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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-15 · 16 (15.8.1932) · p. Seite 248

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.8.1932)
Date
1932-08-15
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 Österreich im Zeitalter Mozarts und Beethovens, die Reichsdeutschland zur Schiller- und Goethezeit darstellte, dieser kulturellen Macht steht kein wirtschaftlicher Höhepunkt der damaligen deutschen Geschichte zur Seite. Österreich und Deutschland waren in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kapitalarme Länder. An der gewaltigen Reichtumsbildung der Europäer, die im 17. und 18. Jahrhundert vorwiegend aus dem kolonialen Handel, in Amsterdam auch aus dem großen Finanzgeschäft entstand, an dieser Reichtumsbildung waren die Deutschen im Gegensatz zu den Engländern v.nd Holländern nicht beteiligt gewesen. So kam es, daß um das Ende des 18. Jahrhunderts die Geldmacht in Deutschland wenig bedeutete. Eine Einfachheit und Bedürfnislosigkeit zeichnet diese Generationen aus, von der wir uns nur schwer einen Begriff machen können. Eine Bedürfnislosigkeit allerdings nur in materiellen Dingen. Im Geistigen war es anders. Da brachten jene Generationen vor und nach der Wende des 18. Jahrhunderts eine Kultur hervor, die sich in ihrer Menschheitsbedeutung nur mit der Kultur Griechenlands und etwa noch mit der Kultur der italienischen Renaissance vergleichen läßt. II. Luxus, Moral und schlichte Lebensführung Von Prof. Dr. Ernst Robert Curtius Die offizielle Moral des vergangenen Jahrhunderts (das bekanntlich bis 1914 dauerte) war bürgerlich und kirchlich bestimmt. Sie schützte Eigentum, Ehe und Anstand. Sie erließ Strafbestimmungen, die nur den Besitzlosen trafen — wie jenes von Anatole France ironisch gegeißelte Verbot, unter den Pariser Brücken zu schlafen. Aber auch diejenigen Verstöße gegen das Sittengesetz, welche das Liebesieben betrafen, waren der öffentlichen Entrüstung und entsprechender Ahndung sicher. Alles Eheliche war sittlich. Aber die Worte außerehelich und unehelich hatten einen bösen Beigeschmack!. Sie haben ihn vielfach noch. Und doch darf man sagen, daß wir eine Wandlung in der Bewertung moralischer Fragen erleben. Die bürgerliche Wohlanständigkeit hat an Gewicht und Würde beträchtlich verloren. Dafür ist unser sittliches Gefühl empfindlicher geworden auf einem ganz anderen Gebiet, dem der sozialen Verantwortung oder, wie wir lieber sagen wollen, des Gemeinsinns. Wie der einzelne mit seinem Eigentum schaltet — das ist von diesem neuen sittlichen Wertbewußtsein aus keineswegs mehr gleichgültig. Die Wertmaßstäbe des Gemeinsinns, das solidarische Ethos also, gewinnen für viele der besten unter unseren Mitmenschen eine immer steigende Bedeutung, ja, sie scheinen das bürgerliche Ethos der Vergangenheit, das die Lebensführung des lieben Nächsten an den Normen konvenlioneller Sittlichkeit maß, zurückzudrängen. Keine Frage! Eine neue Moral des Eigentums und seiner Verwendung ist im Werden. Dem Besitzenden selbst, dem „Reichen“, kommt das freilich am spätesten zum Bewußtsein; oder doch nur in verfälschter Form. Damit meine ich, auch die Besitzenden spüren vielfach ein Unbehagen, das bei weitem noch nicht auf sittlicher Einsicht beruht, aber doch immerhin auf eine Erschütterung des naiven Eigehtumsbewußtseins deutet. Es gibt heute schon „verschämte Reiche4“, die sich verpflichtet fühlen, ihren Aufwand einzuschränken — um nicht aufzufallen. Das ist kein sehr edles Motiv. Aber auch die Motive des Besitzlosen, welche den Reichtum anklagen, sind oft moralisch nicht einwandfrei. Wir brauchen über beide Seiten des Tatbestandes kein Wort mehr zu verlieren. Wir wollen nur von dem sittlichen Problem des Eigentums reden, so wie es sich heute stellt. Praktisch gesprochen, bedeutet es die Frage: Ist Luxus erlaubt? Kann er angesichts der heutigen Massennot noch verantwortet werden? Ist er — so werden die eifrigsten Moralkritiker fragen — überhaupt jemals erlaubt? Und hier öffnet sich schon eine Fülle von Schwierigkeiten. Wir werden sie nicht lösen: Versuchen