese Einarbeitung zu leisten unternommen hat. Völlige Klarheit über die höchst verwickelte und vielgestaltige Frage und vollends eine Lösung dieser wird natürlich erst zu erwarten sein, sobald die Inschrift auf dem steinzeitlichen Dolmen von Lennan. die von der Insel Monhegan an der Küste von Maine, die merkwürdigen spanischen und alle - die anderen noch ungedeuteten prähistorischen Zeichen sicher gelesen sind. Denn Schriftcharakter und Lesbarkeit dieser Funde sind schwerlich einem Zweifel unterworfen, und wer sie leugnet, bekundet damit nur seine Abhängigkeit von der willkürlichen Voraussetzung, nördlich der Straße von Gibraltar könne in so alter Zeit unmöglich der Gebrauch der Buchstabenschrift bekannt gewesen sein. Freilich ist nach Lage der Dinge die Entzifferung sobald nicht zu erwarten. Aber wenn dieses Ziel einmal erreicht ist. wird man Wirths zu gedenken haben als desjenigen, dessen unermüdliche Arbeitskraft das Eis gebrochen und durch seine Sammlungen und seine vielbesuchten Vorträge eine Menge hochinteressanter Dinge in das Licht öffentlicher Beachtung gerückt hat. Mag er allzu leicht geneigt sein, die Schwierigkeiten zu überfliegen, statt sie ernstlich zu meistern: Verdienst und Ruhm der energischen Erschließung werden ihm bleiben müssen.“ Das sind sehr schwerwiegende Argumente gegen die herrschende Haltung, die Wirths Arbeiten von der Schwelle des vielstöckigen Hauses der Wissenschaft im vornherein wegweist. Zu der speziellen, heute gut fortschreitenden Runenforschung soll hier nicht Stellung genommen werden. Zwei sehr gute moderne Hilfsmittel für ein selbständiges Urteil des Germanisten oder Semitisten in der Runenfrage innerhalb der Schrift-