Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 16 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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244 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 16 vernimmt, von der schon die Kabbalisten gesagt haben, daß die Offenbarung und Erlösung in einem ist, muß auch den Weg zurückzulegen suchen, der in ihr zwischen diesen beiden Polen führt. Das Residuum der Stimme, als welches im Judentum die Tradition in ihrer schöpferischen Entwicklung ist, kann nicht von ihr getrennt werden — es sei denn im Vakuum, in dem freilich ein Judentum gar schnell ersticken müßte (und mehr als einmal schon erstickt ist, vestigia terrent), dessen Einheitsbewußtsein nur noch in Glaubens Überzeugungen konstituiert wäre. Ich bin nicht orthodox, aber das ist mir evident, daß ohne die Restitution eines solchen „fruchtbaren ßadog der Erfahrung“, das aus der Reflexion und Verwandlung des menschlichen Wortes im Medium des göttlichen entsteht, nichts von Ihrem Vorhaben zu realisieren ist. Gewiß, die Tat des Liberalismus — und man sollte keineswegs vergessen, daß wir alle dort tief in Schulden stecken — hat ihre Bedeutung im Religiösen noch keineswegs verloren, im Gegenteil: die Auf Schmelzung der Tradition in einem neuen lebendigen Gefühlszusammenhang bleibt für jede jüdische Zukunft zu leisten (um es in liberaler Terminologie auszudrücken). Ja, mehr als das: gerade, wenn die Juden wieder Juden geworden sein werden und nicht mehr Zwittergeschöpfe eines Doppeldaseins im Selbstbetrug, wird der vom Liberalismus auf einer schiefen und falschen Ebene, unternommene, aber an sich legitime Versuch auf einer richtigen (mit dem Blick ins Zentrum des eigenen Volkstums, nicht aus der Perspektive seiner Auflösung) wiederholt werden müssen — eine Einsicht, die in Palästina zu vertreten freilich vielleicht wichtiger sein wird als in Deutschland (obwohl mir auch das nicht einmal so sicher ist). Ich will jetzt auf Weiteres nicht eingehen, obwohl Ihr Entwurf einer Grundlegung der systematischen Theologie im vierten Kapitel Ihrer Schrift, auch von dem eben herausgehobenen Komplex abgesehen, viel zu bemerken gäbe, insbesondere in Bezug auf die Eschatologie. Wenn neben vielem sehr Wahrem, was Ihre Schrift enthält, die Verschiebung großer Hauptlinien im Spektrum des Judentums bei Ihnen stark hervortritt, so weiß ich, der mit dem „Daseinsverständnis des heutigen Menschen“ gerade als Zeitgenosse keine Idee verbinden kann, im Grunde nicht, welche Revisionsinstanz aus solchem Daseinsverständnis zu schöpfen wäre, an der Sie sich orientieren könnten. Die Beziehung einer historischen auf eine ewige Gegenwart scheint mir nur auf zwei Weisen realisierbar zu sein, (die sich keineswegs ausschließen müssen): im Mediumder Apokalyptik oder der Tradition. Der „biblische“ Standort jenseits von beiden ist eine Chimäre. Altersaufbau und Bevölkerunqsqliederunq der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Jakob. Unser Zeitalter dürfte sich den Beinamen des „statistischen“ geben. Nie ist das Interesse für die zählende und messende Erfassung der Tatsachen unserfer Wirklichkeit gleich groß gewesen. Auch das religiöse Leben kann sich der Statistik nicht mehr entziehen. Freilich wird auf keinem Gebiete der Vorbehalt so stark betont werden müssen, wie bei der Religion, daß das eigentliche nicht in Zahlen zu messen, nicht im Äußeren zu greifen bleibt. Aber die Religion bedarf der Bekenner. Gleichgültig ist es für sie nicht, wieviel ihrer sind und wie sie sich zusämmensetzen. Hier sei ein Versuch vorgelegt, das für eine jüdische Mittelgemeinde festzustellen. Eine solche Einzeluntersuchung darf auf keinen Fall verallgemeinert werden, denn überall liegen die Verhältnisse anders. Wohl aber können allgemeine Behauptungen, wie sie heute gang und gäbe sind, an diesem Einzelfall auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Die hier aufgeführten Zahlen sind absolut genommen viel zu winzig, um daraus Gesetzmäßigkeiten abzuleiten. Es sei noch vorausgeschickt, daß nur der Bevölkerungsstand, nicht die Bevölkerungsbewegung untersucht wurde. Als Stichtag wurde der 31. Dezember 1931 gewählt. Kleine Ungenauigkeiten waren leider unvermeidlich. iDie Volkszählung des Jahres 1925 ergab für die Stadt Augsburg 165 522 Einwohner, darunter 1203 Israeliten — 0,7 %. Unsere Statistik gründet sich auf die Karthotek des Rabbinats und erfaßt 1153 Seelen. Ob die Differenz gegen die Volkszählung auf einer seit 1925 eingetretenen Bevölkerungsabnahme beruht oder auf Unvollständigkeit der geführten Kartei, muß dahingestellt bleiben. Zunächst sei an einem Schaubild der Altersaufbau gezeigt. In dem Schaubild 1sind die Gemeindemitglieder nach den einzelnen Altersgruppen (von 1 — 5 Jahren, von 6 — 10 Jahren usw.) derart angeordnet, daß die männlichen Personen auf der linken, die weiblichen auf der rechten Seite stehen. Die Altersgruppen stehen übereinander. Normaler Weise müßte hierbei das Bild einer Pyramide entstehen, da die Zahl der Geborenen eines Jahrgangs von Jahr zu Jahr durch die Sterblichkeit vermindert wird. Hier dagegen sieht man, daß die Gruppe der 1—5jährigen nicht einmal so groß ist wie die der 66 —70jährigen. Diese zählt 50, jene nur 32 Seelen. So ungeheuerlich' hat sich der Geburtenrückgang schon ausgewirkt. Deutlich ist der Männerverlust durch den Krieg abzulesen, vor allem die 30—50jährigen sind dadurch dezimiert worden. Das sind die Geburtenjahrgänge 1881 — 1901. Der Geburtenrückgang scheint, wenn man aus der äußersten Spitze des Bildes auf der weiblichen Seite Schlüsse ziehen darf, bereits im Jahre 1890, also vor 40 Jahren eingesetzt zu haben. Seitdem ist er so gut wie stetig; nur die ersten Nachkriegsjahre brachten eine kurze Unterbrechung, als viele durch den Krieg