wir wenigstens, sie zu klären. Was ist Luxus? Alles das, was über die bare Notdurft des Lebens hinausgeht? Im absoluten Sinne: gewiß. Aber damit kommen wir nicht weiter. Wir müßten vielmehr zurück in den sagenhafetn Naturzustand, in dem die Menschen von Eicheln lebten. Es gibt aber eine Kulturnotdurft — einen Lebensstandard der Zivilisation, der nicht unterschritten werden soll. Seife, Zucker, Kaffee, Heizung — all das war einmal Luxus, das heißt Vorrecht kleiner Schichten. Es ist für uns lebensnotwendig geworden. Wir erfassen schon hier ein soziologisches Gesetz: Was einst Luxusaufwand war, kann Lebensnotwendigkeit der Gegenwart werden. Die Ausbreitung der elektrischen Beleuchtung oder des öffentlichen Badewesens in den letzten Jahrzehnten belegt diese Zusammenhänge. Auf diesem Gebiet zeigen sich die merkwürdigsten 'Verschiebungen. Es war sicher Luxus, verschwenderischer Prachtaufwand, daß Ludwig XIV. für 100 Millionen Goldfrancs das Versailler Schloß erbaute. Aber dieser Prunkbau wurde von dem Bürgerkönig Louis-Philippe der Nation übergeben. Er ist für Frankreich , ein Museum seiner glanzvollsten Geschichte, für die dritte Republik Schauplatz der Wahl des Staatsoberhauptes, für die ganze Nation ein repräsentatives Sinnbild ihrer Würde geworden. Man darf hier wohl von einer Sozialisierung des Luxus reden. Man darf es auch bei den Sammlern, die zu Stiftern werden, und überhaupt überall da, wo privater Reichtum allgemeine Kulturzwecke fördert. Doch die Zusammenhänge von Luxus und Kultur sind zu mannigfaltig, zu verschlungen, um sie im Vorbeigehen zu erörtern. Einsichtiger und gewiß nicht minder bedeutsam sind die von Luxus und Wirtschaft. In einem berühmten Buch hat Werner Sombart schon vor zwanzig Jahren gezeigt, daß der moderne Kapitalismus eine seiner stärksten Triebkräfte, einen seiner mächtigsten Entwicklungsfaktoren dem Luxus der Renaissance- und Barockzeit verdankt, im Gegensatz zu anderen, früher weit verbreiteten Theorien der Wirtschaftsgeschichte. Schon das 18. Jahrhundert hatte über diese Zusammenhänge vieles und wesentliches erkannt, was später vergessen wurde. Es blieb freilich immer bei dem Zwiespalt stehen, daß „private Laster“ einen Segen für die Allgemeinheit („öffentliche Wohltaten“, sagte man) darstellten. Damit war wohl das wirtschaftliche, nicht aber das sittliche Problem des Luxus gelöst. Es ist auch heute noch nicht gelöst. Immer wieder sind in den letzten Jahrhunderten eifernde, von sittlichem Pathos getragene Propheten erstanden, die eine spartanisch oder asketisch schlichte Lebensführung forderten: Savonarola und Rousseau, Tolstoi und Gandhi sind solche Erscheinungen. Aber die Frage bleibt offen, ob man unserem Geschlecht einen größeren Dienst erweist, wenn man die Abtötung aller Bedürfnisse oder ihre Veredelung empfiehlt. Das hängt letzten Endes ab von der Bewertung dieser irdischen Welt, von der Bejahung oder Verneinung des Lebens, vom Willen zum Kulturaufbau oder zur Kulturzerstörung. Zuletzt aber würde ich sagen: Wer schlicht erklärt, aller Luxus sei von Übel, denn er §ei überflüssig und nutzlos — wer so sprjcht, der mache sich klar, daß von seinem kurzsichtigen Nützlichkeitsstandpunkt aus auch Musik, Theater, Dichtung, Weisheit überflüssig sind — und daß schon die Natur Luxus treibt: überall, wo sie Schönheit schafft. Die obersten Wertfragen des Daseins lassen sich eben nicht vom Nutzstandpunkt aus beurteilen. Denn Nutzen an sich ist niemals Wert — sonst wäre jedes Schwindelgeschäft, jeder erfolgreiche und unentdeckte Diebstahl wertvoll. Alle Nutzerwägung ist immer unterzuordnen den Gesetzen des Sinnes. Es gibt sinnlosen Profit, und es gibt sinnlosen Luxus. In einem sinnerfüllten, hochstrebenden nationalen Dasein aber wird es auch sinnvollen Luxus geben dürfen. Es wird ihn, bei ernstester Verantwortung, auch im heutigen Deutschland geben müssen, wenn es seinen Rang in der Völkerwelt zu wahren gesonnen ist. B/OX-ULTBA « ZAHNPASTA BIOX-ULTRA ist die schä* mende Sauerstoff-Zahnpaste, deren biologische Wirkung wissenschaftlich anerkannt ist

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