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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-08-15 · 16 (15.8.1932) · p. Seite 243

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
16 (15.8.1932)
Date
1932-08-15
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeifung 243 viele von uns, die es mit dem. Zionismus — nicht mit Philantropie — ernst gemeint haben, Ihnen vorangegangen sind), sollten sich vor entsprechenden Pervertiefungen zugunsten Ihrer solchen Diskussionen sich entziehenden deutschen Präokkupationen doppelt gehütet haben. Mit solcher Haltung weiß ich, der ich gewiß alles ändere bin als was man zur Zeit einen politischen Zionisten nennt und der Ihre Einwände gegen zionistische Säkularisation des Judentums schon lange vor Ihnen erhoben hat — freilich auch in hebräischen Schriften und ohne mein historisches Schicksal mit dem jüdischen Volk weder im profansten noch in irgend einem sakralen Sinn verleugnen zu wollen — überhaupt nichts anzufangen. Welch Religionsquelle der Offenbarung Sätze zu legitimieren vermag wie die, in denen Sie den Juden profangeschichtliches „Schicksal“ bestreiten, um es ihnen „als Deutschen“ zuzuerkennen, Sätze, die eher aus sehr viel dämonischeren Quellen zu belegen sein dürften, ist mir unerfindlich. Und ich fürchte leider, hinter solchen Sätzen taucht Wieder einmal nicht das Problem des Judentums, um das es in Ihrer Schrift hätte gehen sollen, sondern das unfruchtbare des Deutschjudentums auf, spezieller gesagt: das eines deutschjüdischen (von Eduard Strauß zuerst klar proklamierten) Pietismus, der sich mit „heilsgeschichtlichen“ Erwägungen (ein Begriff der christlichen Theologie, den das Judentum Gott sei Dank nicht kennt) um die Einheit unseres Daseins und die Dialektik dieser Einheit zugunsten einer lange erledigten Fiktion jüdischer Mimikry herumdrückt. Verzeihen Sie die Schärfe dieser Formulierung — sie ist meinem Gefühl durch die Ihrige, auf einer gar zu hohen Chimäre „reitende“ oder besser aufmontierte diktiert. Ich möchte sehr gern hoffen, daß nicht dies die Linie ist, auf der isich Ihre weiteren jüdischen Bemühungen abspielen werden, eine Linie, die Sie aus dem lebendigen Zusammenhang historischen Schicksals in den leeren Raum des Deklamatorischen führen muß, das ja eben den deutschen Rabbinerstand, der sich dazu hergegeben hat, so furchtbar korrumpiert und kompromittiert hat. Aber ich kehre lieber zum Ausgangspunkt dieser traurigen Digression zurück. Es hat an mehr als einer Stelle den Anschein, als ob Sie sehr viel weniger vom historischen Judentum wüßten als vom modernen Protestantismus und Ihre Fragestellungen sich von der dort herrschenden Problemlage mehr vorschreiben lassen als gut ist. So machen Sie etwa das Problem anders als es für uns liegt, indem Sie mit einer zeitbewußten Gebärde einfach erklären, der gesamte geistige Komplex „Halacha“ habe für uns mit der Emanzipation seine theologische Bedeutung verloren und „wir“ hätten nur mehr auf die biblische Offenbarung zu rekurrieren — im Zusammenhang womit denn die Betrachtungen Ihres zweiten Kapitels, nach deren Sinn der Jude, für den Sie ja schreiben, einigermaßen erstaunt fragen muß, ihren Grund zu gewinnen scheinen. Nun ist da ein großes Fragezeichen zu machen. Denn wenn man von einem „heutigen Daseinsverständnis“ ausgehen sollte, so ist ja die biblische Offenbarung in ihrer Zumutung an einen modernen Menschen um nichts weniger absurd als es die mit dem Stichwort „mündliche Thora“ umschlossene Idee sein könnte. Warum eigentlich man die eine dennoch vor das heutige Bewußtsein legitim als Forderung rücken dürfte, die andere aber als obsolet geworden zu verwerfen hätte (während in diesem Sinne beide gleicherweise obsolet sind) — das ist aus jüdischen Perspektiven in keiner Weise zu erklären und geht ersichtlich auf Ihre Fixierung an protestantische Diskussionen zurück, ein Abgrund, dem z. B. Rosenzweig, obwohl ebenfalls sichtlich von christlichen Auseinandersetzungen herkommend, nicht verfallen ist. So gerät, um es deutlich zu sagen, die von Ihnen als Existenzialproblematik des modernen Judentums vor der Offenbarung definierte Haltung in die Gefahr, zu einem sehr unexistentiellen und uns allen wohlbekannten Subjektivismus abzugleiten. Denn die Abrogation der Frage nach dem religiösen Sinn der mündlichen Thora und ihrer Grundbegriffe (Überlieferung, Kommentar, Frage und Erfragbarkeit) ist für ein jüdisches Bewußtsein außer einem*karäischen ganz unvollziehbar — und auf Karäismus läuft es denn auch bei Ihnen unversehens hinaus, so wenig Sie das zu erkennen scheinen. Die Offenbarung, und diese alte und tiefe Wahrheit kommt in Ihrer Schrift zu kurz, wie sie es schon bei Steinheim kam — die Offenbarung ist bei aller Einmaligkeit doch ein Medium. Sie ist als Absolutes, Bedeutung-Gebendes, aber selbst Bedeutungsloses das Deutbare, das erst in der kontinuierlichen Beziehung auf die Zeit, ' in der Tradition sich auseinanderlegt. Das Wort Gottes in seiner absoluten symbolischen Fülle wäre, wenn anders es zugleich auch unmittelbar (undialektisch) bedeutend wäre, zerstörend. Nichts nämlich — und die Dialektik dieses Sachverhaltes, in der die Idee der mündlichen Thora gründet, finde ich in Ihrer Schrift noch nicht erkannt — ist, auf historische Zeit bezogen, mehr einer Konkretisation bedürftig als eben die (um Ihre Worte zu benutzen) „absolute Konkretheit“ des Offenbarungswortes. Ist doch das absolut Konkrete das Unvollziebare schlechthin, dessen Absolutheit eben seine unendliche Spiegelung in den Kontingenzen des Vollzugs bedingt. Hier erst wird es, mit dem Index der Anwendbarkeit versehen, dessen das Absolute entbehrt der menschliche n Tat als Konkretes auch er greifbar. Die Stimme, die wir vernehmen, das ist das Medium, in d e m wir leben, und wo sie das nicht ist, da ist sie hohl und nimmt den Charakter des Gespenstischen an, in dem das Wort Gottes nicht mehr wirkt, sondern — und es sei auch in Dogmen — umgeht. Sie wollen die/Dialektik unserer Existenz aufreißen? Welch Beginnen könnte vornehmer sein als das! Aber Karäismus, ob nun im zehnten Jahrhundert mutazilitisch oder im zwanzigsten kirkegaardisch untermauert, in beiden Fällen also aufs modernste, um nicht zu sagen 'komfortabelste ausgestattet, verleiht den langen Atem nicht, der je und je die jüdische Existenz allein in dem doppelten Sinn ihrer „Fragwürdigkeit“ zu ziehen vermocht hat. Die Anwendbarkeit des absoluten Wortes — um dieses Problem, das ich das der Blendung nennen möchte, die von der Offenbarung ausgeht, kann keine biblische Theologie (die nicht umsonst im Judentum nie existiert hat) uns herumführen, und wer die Stimme

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